Bischof Dr. Martin Hein beim Neujahrsempfang der Stadt Borken



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Stefan Skasa-Weiss und Anette Antignac sind jetzt Ehrenbürger in Borken (Foto: Rainer Sander)

„Leben ist eine kostbare Gabe…“
Bischof Dr. Martin Hein beim Neujahrsempfang der Stadt Borken
Borken. Im Bürgerhaus wurden am Freitagabend kurzweilige Reden gesprochen, die Bühne zwischenzeitlich in ein Sportstudio verwandelt, Ehrungen zelebriert, über das Leben philosophiert, Musicalmelodien gesungen, ein Baby begrüßt, ein goldenes Buch beschrieben, Musikstücke gespielt, Geschichten erzählt und zwischendurch „Stargäste“ sowie Menschen aus der Mitte der Borkener Gesellschaft interviewt. Ein kurzweiliger Abend – irgendwie. Hätte das ZDF von den Qualitäten Bernd Heßlers als Moderator gewusst, „Wetten, dass…“ hätte noch eine Chance haben können. Der Bürgermeister von Borken führte – wir jedes Jahr – eloquent durch das Programm des Neujahrsempfanges und überziehen kann er außerdem wie Thomas Gottschalk. Eine Stunde länger kann es schon mal dauern. Eben, „Wetten, dass…-tauglich“.

Brot und Spiele im Bürgerhaus
„Brot und Spiele“ könnte man sagen. Society-, Polit- und Gameshow auf der Bühne, frisches Brot und Ahle Worscht (auch ein wenig Käse, Schmalz und Gurken) auf den Tischen. Mit einer guten halben Stunde Verspätung wurde die Nationalhymne zum „Feierabend gesungen. Als die Borkener Bläser – zuständig für den musikalischen Rahmen – mit der Melodie „Gonna Fly Now – Theme From Rocky“ das erste Borkener Baby 2015 in die Halle riefen, marschierten die Hessenpokalsiegerinnen im Fußball von TuS Viktoria Großenenglis gleich mit ein. Vor allem aber ein neugeborenes Leben. 49 Zentimeter groß und 3.290 Gramm schwer war Jerome Noel Jagar, als er am Neujahrstag um 18:51 Uhr im Kreißsaal in Fritzlar das Licht der Welt erblickte. Zahlreiche Fotos, eine Urkunde und eine Vieljahres-Freikarte für den Naturbadesee Stockelache werden ihm eines Tages beweisen, dass er zwei Wochen nach der Geburt, vom Bürgermeister, einer Damen-Kicker-Mannschaft und dem Bischof der Evangelischen Landeskirche im Bürgerhaus begrüßt wurde. Am Abend selbst, fand er es teilweise „zum Schreien“.

Jeder Vorgang kommt irgendwann zum Stillstand

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Bischof Dr. Martin Hein referierte über das Leben aus christlicher Sicht (Foto: Rainer Sander)

Für Landesbischof Dr. Martin Hein war die Brücke – nach Sektempfang über Grußworte und Torwandschießen, bei dem er sich als ehemaliger Fußballer bestens schlug – bis zum Gastvortrag zum Thema „Was ist Leben?“ durch das Baby leicht zu finden. Jeder Vorgang kommt irgendwann zum Stillstand, wenn die Energie ausgeht, lautete seine rein physikalische Vorwegnahme zum Ende allen Daseins auf dieser Erde. Aber wichtiger sei bis dahin die spirituelle Botschaft, dass physikalisches Leben ein Wunder ist, Naturgesetze umkehrt und dem Verfall bis zum Tod entgegenarbeitet. „Leben ist wissenschaftlich nicht zu erklären“, so der Bischof in seinem Resümee und „daher eine kostbare Gabe Gottes“. Karin George – Musical-Künstlerin aus Frielendorf sang passend zum Thema Leonhard Cohens „Hallelujah“ aus dem Film Shrek, „Ich Gehör nur mir“ aus dem Musical Elisabeth (Sissi) und „Erinnerung“ (Memory) aus dem Musical Cats.

Fünf bedeutende Ehrungen

Was man in einem Leben sinnvoll gestalten kann, wenn die Gaben sinnvoll eingesetzt werden und der Zufall ein wenig mitspielt, konnten die etwa 300 Besucher aus Wirtschaft, Vereinen, Verbänden und Politik auch nachvollziehen. Heinz Kimpel und Günter Wilde bekamen für ihre jahrzehntelange ehrenamtliche Arbeit im Roten Kreuz, mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen, eine besondere Auszeichnung aus der Hand von Winfried Becker, zurzeit Vertreter des Landrates im Kreis. Gérard Lippens hat die Städtepartnerschaft zwischen Méru und Borken maßgeblich mitgeprägt und erhielt dafür den Wappenteller der Stadt Borken. Der deutschstämmige Vorsitzende des Partnerkomitees der Partnerstadt in Frankreich Stefan Skasa-Weiss sowie Anette Antignac, eine deutschstämmige Jüdin aus Méru dürfen sich seit Freitag Ehrenbürger nennen.

Anschlag auf die Werte der Französischen Revolution

Durch die 50jährige Verbindung Borkens nach Frankreich und die Anwesenheit der französischen Gäste, stand der Abend selbstverständlich auch im Zeichen der Solidarität nach den Terroranschlägen in Paris. Große Plakate mit verschiedenen Motiven und der Aufschrift „Je Suis Charlie“ berührten die Gäste im Bürgerhaus und die Gäste aus Frankreich gleichermaßen. Heinz Meier, Stadtverordnetenvorsteher aus Borken, ging in seiner Begrüßungsansprache auch darauf ein und bezeichnete die Vorkommnisse als Anschlag auf die Werte der Französischen Revolution.
Karin George hatte passend dazu die Lieder „Ich hab geträumt vor langer Zeit“ aus dem Musical Les Miserables und „Milady ist zurück“ aus dem Musical „Drei Musketiere“ ausgewählt.

Entweder wir finden einen Weg oder wir machen einen!

Als „Sponsor“ der Veranstaltung trat diesmal die Raiffeisenbank Borken auf – immer im Wechsel mit der Sparkasse Borken. Vorstand Christof Wehrum rückte die wirtschaftliche Situation Europas in den Mittelpunkt seiner Ansprache. Noch nie sei eine Niedrigzinsphase auch eine wirtschaftlich starke Phase gewesen. Die EZB würde längst Staatsfinanzierung betreiben dennoch erlebt Deutschland moderates Wachstum und sinkende Arbeitslosenzahlen. Die gleichzeitig gute Haushaltslage des Bundes sei allerdings eher der demographischen Pause und eben diesen niedrigen Zinsen geschuldet, als einer außergewöhnlichen politischen Leistung. Aber getreu dem Raiffeisen-Motto „Wir machen den Weg frei“ zitierte Wehrum den Feldherrn Hanniball aus Karthago: „Entweder wir finden einen Weg oder wir machen einen!“

Borken ist weitgehend saniert

An Bürgermeister Bernd Heßler war es, den Abend zu beschließen. Angesichts moderater 18 Millionen Euro Restschulden durch die Sanierung aus eigener Kraft und durch den Rettungsschirm, konnte das Stadtoberhaupt einen etwas entspannteren Blick in die Zukunft wagen. Nicht ohne noch einmal zurückzuschauen: Alles war in Borken auf eine Sache fixiert. Die Kohle hat den Wohlstand gebracht ihn am Ende auch wieder mitgenommen. Inzwischen ist der Strukturwandel in Borken erfolgreich verlaufen. Die Energiewende ist jetzt eine der wichtigsten Herausforderungen und die interkommunale Zusammenarbeit in Schwalm-Eder-West müsse jetzt umgesetzt werden. Immerhin gibt es nur noch ein Standesamt, die Kassenführung erfolgt gemeinsam und die Personalabrechnung zentral in Wabern.

Platz für Flüchtlinge im reichsten Land der Welt

Es ist aber auch Platz für Flüchtlinge in Borken und wenn sie da sind, so Heßler, „sind wir offen unseren Wohlstand zu teilen“ und Menschen im reichsten Land der Welt aufzunehmen, die in ihrer Heimat um ihr Leben fürchten mussten. Im Rückblick auf die Ansprache von Bischof Hein und im Ausblick auf seine eigene Zukunft, stellte Heßler im Schlusssatz fest, dass auch die Amtszeit eines Bürgermeisters endlich ist. Die Nationalhymne zum Abschluss war am Ende wie die große Klammer, die den Abend beschließt, der lang, aber auch mehr als inhaltsreich war. Es gibt in der Region wenige Neujahrsempfänge mit einem solchen Unterhaltungswert und gleichzeitig so viel menschlicher Nähe und Bereicherung. (rs)

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