Eine Uhr aus dem KZ Dachau

ITS_Effektenübergabe_Pater_EngelmarBad Arolsen, 3. Juni 2016 – Pater Engelmar Unzeitig starb im März 1945 im KZ Dachau an Typhus, nachdem er erkrankte Mitgefangene gepflegt hatte. Am vergangenen Mittwoch konnte der International Tracing Service (ITS) eine Taschenuhr und zwei Ordensmedaillen des Paters an zwei Mitbrüder seines Ordens überreichen. Diese persönlichen Gegenstände befanden sich unter den Effekten ehemals NS-Verfolgter, die der ITS seit Mitte der 1960er Jahre verwahrt. „Es ist unglaublich, dass die persönlichen Gegenstände unseres Mitbruders nach so vielen Jahren ihren Weg in unseren Orden zurückfinden“. Für Pater Michael Maß CMM aus der Ordensgemeinschaft der Missionare von Mariannhill hat zudem der Zeitpunkt dieser Übergabe eine besondere Bedeutung, denn Papst Franziskus hat Pater Engelmar Unzeitig im Januar 2016 offiziell als Märtyrer der katholischen Kirche anerkannt. Am 24. September 2016 folgt seine Seligsprechung im Dom zu Würzburg. „Ein Mitbruder sah in der Nachricht über die Gegenstände einen Wink des Himmels“, so der Ordensvertreter. „Außer einem Kelch, einer Bibel und einem russischen Wörterbuch sind von ihm keine persönlichen Gegenstände überliefert.“

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Porträt Pater Engelmar Copyright: Archiv Redaktion Mariannhill, Reimlingen

Der unter dem Namen Hubert Unzeitig geborene Geistliche wurde im April 1941 von den Nationalsozialisten verhaftet und heute vor 75 Jahren, am 3. Juni 1941, ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Er hatte sich öffentlich für verfolgte Juden eingesetzt. Bei seiner Einlieferung nahmen die Nazis ihm die persönlichen Gegenstände ab – darunter die beiden Medaillen und seine Taschenuhr. „Die Medaillen haben für unsere Ordensgemeinschaft einen großen Wert“, erklärt Pater Michael. „Es handelt sich zum einen um die Profess-Medaille, die jeder Mitbruder ausgehändigt bekommt, wenn er sein Ordensgelübde ablegt. Die zweite Medaille hat Pater Engelmar während seiner Schulzeit der ordenseigenen Schule überreicht bekommen. Zukünftig werden die Medaillen vermutlich als Berührungsreliquien des künftigen Seligen verwendet.“
Hilfe für Mitgefangene
Zahlreiche Briefe hat Pater Engelmar während seiner knapp vierjährigen Inhaftierung im KZ Dachau geschrieben. In einer der letzten Nachrichten an seine Schwester Adelhilde schrieb er: „Liebe verdoppelt die Kräfte, sie macht erfinderisch, macht innerlich frei und froh“. Die
katholische Kirche würdigt mit der Seligsprechung, dass Pater Unzeitig an seinem Glauben festhielt und sich ungeachtet der lebensbedrohlichen und unmenschlichen Bedingungen um hilfsbedürftige Mithäftlinge kümmerte. Er teilte seine Essensrationen und betreute Mitgefangene als Seelsorger. Als 1945 im KZ Typhus ausbrach, meldete er sich freiwillig zur Pflege, infizierte sich und starb selbst an der Krankheit. Für seine Mitbrüder ist der Pater ein großes Vorbild: „Er hat uns gezeigt, wie wichtig der Glaube an Gott ist: egal wo man lebt und egal wie beschwerlich die Umstände sind“, so Pater Michael.
Dokumente im Archiv des ITS

 [Klicken Sie, um das Bild zu schließen. Klicken und ziehen Sie, um es zu verschieben. Benutzen Sie die Pfeiltasten für vor und zurück.] Cäcilia Maria Unzeitig, Mutter von Pater Engelmar. Sie starb 1943. Pater Engelmar war zu dieser Zeit schon zwei Jahre im KZ-Dachau interniert Bild 3 von 35 | Copyright: Archiv Redaktion Mariannhill, Reimlingen

Cäcilia Maria Unzeitig, Mutter von Pater Engelmar. Sie starb 1943. Pater Engelmar war zu dieser Zeit schon zwei Jahre im KZ-Dachau interniert Copyright: Archiv Redaktion Mariannhill, Reimlingen

Während des Besuchs beim ITS am 1. Juni 2016 konnten die Mitbrüder auch Originaldokumente einsehen, die die Inhaftierung des Paters betreffen. Neben Häftlingslisten des Konzentrationslagers mit Einträgen zu dem Pater befindet sich eine Todesmeldung im Archiv. Anna Meier-Osiński, ITS-Abteilungsleiterin der Auskunftserteilung zu NS-Verfolgten, und ihre Mitarbeiterin Ulrike Witte erklärten die Dokumente und überreichten neben der Taschenuhr auch Kopien der Unterlagen. „Für den ITS sind diese Begegnungen nicht nur besonders, weil wir informieren und Gegenstände zurückgegeben können“, unterstreicht Meier-Osiński. „Sie bieten uns die Möglichkeit, mehr über das Leben der NS-Verfolgten zu erfahren.“
Um möglichst viele der noch rund 3.200 vom ITS verwahrten persönlichen Gegenstände an Nachfahren aushändigen zu können, hat der ITS im Oktober 2015 Fotos sämtlicher Effekten in seinem Online-Archiv veröffentlicht. Seit der Onlinestellung konnten bereits zwölf Effekten übergeben werden.
Über den ITS
Der International Tracing Service (ITS) ist ein Archiv und Dokumentationszentrum über NS-Verfolgung und die befreiten Überlebenden. Aus mehr als 30 Millionen Dokumenten erhalten ehemals Verfolgte und ihre Nachfahren Informationen zur Inhaftierung, Zwangsarbeit sowie der Nachkriegsunterstützung durch die Alliierten. Das Archiv ist zugleich die Grundlage für Forschung und Bildung. Um diesen Aufgaben gerecht zu werden, besteht eine internationale Zusammenarbeit mit Gedenkstätten, Archiven und Forschungsinstitutionen.
Der ITS erinnert an die Opfer der NS-Verbrechen und leistet einen Beitrag zur Gedenkkultur. Seit 2013 sind die Originaldokumente des Archivs Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes „Memory of the World“.
Die Aufsicht des ITS obliegt einem Internationalen Ausschuss mit Vertretern aus elf Mitgliedstaaten: Belgien, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Israel, Italien, Luxemburg, Niederlande, Polen, USA, Vereinigtes Königreich. Finanziert wird der ITS aus dem Haushalt der Beauftragten für Kultur und Medien (BKM). Sein institutioneller Partner ist das Bundesarchiv.
Ausgewählte Bestände sind in einem Online-Archiv zugänglich: digitalcollections.its-arolsen.org

PM www.its-arolsen.org

(CB)

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