Es kommen mehr Flüchtlinge nach Baunatal



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Manfred Schaub stolz auf die Baunataler (Foto: Rainer Sander)

Manfred Schaub stolz auf die Baunataler (Foto: Rainer Sander)

Stadt informiert und diskutiert mit Bürgern
Baunatal. Etwa 150 Flüchtlinge sind bisher in Baunatal angekommen, zwei Drittel von ihnen leben abseits der Wohngebiete in einer Gewerbeimmobilie in Hertingshausen (Gemeinschaftsunterkunft), der Rest in Privatwohnungen. Das sind 0,5 Prozent in Bezug auf die Einwohnerzahl und damit weit weniger als in anderen Kommunen. Trotzdem gibt es Ängste und Vorbehalte – oder gerade deshalb? Sie wurden in Worte gefasst bei einer Informationsveranstaltung am Mittwochabend.

„Auch in Schauenburg hatten die Nachbarn am Anfang Angst – bevor die Flüchtlinge kamen“, weiß Jörg Roßberg, Leiter des Sozialamtes im Landkreis Kassel zu erzählen, später haben die größten Kritiker mit den Flüchtlingen zusammen gegrillt. Und: „Wir schaffen Ihnen keine Zombies vor die Tür!“ Es war eine (fast immer) sachliche und stellenweise doch emotionale Diskussion im Baunataler Rathaus, als Stadt und Kreis über geplante Aufnahmen und neue Immobilien berichteten.

Gasthaus Freitag konkretisiert sich
Das frühere Gasthaus Freitag ist der Favorit, das Gemeindezentrum der evangelischen Kirche in Altenritte im Gespräch und eine leerstehende Immobilien an der Lindenallee eine weitere Option. Ein Gebäude in der Stettiner Straße ist für unbegleitete Jugendliche mit einem Betreuungsschlüssel von 1:2 vorgesehen. Das Jugendamt schließt im Falle der Realisierung dann einen Vertrag mit einem Jugendhilfeträger, der die Minderjährigen adäquat betreut.

Bürgermeister Manfred Schaub weiß um die Kritik und möchte dennoch Hilfebedürftigen mit angemessener Unterstützung gerecht werden. Für solch eine Herkulesaufgabe müsse man auch vergleichend nach Wolfhagen oder Fuldatal schauen. Positiv ist der Verwaltungschef über Zivilcourage und Hilfsbereitschaft der vielen Nachbarn und Ehrenamtlichen überrascht. Als Profis arbeiten Frau Bodenstein und Frau Döring bei der Stadt Baunatal für die Flüchtlingsbetreuung. Damit ist Baunatal eine der wenige Kommunen mit Personalgestellung.
Für das Gasthaus Freitag gibt es schon einen Mietvertrag, zum 1. Mai soll es zum Einzug hergerichtet sein und für 50 Flüchtlinge Platz bereithalten. Der richtige Weg sind feste Häuser, darin sind sich Schaub und Roßberg einig. Doch eine Frage kommt immer wieder: Muss es gerade hier sein? Sie wurde auch in der Bürgerversammlung mehr als einmal gestellt.

Voll besetzter Saal im Rathaus (Foto: Rainer Sander)

Voll besetzter Saal im Rathaus (Foto: Rainer Sander)

Geschäftemacherei und Überbelegung?
Reinhard Wicke wohnt im Lärchenweg und betreibt dort ein Bestattungsunternehmen. Er sieht sich mit einem Problem Konfrontiert, dass er nicht will. Dem Gasthaus Freitag wurde die Konzession entzogen wegen Brandschutz und jetzt ist es geeignet, fragt er. Ob jeder Kopf Geld bringe, will er wissen. „Ich betreibe ein Bestattungsunternehmen und keine Dönerbude, die Kunden sehen die Umwelt“, fürchtet er um Nachfrage. Die Flüchtlingsunterbringung sei Geschäftemacherei und von vorne bis hinten getürkt, vermutet er. Sein Sohn Heiko führte die Gewerbesteuerzahlungen des Betriebes an und drohte mit Rückzug aus Baunatal.

Nach Erklärungen von Manfred Schaub, dass der Konzessionsentzug wesentlich differenzierter zu betrachten sei und es keine Ausnahmen beim Brandschutz gebe, dieser eher noch strenger berücksichtigt werde und Roßbach, dass lediglich Mieten zwischen 3,50 und 6,00 Euro auf ortsüblichen Niveau gezahlt werden, lenkte der Unternehmer ein: er sei doch gar nicht gegen die Flüchtlinge, aber 30 in dem Haus würden doch auch reichen.

Viele Fragen und viele Antworten
Frank Eskuche will wissen, ob in dem Haus in der Stettiner Straße Mieter gekündigt wurden, damit jetzt gewinnbringend Asylanten untergebracht werden? Roßberg: dazu: Kopfpauschalen gibt es nur bei Betreibern, die auch Personal einsetzen und Betreuung gewährleisten.
Klaus Dettmar ist erstaunt, wie gut es geht. Als Betroffener will er, dass Menschen, die aus Tod und Krieg kommen, Hilfe in der Wohlstandsgesellschaft erfahren: „Ich lebe immer noch genauso gut, ich warte immer darauf, dass etwas passiert, aber es passiert nichts.“ Ein anderer will wissen, ob Flüchtlinge versichert sind, wenn beispielsweise mit einem Fahrrad was geschieht? Die Antwort des Sozialamtsleiters: Es gibt keine Pflichtversicherung für sozial schwache Menschen, auch Sozialhilfeempfänger sind meist nicht haftpflichtversichert.

Sieht sein Geschäft gefährdet: Reinhard Wicke (Foto: Rainer Sander)

Sieht sein Geschäft gefährdet: Reinhard Wicke (Foto: Rainer Sander)

Steigerung der Kriminalität?
Auch die Frage nach der Kriminalitätsrate taucht auf. Manfred Schaub dazu: „bisher Null Kriminalität.“ Auch Rosberg bestätigt: die Polizeistatistik weist keine höhere Kriminalitätsrate aus und in Hertingshausen bestätigt der Center-Manager im Ratio, dass es bisher keine Probleme gegeben habe. Für Herrn Menger schildert Herr Roßberg lediglich eine heile Welt. Ihm habe ein Wachmann gesagt, er müsse eine Schussweste tragen, es gebe Drogenhandel und Prostitution, aber darüber dürfe nicht gesprochen werden.

Andreas Mock will etwas über die Mietdauer wissen und was geschähe, wenn Gebände nicht so lange gebraucht werden? Frank Mulis fragt, ob denn tatsächlich Moslems in christlichen Häusern untergebracht werden? Hans Haspen wirft den Handelnden vor, blind in die Zukunft zu sehen. Es sei doch „unsere Stadt, warum werden wir nicht gefragt und wann gehen die Menschen wieder nach Hause?“

Auf die meisten Fragen gibt es sachliche Antworten. Dealen und Prostitution käme vereinzelt in den Erstaufnahmeeinrichtungen vor, nicht aber in den Familienunterkünften. Inzwischen kämen auch mehr Familien. Flüchtlinge vom Balkan blieben in den Erstaufnahmeeinrichtungen.

Herr Vollmar ist oft in Heringshausen und kann schlechte Erfahrungen nicht bestätigen. Anette Böhle sieht noch Gesprächsbedarf, aber auch einen guten Einstieg. Es sei mutig, dass Ängste angesprochen werden. In Altenritte sei die Vorgehensweise seitens des Kirchenvorstandes nicht offen genug. Frau Hofstetter ist jeden Tag in Hertingshausen in der Kleiderkammer und erkennt dort Positives. Peter Hammerschmidt, Vorsitzender der Wirtschaftsgemeinschaft Baunatal kam gerade von einer IHK-Veranstaltung zu diesem Thema. Er kann die Ängste verstehen, sieht allerdings in Bildung und Arbeit die Lösung. Gerade Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak sind oft hoch motiviert. (rs)



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