Mit Gewalt erreicht man keine Liebe



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Die Rote Karte von Bürgermeister Manfred Schaub (Grafik: Stadt Baunatal)

Die Rote Karte von Bürgermeister Manfred Schaub (Grafik: Stadt Baunatal)

„Mit Gewalt erreicht man keine Liebe“
Baunatal schreitet voran – Interreligiöse Erklärung unterzeichnet
Baunatal. „Mit Gewalt erreicht man keine Liebe“, so verkündet Iman Bakan Dursun von der Eyüp-Sultan Moschee Baunatal auf einer Postkarte. „Wer liebt, der schlägt nicht – und wer schlägt, der liebt nicht!“ So ergänzt Pastor Johannes Schilling von der Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Baunatal. Auf einer anderen Postkarte erklärt Ex-Fußballer Bürgermeister Manfred Schaub mit Bild und Worten, dass er häuslicher Gewalt die rote Karte zeigt und Henning Hinn, Leiter des Polizeirevier Südwest in Baunatal, erklärt: „Wer abends schlägt, verbringt die Nacht bei uns! „Wenn Menschen miteinander leben, so ist dies ein Höchstmaß an Garantie für die Umsetzung“, mit diesen Worten leitete Bürgermeister Manfred Schaub die Unterzeichnung der „Interreligiösen Erklärung“ gegen häusliche Gewalt in Baunatal ein. Das gilt sowohl für die handelnden Personen, die die Erklärung unterzeichnet haben – und das, was sie in ihren Organisationen vertreten – als auch für die Zielpersonen der Erklärung:

Religion ist keine Legitimation
„Überall auf der Welt stoßen wir auf Gewalt gegen Frauen, unabhängig von der jeweils vorherrschenden Religion. Wir finden Sie in vom Buddhismus und Hinduismus geprägten Ländern, in Ländern, in denen das Christentum vorherrscht und in Ländern des Islam, des Judentums und auch in atheistisch geprägten Ländern. Gewalt gegen Frauen ist kein Wesensmerkmal dieser genannten Religionen, sondern findet sich häufig in Gesellschaftsformen, die stark von patriarchalen Strukturen und Traditionen geprägt sind. Mit Betroffenheit stellen wir jedoch fest, dass Menschen bis heute auch Religionen zur Legitimation von häuslicher Gewalt gegen Frauen benutzen. Hier lehnen dies ausdrücklich ab.“ So beginnt die gemeinsame Erklärung des Evangelischen Kirchenbezirkes Baunatal, der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Baunatal, der Katholischen Kirchengemeinde Baunatal und der DITIB Moschee in Baunatal, die jetzt im Rathaus der Stadt unterzeichnet wurde. Pfarrerin Ulrike Joachimi (Evangelischer Kirchenbezirk), Pastor Johannes Schilling (Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde), Bakan Dursun (Eyüp-Sultan Moschee) und Doktor Joachim Rabahnhofs (Katholische Kirchengemeinde Christus Erlöser) haben lange um Formulierungen gerungen, aber nur um die für alle Religionen passenden Worte zu finden und zu transportieren. In der Sache waren sich die Unterzeichner von Anfang an einig.

Sie sind gegen Gewalt in der Familie (v.l.): Pfarrer Dr. Joachim Rabanus, Frauenbeauftragte Irmgard Schüler, Iman Barkan Dursun, Bürgermeister Manfred Schaub, Pfarrerin Ulrike Joachimi, Pehlül Kaharan (Ausländerbeirat Baunatal), Revierleiter Henning Hinn und Pastor Johannes Schilling (Foto: Rainer Sander)

Sie sind gegen Gewalt in der Familie (v.l.): Pfarrer Dr. Joachim Rabanus, Frauenbeauftragte Irmgard Schüler, Iman Barkan Dursun, Bürgermeister Manfred Schaub, Pfarrerin Ulrike Joachimi, Pehlül Kaharan (Ausländerbeirat Baunatal), Revierleiter Henning Hinn und Pastor Johannes Schilling (Foto: Rainer Sander)

Gewalt ist weder Privatsache noch Kavaliersdelikt
Gewalt gegen Frauen lässt sich in keiner Weise religiös begründen oder legitimieren, wie die Erklärung weiter formuliert. Damit ist Gewalt gegen Frauen weder ein Kavaliersdelikt noch eine Privatsache sondern vielmehr eine gravierende Straftat, die gegen Ethik und Werte aller Religionen verstößt. Das soll die Erklärung zum Ausdruck bringen und damit zeigen, dass es in Baunatal 0 Toleranz für Gewalt gegen Frauen gibt. Die Religionsvertreter beziehen sich auf eine Studie der Bundesregierung aus dem Jahr 2004, nach der jede 3. Frau zwischen 16 und 85 Jahren schon einmal körperliche Gewalt erfahren hat und dies geschieht zumeist innerhalb der Wohnung. Ob Vater, Partner oder sogar die Kinder, sie alle sind als Täter betroffen. Allerdings gibt es– und das räumen die Unterzeichner ein – auch Gewalt von Frauen gegen Männer, die selbstverständlich ebenso wenig akzeptabel ist.

Bürgermeister Manfred Schaub wies in den einleitenden Worten vor der Unterzeichnung darauf hin, dass es seit 2003 einen runden Tisch zur häuslichen Gewalt gibt, an dem auch die Polizei die Ärzteschaft sowie andere Personen und Gruppen beteiligt sind. Das Thema hat in Baunatal also schon vor dem Bericht der Bundesregierung beschäftigt. Baunatal möchte den Tätern Grenzen setzen aber auch ein Hilfsangebot unterbreiten.

Familie gibt Geborgenheit und Sicherheit
Familie ist der Bereich, der uns Geborgenheit und Sicherheit gibt, so heißt es in einer Presseinformation der Stadt Baunatal zum Thema. Aber was ist, wenn es in diesem Bereich zu gewalttätigen Handlungen kommt? Was passiert, wenn ein Mann seine Frau schlägt, der Vater die Mutter? Die rechtliche Situation von Opfern von häuslicher Gewalt ist gut, trotzdem erdulden viele Frauen die Gewalt aus Scham oder um ihren Kindern den Vater zu erhalten. Doch die Gewalt zwischen Müttern und Vätern belastet auch die Kinder. Sie sind stets ebenfalls Opfer, wenn ein Elternteil das andere Elternteil schlägt oder demütigt. Kleine Kinder fühlen sich oft schuldig, glauben, dass sie der Äuslöser für die Wutausbrüche des Vaters sind. Ältere Kinder verstehen nicht, dass sich ihre Mutter dieses Verhalten des Vaters gefallen lässt, wollen helfen, können aber nicht. Traurigkeit, Hilflosigkeit, Verzweiflung und Wut sind das Wechselbad der Gefühle, dem diese Kinder und Jugendlichen immer wieder ausgesetzt sind.

Mehrsprachige Erklärung und Hilfsangebot
Damit alle Mitbürger Erklärung lesen können, wurde sie von einem Übersetzungsbüro auch in die russische und türkische Sprache übersetzt.
Die Erklärung wird begleitet von der eingangs erwähnten Postkartenaktion, auf der alle Beteiligten eindeutige Statements abgeben. Es geht aber nicht nur darum, in der Familie für Kriminalisierung zu sorgen, sondern nachhaltig Auswege zu finden. Hilfsangebote sowohl für Täter, als auch für Opfer, begleiten die Aktion. Auf der Internetseite der Stadt Baunatal wird die Erklärung ab dem 30. September 2015 als PDF zu finden sein.

Nicht das letzte gemeinsame Gespräch
Wie wahr die Worte von Manfred Schaub über das „Reden“ sind, wurde in der entspannten Atmosphäre im Rathaus deutlich. Man habe viele überraschende Sichtweisen und Erkenntnisse im Dialog mit den anderen Religionen erfahren, darin waren sich viele der Beteiligten einig. Sicherlich ein guter Grund, diese Gespräche auch auf anderen Ebenen zu suchen und erfolgreich zu führen. (rs)



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