Sommerfest der Kulturen



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Privatkonzert im Flüchtlingsheim: Karin George (Foto: Rainer Sander)

Privatkonzert im Flüchtlingsheim: Karin George (Foto: Rainer Sander)

Flüchtlinge aus Baunatal-Hertingshausen feiern ihren Nachbarn

Baunatal. Seit etwa einem Jahr leben Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Äthiopien, Pakistan und Iran im früheren Sagaflor Verwaltungsgebäude „hinterm Ratio“. Am Sonntag feierten sie das einjährige Bestehen der Übergangseinrichtung mit einem „Fest der Kulturen“ und luden alle ein, die sich für die Kultur ihrer Heimatländer interessieren und lieber mit den Flüchtlingen sprechen, als über diese.

Es war also eine gute Gelegenheit, auch für alle diejenigen, die Angst vor einer Veränderung Deutschlands oder drohendem Islamismus haben, vor Ort Menschen zu treffen, die vermutlich selbst mehr Angst vor der Zukunft haben, als diejenigen hierzulande, die bei Regen die Komfortzone deutscher Wohnzimmer ungern verlassen.

Heißer Rhythmus beim Drum Circle

Nach vielen Wochen Hitze überraschte ein Regentag die Fest-Organisatoren. Aber auch wenn der ganz große Ansturm ausblieb, zog es viele neugierige, interessierte und aufgeschlossene Besucher in die Einrichtung. Im Laufe des Samstagnachmittags nutzten viele Bewohner das Fest, um ein wenig von der Kultur ihrer Heimat zu zeigen. So ging es lautstark und rhythmisch zu beim Drum Circle, bei dem Jung und Alt, unterschiedlichste Nationen und Einheimische gemeinsam trommelten. Baunataler Vereine waren ebenfalls aktiv. So präsentierte sich der KSV Baunatal, der bereits erfolgreich einige Flüchtlinge in die Abteilungen integriert hat, als Sportverein für ganz Baunatal. Für die Kinder war das Spielmobil Augustine angereist. Außerdem gab es einen Kletterturm und Torwandschießen.

Mahmoud Esmail aus Syrien hatte ein Dankesgedicht verfasst und verteilte es unter den Gästen:

Ich liebe Deutschland

Ich liebe Deutschland
Ich liebe Leute aus Deutschland
Ich habe in Deutschland Menschlichkeit gefunden
Ich finde die Bäume und die Blumen schön
Auch habe ich hier Sicherheit gefunden
Auch habe ich Freigebigkeit gefunden
Ich liebe Deutschland sehr
Ich bin treu für Deutschland
Man sieht und nimmt uns gleich wie alle Menschen

Wir haben Land und Meer durchquert
Wir gingen durch gefährliche Abenteuer
Und endlich sind wir in sicherem Land angekommen
Wir haben alle die Leute gut und freundlich getroffen
Wir werden nach einem Jahr alle zusammen eine Familie
Eure Stadt ähnelt wie unserer Stadt
Ich habe eure Stadt gleich wie meine Stadt geliebt
Ich schreibe gerne Gedichte für eure Stadt
Ich möchte pflegen Blumen und Rosen
Sie verdienen Liebe und Leben
Herzlichen Dank all Ihnen!

Kaffee und Kuchen für die Gäste (Foto: Rainer Sander)

Kaffee und Kuchen für die Gäste (Foto: Rainer Sander)

Uni in Damaskus ist zerstört

Damit war es leicht ins Gespräch zu kommen und etwas über Familie Esmail zu erfahren. Als erster nach Deutschland gekommen war der älteste Sohn Mehdi, der in Damaskus sein Produkt-Design-Studium abbrechen musste, als der Teil der Universität durch einen Bombenangriff in die Luft flog. Über Rotenburg, Lohfelden und Calden war er nach Baunatal gekommen, nachdem er mit dem Boot von der Türkei nach Griechenland geflohen war.

Mit der Bleibe im Übergangsheim im Rücken, hatte dann er die Flucht seiner jüngeren Geschwister und der Eltern organisiert. Die jüngste Tochter von Mahmoud Esmail ist 11 Jahre alt. Alle verstehen bereits Deutsch, weil sie in der Einrichtung den Deutschunterricht besuchen. Mehdi Esmail hat inzwischen eine Wohnung in Lohfelden. Die übrige Familie sucht noch eine Wohnung oder ein Haus, um aus die Übergangseinrichtung mit ihrer Enge schnellstmöglich verlassen zu können.

Privatkonzert von Karin George

Eingeladen in die Privaträume der Familie gab die – zu den Besuchern zählende nordhessische Musicaldarstellerin Karin George (Frielendorf) – ein kleines Privatkonzert. Und sofort hatte Mahmoud Esmail die Idee: „Wir treten gemeinsam auf, Sie singen, ich trage Gedichte vor!“

Für kreative kleine und großen Menschen hatten deutsche und afghanische „Künstler“ eine Kreativwerkstatt organisiert. Eine Diaschau verschaffte Einblicke in die Hintergründe. Abgerundet wurde das Programm durch Darbietungen einer Hip-Hop-Gruppe und der Flamencogruppe des KSV Baunatal. Außerdem bestand die Möglichkeit, sich die Seminarräume und den Kinderbetreuungsraum anzuschauen. (rs)

Hintergrund:

Die Einrichtung in Baunatal-Hertingshausen ist eine Gemeinschaftseinrichtung für den Übergang und dient nur solange als Unterkunft, bis geklärt ist, ob Flüchtlinge in Deutschland bleiben können und eine Wohnung gefunden haben. Betrieben wird sie vom Landkreis Kassel. Zum Betreuungsangebot gehören Unterricht über die deutsche Kultur und die deutsche Sprache. Kinder erhalten zusätzlich Unterstützung bei Hausaufgaben in der Schule.

 

 



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