Weniger Straftaten, mehr Aufklärung in Nordhessen

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Uwe Papenfuß (Leiter Abteilungsstab Einsatz), Konrad Stelzenbach (Polizeipräsident), Jürgen Wolf / Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (Grafik: Polizei|nh)

Polizeiliche Kriminalstatistik für Nordhessen und Kassel

Nordhessen | Kassel. Wenn der Schutzmann ums Eck kommt, nimmt der „Ede“ Reißaus, so lautet die einfache Präventionsformel aus dem Titellied zur ARD-Fernsehserie Großstadtrevier. Das ist ein wenig romantisch dargestellt und anders als im Fernsehkrimi, gibt es keine hundertprozentige Verbrechensaufklärung im realen Polizei-Alltag – und das nicht nur in Nordhessen. Die Aufklärungsquote liegt aktuell im Jahr 2015 bei 57,2 Prozent, im Jahr 2014 waren es nur 55,2 Prozent. Im Landkreis Kassel war die Entwicklung noch günstiger, dort hat sie sich von 51,2 auf 55,9 Prozent erhöht. Etwas schwächer schneidet dazu im Vergleich die Stadt Kassel ab. Mit 55,1 Prozent liegt der Wert 2015 nur 0,7 Prozentpunkte über dem Vorjahreswert von 54,4 Prozent.
In der Tat fühlen sich die Menschen sicherer, wenn sie den Schutzmann ums Eck kommen sehen. Die tatsächliche Polizeiarbeit findet eigentlich nur noch dann auf der Straße statt, wenn dort zu einem Einsatz gerufen wird. Finden einzelne Fälle ihren Weg durch die Print- und Online-Medien und geistern – je nach Interessenlage derer, die sie posten – mehr oder weniger intensiv durch die sozialen Medien, dann entsteht schnell der Eindruck, man sieht die Polizei nicht, Verbrechen nehmen zu die Lösungsformel scheint einfach: mehr Polizei, weniger Verbrechen.

Weniger Delikte – weniger Mordfälle
Das ist nur die halbe Wahrheit, denn die Statistik belegt anhand von absoluten Zahlen, wie es wirklich ist. Polizeipräsident Konrad Stelzenbach, Uwe Papenfuß (Leiter Abteilungsstab Einsatz und Jürgen Wolf (Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) haben jetzt die Polizeiliche Kriminalstatistik für Nordhessen sowie für Stadt und Landkreis Kassel veröffentlicht.
2015 war die Gesamtzahl der Delikte rückläufig. Von 48.067 im Jahr 2014 auf jetzt 44.919, hat sie sich innerhalb eines Jahres um 6,5 Prozent verringert. In Stadt und Landkreis Kassel weichen sie allerdings voneinander ab: 20.931 (2014 = 21.009) Delikte waren es in der Stadt – und damit fast die Hälfte aller statistisch erfassten Delikte in Nordhessen –, lediglich 7.276 (2014 = 8.200) im

Die Verteilung der Straftaten nach Delikten (Grafik: Polizei|nh)

Die Verteilung der Straftaten nach Delikten (Grafik: Polizei|nh)

Landkreis.
Interessant ist nicht nur für die Polizei, welche Arten von Verbrechen beziehungsweise Delikten steigen, welche zurückgehen, denn davon hängt meist auch die Aufklärungsquote ab. Der „Tatort“ im Fernsehen hat nicht ganz Unrecht, Tötungsdelikte werden zumeist tatsächlich alle aufgeklärt. Allerdings kommen diese in Nordhessen selten vor. Von fünf (zwei vollzogenen und drei versuchten) Mordfällen in Nordhessen, wurden im Jahr 2015 vier aufgeklärt (80 Prozent) und sie sind nicht die Spitze eines Eisbergs, sondern – auch wenn jeder Mord zu viel ist – statistisch eine niedrige Zahl. Auch diese ist rückläufig, vor zwei Jahren waren es noch neun Fälle. Auf die Stadt Kassel entfallen drei Mordfälle, auf den Landkreis Kassel zwei. Das übrige Nordhessen blieb 2015also verschont.

So verteilen sich die Straftaten im Landkreis Kassel (Grafik: Polizei|nh)

So verteilen sich die Straftaten im Landkreis Kassel (Grafik: Polizei|nh)

Mehr Diebstahl und mehr Einbrüche
Was tatsächlich ansteigt, sind Delikte mit gleichzeitig relativ geringer Aufklärungsquote. Diebstahl hat mit 42 Prozent den höchsten Anteil. Wohnungseinbrüche sind mehr geworden, sie werden nur zu einem Viertel aufgeklärt. 1.655 waren es in Nordhessen, fast 300 mehr als 2015: 1.364. Auffällig auch hier die Unterschiede zwischen Stadt und Landkreis: während der Wert „auf dem Lande“ von 419 auf 382 sogar zurückging, stieg er in der Stadt gleichzeitig von 524 auf 805 an. Rein rechnerisch ist das die gesamte Steigerung von Nordhessen. Im ländlichen Umfeld ist auch die soziale Kontrolle eine bessere. Die Rechnung für die Statistik ist einfach: erhöht sich der Anteil von Diebstahl, so sinkt gleichzeitig die Aufklärungsquote insgesamt. In 2015 ging der Polizei ein Serientäter aus dem Landkreis Kassel ins Netz und weil Aufklärungen nicht in das Jahr des Delikts zurückgerechnet werden, sondern immer im Aufklärungsjahr in die Statistik einfließen, gibt es in der Darstellung mitunter ein verzerrtes Bild, das sich nur in der Betrachtung über mehrere Jahre relativiert.

Täter und Gruppen kommen auch aus dem Ausland und zwar gezielt, um Einbrüche zu begehen. Es ist also nicht die Flüchtlingssituation, die für steigende Einbrüche verantwortlich ist. Bei ausländischen Tätern gilt: Taten sind nicht vom Herkunftsland abhängig, sondern mehr durch den Kulturkreis beeinflusst. Insgesamt ist auch durch den hohen Zuzug der Flüchtlinge keine Steigerung der Deliktzahlen feststellbar. Eine konkrete Zuordnung von Straftaten zu Flüchtlingen ist nicht auswertbar, da dieses statistisch erst ab 2015 überhaupt in dieser Form erfasst werden.

Weniger Rohheits-, weniger Sexualdelikte – das Leben ist sicherer geworden
Auch sogenannte Rohheitsdelikte gehen zurück – trotz bekannt werdenden Schlägereien unter Flüchtlingen. Die Massenschlägerei von Calden war in dieser Art Einzelfall. Polizeilich registriert wurden dort etwa 10 Personen.

Einfacher Diebstahl ist in Nordhessen insgesamt rückläufig, lediglich aus Fahrzeugen ist er angestiegen. Oft handelt es sich dabei um Liefer- und Handwerkerfahrzeuge, die während der Auslieferung oder Arbeit offen stehen. Ladendiebstähle indes haben sich leicht erhöht. Die Steigerung in Calden belief sich von 1 auf 23, insgesamt von 142 auf 210.

Weniger geworden sind auch die Sexualdelikte, die insgesamt mit 458 (2014 = 539). Vergewaltigungen gingen in Nordhessen von 90 auf 66 zurück. In der Stadt Kassel blieben sie mit 30 auf Vorjahresniveau, im Landkreis war es mit 13 eine Vergewaltigung mehr. Auch Delikte im öffentlichen Raum und Raubdelikte gehen zurück. Objektiv ist das Leben in Nordhessen und im Landkreis Kassel also tatsächlich sicherer geworden.

So verteilen sich die Straftaten in der Stadt Kassel (Grafik: Polizei|nh)

So verteilen sich die Straftaten in der Stadt Kassel (Grafik: Polizei|nh)

Auch 1989 stiegen Fallzahlen an
In der aktuellen öffentlichen Diskussion ist ein Blick zurück interessant: auch nach der Grenzöffnung zur ehemaligen DDR 1989 und durch Zuzüge aus der ehemaligen Sowjetunion in den achtziger und neunziger Jahren, gingen die Deliktzahlen – vor allem bei den Diebstählen in die Höhe.
Und wer meint, dass durch große Veranstaltungen der Kriminalität Tür und Tor geöffnet wird, wird durch die Zahlen vom Hessentag eines Besseren belehrt. Dort gab es keine Steigerung der Kriminalität, sondern tatsächlich einen leichten Rückgang. (rs)

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