50. Gespannfahrt für behinderte Menschen



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Die ältesten und die am weitesten angereisten Teilnehmer: Günter Materlik (77), Horst Orlowski (79), Tinne Vandenaweele und Lieve Decoster (beide Belgien) (Foto: Rainer Sander)

Die ältesten und die am weitesten angereisten Teilnehmer: Günter Materlik (77), Horst Orlowski (79), Tinne Vandenaweele und Lieve Decoster (beide Belgien) (Foto: Rainer Sander)

„Fast wie Fliegen“

Hessisch Lichtenau | Borken. Begonnen hat alles im Jahr 1967 mit einer ersten Ausfahrt für körperlich behinderte Kinder. Damals waren die Schädigungen durch Contergan ein ganz großes Thema. Seitdem findet das Event immer am Himmelfahrt-Wochenende statt. Von Donnerstag bis Sonntag sind die Motorrad-Gespannfahrer der Interessengemeinschaft Jumbofahrt Deutschland e.V. dann ganz für andere Menschen im Einsatz.

Bereits zum 50. Mal luden die Motorradfahrer Patienten und körperbehinderte Menschen aus der Rehabilitationsklinik in Hessisch Lichtenau (Lichtenau e.V.) zu einer ausgedehnten Spazierfahrt im Seitenwagen ein. Die Tour führte diesmal in den Themenpark Kohle und Energie des Borkener Bergbaumuseums, wo die große Gruppe mit Rollstuhlfahrern und gehbehinderten Menschen – oft schicksalhaft Opfer von Unfällen – einen ganz besonderen Tag erlebten. Volker Grimm, Organisator der Ausfahrt weiß zu berichten, dass eine Teilnehmerin die gut einstündige Fahrt im Seitenwagen eines Motorrads mit den Worten „das ist wie Fliegen“ beschrieb.

Teilnehmer aus Benelux

Die Motorradfahrer kommen aus dem ganzen Bundesgebiet sowie dem benachbarten Ausland, beispielsweise aus Belgien. Die „Jumbo-Fahrt“ in Hessisch Lichtenau ist die älteste und traditionsreichste dieser Fahrten in Deutschland. Der frühere Kasseler Zweiradhändler Kurt Schirakowski († 1997) hatte diese Idee bei einer Jumbofahrt in Holland aufgegriffen und zusammen mit der Orthopädischen Klinik in Hessisch Lichtenau 1967 die erste gemeinsame initiiert.

Den betroffenen Menschen vermittelt das Erlebnis ein Gefühl von Selbstverständnis und Akzeptanz in unserer Gesellschaft. Die gemeinsamen Aktivitäten dieser sehr unterschiedlichen Personengruppen lassen außen stehende Zuschauer die Normalität im Umgang mit Menschen mit Handicap erkennen und ihre Hemmungen und Berührungsängste abbauen.

Unzählige Stunden ehrenamtliche Arbeit für einmalige Erlebnisse

1000 ehrenamtliche Stunden jährlich werden von dem Vorsitzenden Volker Grimm und seinem Team geleistet, um die „Jumbo-Fahrt“ zu organisieren und durchzuführen. Die nachahmenswert Initiative ist für ihr beispielhaftes, ehrenamtliches Engagement durch die Hessische Landesregierung als Initiative des Monats April 2007 ausgezeichnet worden. Aktiv ist auch die Polizei, die mit der Verkehrsinspektion Kassel und ihren Motorrädern den Tross begleitet. Polizeihauptkommissar Peter Wegmann hatte am vergangenen Sonntag hier das Kommando.

Gastgeber waren in all den Jahren bereits die Stadt Kassel, Bad Karlshafen, Hann. Münden und Söhrewald, sowie Tier- und Vergnügungsparks, Firmen, wie B. Braun in Melsungen, die HNA und das Staatstheater Kassel, das Baunataler VW-Werk und die Hütt-Brauerei, das Bundesbahn-Ausbesserungswerk in Kassel, Feuerwehren (Helsa, Kaufungen und die Feuerwehrschule Kassel), Bergbaubetriebe und zahlreiche Museen (Technikmuseum Kassel, Schloss Wilhelmsthal).

Beeindruckende Fahrzeuge (Foto: Rainer Sander)

Beeindruckende Fahrzeuge (Foto: Rainer Sander)

Motorradfahrer waren selbst lange Zeit ausgegrenzt

In diesem Jahr führte die Strecke für die Kolonne von etwa 90 Fahrzeugen und 200 Gästen durch das hessische Bergland mit kleinen, malerischen Straßen in atemberaubender Landschaft nach Borken. 29 Rollstuhlfahrer und 35 weitere Teilnehmer im Bus waren diesmal unterwegs. Hauptsponsor ist auch in diesem Jahr die Sparkassenstiftung Landkreis Kassel, Soziales und Sport. Die 45 teilnehmenden Motorradfahrer haben die vier Tage im evangelischen Freizeitheim in Hirschhagen verbracht.

Eine japanische Studie, verrät Herr Grimm schmunzelnd, weist nach, dass Motorradfahren jung hält. So ist vielleicht zu erklären, dass die ersten Teilnehmer von 1968 inzwischen so um die 80 Jahre alt sind und immer noch aktiv fahren. Horst Orlowski (79) und Günter Materlik (77) waren die ältesten Teilnehmer, die wir getroffen haben. Herr Orlowski kommt aus Remscheid, Herr Materlik aus Hannover. Beide sind mehr als 40 Mal dabei gewesen. Horst Orlowski erzählt, dass es Motorradfahrer vor 50 Jahren nicht leicht hatten, in der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Das Auto war auf dem Vormarsch und schon ein Gaststättenbesuch bereitete Schwierigkeiten, weil Wirte fürchteten, dass ihre Gasträume übermäßig verschmutzt werden. Die Versicherungen wurden immer teurer, kosteten ein Monatsgehalt, Motorräder sollten damals nicht mehr sein.

Eine Situation, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann, die aber dafür gesorgt hat, dass sich Motorradfahrer zusammentaten eben auch sozial engagierten. Inzwischen sind auch einige Nachfahren der ersten Gespannfahrer dabei, die ihre ersten Touren als Kinder miterlebten.

29 Rollstuhlfahrer, 35 weitere Teilnehmer, 45 Motorradfahrer und einige Betreuer vor dem großen Bagger im Freilichtmuseum (Foto: Rainer Sander)

29 Rollstuhlfahrer, 35 weitere Teilnehmer, 45 Motorradfahrer und einige Betreuer vor dem großen Bagger im Freilichtmuseum (Foto: Rainer Sander)

Tinne Vandenaweele und Lieve Decoster kamen aus Belgien

Tinne Vandenaweele und Lieve Decoster hatten vermutlich die weiteste Anfahrt. Frau Vandenaweele kommt aus dem Ort Gits in Belgien, in der Nähe von Brügge, in dem die dortige Jumbo-Fahrt stattfindet und hat schon als Kind von der Teilnahme und einem eigenen Seitenwagen-Motorrad geträumt. Das hat sie sich jetzt längst mehrfach verwirklicht.

Ein spannender Nachmittag im Themenpark

Museumsleiter und Historiker M.A. Ingo Sielaff sorgte mit seinem Team im Themenpark für spannende Führungen. Da liefen die großen Schaufelbagger noch einmal an und im Turbinenhaus wurde es laut, wenn die Turbinen und Museums-Kessel ansprangen. Für gutes Essen sorgte die Gaststätte im Themenpark unter der Leitung von Fritz Wilhelm. (rs)

 

 

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