Ein Haus das mehr Energie erzeugt, als die Bewohner verbrauchen? Utopie?

_MG_5080Das Energie-Speicher-Plus-Haus in Lohfelden
Lohfelden
. Es ist noch nicht lange her, dass wir Niedrigenergiehäuser als Lösung vieler Umwelt- und Energieprobleme gesehen haben. Vergangene Woche hat Matthias Krieger nun sogar das Passivhaus zum Auslaufmodell erklärt (…)

… und das in der Gemeinde, die gerade erst eine ganze Passivhaus-Siedlung als Leuchtturmprojekt fertiggestellt hat. Mitten in Lohfelden steht das Haus der Zukunft und keiner weiß etwas davon?

 

Familie Freitag wohnt im Test-Haus

Ab jetzt schon! Das Energie-Speicher-Plus-Haus wurde jüngst von der Testfamilie Freitag bezogen und eingeweiht. Das Bauwerk, das optisch einem Würfel gleicht, ist ein Gemeinschaftsprojekt namhafter Firmen und Institute. Da ist zum einen das börsennotierte nordhessische Solar-Unternehmen SMA und zum anderen die etablierte Ostwestfälische Elektrofirma Stiebel Eltron. Mit im Boot sind außerdem das namhafte Fraunhofer-Institut (TU München), die Universität Kassel, das Ingenieurbüro Gunkel, die Earlybirds Architekten oder das Bauunternehmen Krieger und Schramm GmbH & Co. KG. Für die Koordination sorgt die Dynahaus GmbH & Co KG.

Wer, wie die Freitags, in solch ein Haus einzieht, erkennt schnell – selbst wenn er den Worten seiner Erbauer nicht getraut hat -, dass das Ganze nichts mit einem Haus zu tun hat, wie wir das bisher kennen. Das Haus ist einerseits ganz viel Natur und andererseits auch wieder gar nicht. Es ist ein Haus, sieht aber anders aus, als das, was moderne Architektur üblicherweise als zeitgemäß verkauft. Man muss die schlichten Linien mögen und sollte kein Anhänger von Gauben, Erkern, Walm- oder Satteldächern sein. Zunächst heiligt der Zweck die Mittel und der ist eindeutig zu erkennen: Mehr Energie erzeugen, als die Bewohner und ihr Heim selbst benötigen. Dafür steht das „Plus“.

_MG_5109Hochtechnologie für Mutter, Vater, zwei Kinder, Hund und Auto

Es war in der vergangenen Woche nicht schwer zu erkennen, dass sich bei dem Haus im Holzweg in Lohfelden etwas Außergewöhnliches handelt. Schließlich ist es in dieser Art erst eins von zwei Häusern, das diese revolutionäre Technik beherbergt. Sehr unterschiedlich fallen die Statements aus. Frau Anja Jasper von SMA informiert sachlich und dennoch ist eine gewisse Hochstimmung nicht zu übersehen. Wie für alle beteiligten Firmen, ist das Projekt auch für das nordhessische Unternehmen – mitten in einer Phase der Konsolidierung – ganz offensichtlich von herausragender Bedeutung. Bisher standen alle Häuser, die Energiesparen, auch in dem Ruf, mit einem gewissen Verlust an Komfort verbunden zu sein. Dem widersprechen nicht nur seine Erbauer, sondern auch die ersten Bewohner: die Eltern Daniela und Frank Freitag sowie die Kinder Ann-Katrin und Jonas sowie Hund Oscar.

Also: Keine Stoppuhr mehr und keine Fehler mehr beim Lüften oder Bedienen der Technik? So soll es sein! Was ist anders?

Matthias Krieger von Dyna-Haus erläutert mit Leidenschaft, um was es geht. 30 Passivhäuser hat er bereits gebaut, aber das sei eben jetzt die Technik von gestern. Nicht noch mehr Energiesparen sei der Schlüssel, sondern Energiespeicher sind die Lösung. Bisher war die Dämmung stets ein zentrales Element. 30 Zentimeter gelten als Richtwert. Allein der provoziert bereits die Frage nach der Nachhaltigkeit, denn auch die Herstellung von Dämmstoffen verbraucht möglicherweise mehr Energie, als sie am Ende einspart. Das Fraunhofer Institut hat einen Wert von 16 Zentimetern als ausreichend ermittelt. Dreifach-Verglasung gibt es zwar, aber nicht nach Süden, denn dort wird zweifach verglast, um die Sonnenenergie ins Haus zu lassen. Zurück zu alten Richtwerten also?

Im Speichern liegt ein Geheimnis

Die Wärmepumpe von Stiebel Eltron ist im Grunde seit 1976 verfügbar, wie Pressesprecher Henning Schulz erläutert, die Photovoltaikanlage auf dem Dach ist auch keine revolutionäre Neuentwicklung. Entscheidend ist, statt sich tot zu sparen, zu speichern. Fünf Speichersysteme nutzen die Erbauer. Dazu gehört eine aktive Bauteilaktivierung mit einer zusätzlichen Luft-Wärmepumpe zur Erdwärme-Pumpe. Für den Dynamo-Wandspeicher wurde hochwissenschaftlich gearbeitet. Paraffine und Salzhydrate haben den optimalen Schmelzpunkt, denn beim Schmelzen wird zum richtigen Zeitpunkt in der Wand Energie freigesetzt. Das klingt wie ein Buch mit sieben Siegeln, ist es sicher auch, aber es funktioniert!

Das ganze Gebäude ist ein Speicher

Das Gebäude überlässt wenig dem Zufall, eine speziell konstruierte Bodenplatte, die Dr. Schlitzberger (Bauingenieur und Bauphysiker) erläutert, das Dach, eben Wände und Fenster, sie alle spielen als Mannschaft zusammen und sind damit gleichzeitig Energiespeicher und teilweise Energiespender. Die neuen SMA-Wechselrichter verfügen bereits über einen eigenen Speicher, eine weitere Batterie im Haus speichert zusätzlich Strom aus der Photovoltaikanlage. Möglichst alle Energie selbst zu nutzen ist das Ziel, dafür arbeiten die Systeme sogar mit einer Wettervorhersage-Steuerung.

Ganz ohne das Netz kommt das Gebäude noch nicht aus, es gibt Phasen, in denen das Haus mehr Energie erzeugt als es speichern kann. Dann wird selbstverständlich auch ins Netz eingespeichert und gegebenenfalls dann, wenn die internen Speicher nicht ausreichen, auch aus dem Netz zurückgeholt. Das macht aber lediglich maximal 20 Prozent der Energie aus. Und das, obwohl der erzeugte Strom auch noch ausreicht, um über Nacht das Automobil mit Elektroantrieb fahrbereit aufzuladen.

Daten werden gesammelt und Bauteile optimiert

Obwohl das Gebäude auf scheinbar sensationelle Art und Weise funktioniert, sind die Entwicklungen doch erst am Anfang. Jetzt werden Daten gesammelt und ausgewertet, um das vorhandene Gebäude weiter zu optimieren, um Praxiserfahrungen aus dem täglichen Betrieb zu sammeln, Bedienfehler auszuschließen und für die Zukunft die Systeme technisch weiter zu verbessern. Familie Freitag selbst kann auf dem PC selbst beobachten, wie die Systeme arbeiten und die Wechselwirkungen zwischen Verhalten und optimaler Arbeitsweise erkennen.

Das Haus der Zukunft steht heute

Das Ziel bleibt allerdings, sich ohne Einschränkungen im Alltag zu bewegen und dem Haus und seiner Computer-Steuerung zu überlassen, so effizient wie möglich zu arbeiten. Es ist ganz offensichtlich das Haus der Zukunft, dennoch entwickelt es jede Menge Perspektiven, noch ein paar Schritte weiter zu gehen. Und die werden in der Testphase ermittelt. (rs)

 

Text R. Sander/ Bilder C.Bueltemann


 

 

 

 

 

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