SuedLink im Chattengau – Info-Veranstaltung lockt 180 Bürger

Wenig Fakten – viel Emotion und Positionskämpfe

 180 Interessierte im viel zu kleinen Bürgerhaus von Besse (Foto: Rainer Sander)

180 Interessierte im viel zu kleinen Bürgerhaus von Besse (Foto: Rainer Sander)

Chattengau. Das Resümee vorweg: Es wird, so die Bedarfsermittler, Trassenplaner, Trassenbauer und gleichzeitig Trassenbetreiber von TenneT aufgrund des Bedarfs eine Stromtrasse von Nord nach Süd geben. Sie hat eine Kapazität von 2 bis 4 Gigawatt und wird als Gleichstromtrasse mit einem einzigen Einspeisepunkt in Schleswig-Holstein und einem einzigen Endpunkt in Bayern gebaut. Dazwischen gibt es keine weitere „Ein- oder Ausfahrt“.
Eine Stromleitung mit solch gewaltigen Kapazitäten ist in Deutschland bisher nicht gebaut worden. Gesundheitliche Risiken sind – jedenfalls im Langzeittest nicht erforscht, wie Prof. Dr.-Ing. Hans Martin anschaulich referierte. Und ob die Trasse wirklich notwendig ist, darüber streiten sich, wie Montagabend im Dorfgemeinschaftshaus von Besse – die Geister. TenneT referiert und informiert in Vorträgen und Drucksachen immer dasselbe: sie sind der größte Investor in die Energiewende, es war sonst niemand da – außer TenneT, die Trasse ist notwendig, sie ist sorgfältig geplant, sie schadet niemandem und sie wird kommen! Thomas Wagner von TenneT wirkte auf dem Podium von Minute zu Minute einsamer, aber man kennt die Situation bei diesem Unternehmen und weiß ein Planungsverfahren (Vorrangplanung) im Rücken, das weder Einsprüche zulässt noch sinnhafte Erklärungen erfordert.

Nur selten so angespannt: Thomas Wagner von TenneT (Foto: Rainer Sander)

Nur selten so angespannt: Thomas Wagner von TenneT (Foto: Rainer Sander)

9 Gigawatt und eine Milliarde Rendite?
Der Antrag von TenneT lässt, so referiert der Sprecher der Bürgerinitiative (BI) im Chattengau Bernd Meisterfeld, die endgültige Übertragungsleistung allerdings offen. Es muss nicht bei 4 Gigawatt (GW) bleiben. Ursprünglich ist man von 9 GW ausgegangen. Drei Masten nebeneinander? Ein bis zu 15 Kilometer breiter Korridor? 35 Milliarden werden die 4 GW vermutlich kosten. Werden es am Ende 110 Milliarden für alle geplanten Trassen aller Gleichstromtrassen?
Es hat am Montagabend niemand gesagt, aber es steht im Internet: 9,05 Prozent Rendite garantiert die Bundesnetzagentur (!), das heißt Vollamortisation in etwa 11 Jahren! Eine Rendite von einer Milliarde? In Zeiten von Straf- und Niedrigzinsen auf Guthaben? Deutschlands Lebensversicherer werden als Geldgeber damit die Riester- und Rürup-Verträge absichern. Alles ergibt einen Sinn, wenn auch nicht immer den, der vordergründig zu erkennen ist.
Gleichzeitig, so Meisterfeld, verlieren alle Grundstücke entlang der Trasse 30 Prozent ihres aktuellen Wertes. Auf der Gesamtlänge von 700 Kilometern eine astronomische Summe. Die Forderung der BI: überschüssige Energie speichern!

 

Bernd Meisterfeld: die endgültige Übertragungsleistung bleibt offen (Foto: Rainer Sander)

Bernd Meisterfeld: die endgültige Übertragungsleistung bleibt offen (Foto: Rainer Sander)

Frank Börner: „Nicht mit uns“!
Bürgermeister Thomas Petrich (Edermünde) bemühte sich um eine neutrale Moderation, Bürgermeister Frank Börner (Gudensberg) fasste seinem Schlusswort die Position der drei Chattengau-Kommunen zusammen: „Schön, dass es so großes Interesse gibt!“ Das Problembewusstsein ist sicherlich noch entwicklungsfähig. An TenneT gewandt stellte er fest: „Nein! So nicht mit uns! Wir wollen unsere Informationen nicht im Internet suchen!“ Die drei Parlamente hätten viele Projekte zur Energiewende entwickelt, die Fulda-Eder-Energie (FEE) gegründet und im Chattengau das Netz übernommen. Umso weniger passt hier ein Monopolist. Edermündes Ex-Bürgermeister Färber fand es schade, dass niemand aus der hohen Politik zugegen war, der SuedLink mitbeschlossen hat.

Warum dürfen eigentlich so viele, so hohe Strommasten durch Nordhessens Wälder gebaut werden? Wo doch gleichzeitig echte Symbole für die Energiewende, wie Windräder, an gleicher Stelle nicht genehmigt werden, weil sie den Naturschutz beeinträchtigen? Das will ein Besucher der Veranstaltung wissen. Eine Besucherin stellt fest: „Auch Menschen sind eine schützenswerte Art!“ Warum und weshalb SuedLink notwendig ist, scheint sich nicht klären zu lassen. Die Bayern wollen den Strom nicht, sondern Gaskraftwerke und Dr. Klaus Lambrecht von der Unteren Naturschutzbehörde (Schwalm-Eder-Kreis) sitzt die ganze Zeit ein bisschen zwischen den Stühlen, auch als er erklärt, dass dieses ominöse Gaskraftwerk in Irsching (Bayern), das SuedLink unsinnig machen könnte, längst auch unter der Verwaltung von TenneT steht. Der einzige Moment, in dem der ganze Saal lachte…

rof. Dr.-Ing. Hans Martin referierte anschaulich die gesundheitlichen Risiken (Foto: Rainer Sander)

rof. Dr.-Ing. Hans Martin referierte anschaulich die gesundheitlichen Risiken (Foto: Rainer Sander)

Ursache wissenschaftlich nicht geklärt – aber: mehr Blutkrebs entlang Stromtrassen
Weniger zum Lachen war das Referat von Prof. Dr. Martin. Anschaulich klärte er Fachbegriffe: „Gleichstrom hat kein elektromagnetisches Feld, sondern ein magnetisches und ein elektrisches Feld“ und er erläuterte, um wieviel gesünder eine Erdverkabelung ist, weil sie keine elektrischen Felder erzeuge, nur (viel kleinere) magnetische, keine Ionisierung bewirke und auch keine Mikroentladung.

Das Gesetz über die Notwendigkeit einer Umweltverträglichkeitsprüfung wird in seinen Augen nicht angewandt. Mehr Konzentrationsschwächen, Hyperaktivität, Alzheimer und andere Krankheiten, die das Nervensystem schädigen, sowie Genveränderungen sind statistisch entlang großer Stromtrassen messbar. Auch mehr Fälle von Leukämie und anderer Krebsarten. Man habe noch keine Gründe dafür entdeckt, aber die Zahlen sind nun mal da und sie lügen nicht. Die Zusammenhänge werden aber nicht einmal erforscht, bedauert er fassungslos. Er vergleicht die Situation mit dem Erkenntniswandel beim Asbest. Einst war man von 500 ppm (parts per million) bei Asbest als sinnvollem Grenzwert ausgegangen. Als klar wurde, dass der Krebs erst nach 25 Jahren kommt, wurde das Material sogar verboten. 1500 Asbesttote gibt es noch immer jedes Jahr. Was ist, wenn auch bei Gleichstrom, der in dieser Form bisher nicht transportiert wird, solche Langzeitschäden auftreten? Angesicht der gigantischen Dimension fordert er Grenzwerte aufgrund ausgeforschter Daten und einer Langzeitbeobachtung. Bisher hat man gerade mal 5 Jahre dauernde Beobachtungen zugrunde gelegt… (rs)

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