Der rote Kater und die graue Katze



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Das Ausflugslokal und ein Fuldamärchen von Wolfgang Schwerdt

Blick von einem Waldweg unterhalb des Quelberg auf die Fulda und das rechts der Fulda liegende Landschaftsschutzgebiet „Fulda und Fuldaufer“
By GeorgDerReisende (Own work) CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Der relativ unscheinbare Ort Spiekershausen am rechten, dem früheren „Braunschweiger Ufer“ der Fulda hat eine sehr interessante Geschichte, die durch seine Lage an der Furt, aber auch der Grenze zwischen den rivalisierenden Herrschaftsbereichen geprägt ist. Militärische und Handelskonflikte wurden hier auf höchster Ebene ebenso verhandelt, wie Streitereien um Privilegien oder Gebietsansprüche. Und nicht zuletzt galt Spiekershausen als ideales Schmugglernest, ein Grund, weshalb auf der linken, wegen der Enge des Tals nicht besiedelbaren Seite an der Furt ein landgräflicher Kontrollturm errichtet wurde. Im gegenüberliegenden Dorf hatte dereinst  auch ein Treffen zur Aushandlung eines herrschaftlichen Hochzeitsdeals stattgefunden. 1482 trafen sich dort die Gemahlin Landgraf Ludwigs II. von Hessen und Herzog Wilhelm II., d. Jüngere, von Braunschweig, um die Verlobung ihres Sohnes Wilhelm I., d. Älteren, mit seiner Tochter Anna Elisabeth festzusetzen. Die beiden Herrschaften könnten — die Braunschweiger aus Hann. Münden, die Landgrafen aus Kassel — zu Schiff zu dem Grenzdorf zwischen der Kasseler Landgrafschaft und dem Herzogtum Braunschweig-Göttingen gekommen sein, denn  der Landweg war ungemein beschwerlich. Der führte von Kassel über Wolfsanger den steilen Hang hinab zur Furt bei Spiekershausen und von da hinauf zu den Höhen des Kaufunger Waldes.

Der Rote Kater in Beton gegossen. Foto ©Wolfgang Schwerdt

Seit dem 19. Jahrhundert findet sich übrigens an der Stelle des landgräflichen Kontrollturms das traditionelle Ausflugslokal Graue Katze, das auch heute noch, nun bekannt als Roter Kater & Graue Katze, ein beliebtes Ziel für Ausflügler und Touristen darstellt. Der Ursprung der Namen für Hotel und Restaurant, die früher zwei getrennte Betriebe waren, ist unbekannt. So bietet es sich für den Autor des Buches „Brüder Grimms Katzen“ geradezu an, aus der Geschichte des Ortes und dem Hinweis auf die Katzentiere selbst ein kleines Fuldamärchen zu spinnen:

Die graue Katze in Beton gegossen. Foto ©Wolfgang Schwerdt

Es war vor langer langer Zeit, da lebten die Müllersleut Hans und Hanna zu Spiekershausen an der Fulda zusammen mit ihrer Tochter Katarina. Wie es sich für Märchen gehört, war die Tochter liebreizend und Jungfrau. Keine Frage, in dem ziemlich abgelegenen Nest, das in jener Zeit sowohl auf dem Land- als auch auf dem Wasserweg nur mühsam zu erreichen war, buhlten sämtliche Jungs des Dorfes um das Mädchen. Und es wurde gemunkelt, dass auch einige ältere Herrschaften einen begehrlichen Blick auf die Müllerstochter geworfen hatten. So abgelegen das Dorf auch sein mochte, seine Lage an einer Furt führte immer wieder Reisende, Kaufleute und natürlich auch Glücksritter nach Spiekershausen. An der Grenze zweier Herrschaftsbereiche gelegen, blühte zudem der Schmuggel, den auch das vom hessischen Landgrafen am gegenüberliegenden Ufer errichtete Zollhaus nicht unterbinden konnte.

Es ist also kein Wunder, dass sich die Kunde von der liebreizenden Maid in alle Lande verbreitete. Auch die geschäftstüchtigen Müllersleut trugen ihren Teil dazu bei. Denn die Betreiber von Mehl- und Ölmühle sowie einer Schnapsbrennerei wollten ihre Tochter so gut wie möglich verheiraten. Im Dorf und den Nestern der Umgebung fand sich nun wirklich keine angemessene Partie, darin waren sich die Eltern einig.

Eines Tages näherte sich ein prächtiges Schiff stromabwärts treibend dem Dorf an der Furt. Hermann, ein Prinz aus Cassel, hatte von der schönen Müllerstochter gehört und war gekommen, um sie persönlich in Augenschein zu nehmen und gegebenenfalls um ihre Hand anzuhalten. Besonders wählerisch würde er nicht sein, denn als Jüngster von zehn Brüdern hatte er keine Aussicht auf die Königswürde. Das war nicht die beste Voraussetzung für die Vermählung mit einer Dame angemessenen Standes. Tatsächlich aber waren die Alimente, die er bezog, nicht zu verachten, er konnte Güter, Schlösser und Pfründe sein Eigen nennen und es mangelte ihm an nichts. Ein anderes Handicap stand einer standesgemäßen Hochzeit wesentlich stärker im Wege als die Aussichtslosigkeit jemals den Thron zu besteigen: Er war abgrundtief hässlich, so hässlich, dass ihm nicht einmal sein Reichtum einen Hauch von Sexappeal verleihen konnte. Jedenfalls nicht für die besagten Damen von Stand, denen es in der Gesellschaft am Hofe an ansehnlichen und  wohlhabenden Alternativen zum hässlichen Prinzen nicht mangelte. Für eine Müllerstochter, so meinte er, sollte es jedoch reichen. Und wenn sie wirklich so schön war, wie man munkelte, sollte ein wenig Erziehung und eine gefälschte Vita ausreichen, um sie bei Hofe vorzeigen zu können. 

Als das Schiff auf der Lände auflief und Hermann aus dem Bug an Land stolperte, da ahnte Katarina, die neugierig ans Ufer geeilt war, noch nichts Schlimmes. Der Prinz hatte sich bei ihrem Anblick sofort in die Dorfschönheit verknallt und konnte es kaum erwarten, bei ihren Eltern um die Hand anzuhalten. Die wiederum hielten gerne die Hand auf, als Hermann ein paar güldene Kleinigkeiten aus seiner Schatulle als Brautpreis auf den Tisch des Hauses legte. Die Hochzeit war seitens der Eltern und des Prinzen im Gewölbe der müllerschen Schnapsbrennerei schnell besiegelt. Die Braut allerdings packte das blanke Entsetzen. Sie nahm den prallgefüllten Sack voller Brautgeld, das ihr der Prinz zur Erweckung ihrer Liebe überreicht hatte, schleppte ihn zum Ufer und stürzte sich voller Verzweiflung mitsamt dem Schatz in die Fluten der Fulda. „Nie werde ich diesen schrecklich hässlichen Prinzen heiraten, ich liebe einen anderen“, schrie sie noch, „und wenn ich den nicht haben kann, will ich lieber ersaufen.“

Die Katzen des Ausflugslokals. Foto ©Wolfgang Schwerdt

Und das tat sie auch, obwohl der Sohn des Fährmannes, der das Geschehen von der Hütte am  anderen Ufer aus beobachtet hatte, sofort ins Wasser sprang, um seine heimlich Geliebte zu retten. Schon lange waren der Fährmannssohn und die Müllerstochter ein heimliches Paar. Die Eltern beider waren jedoch miteinander verfeindet und damit strikt gegen eine Beziehung ihrer Kinder. Und so kam, was kommen musste. Die Verliebten sanken, von der Strömung hinweggerissen, innig verschlungen auf den Boden der Fulda und der Sack mit dem Brautgeld ebenfalls. Der Goldschatz liegt noch heute irgendwo auf dem Grunde des Flusses.

Die holde Fulda allerdings hatte Mitleid mit dem unglücklichen Paar. Sie konnte die beiden zwar nicht mehr zum Leben erwecken, dafür aber verlieh sie ihren Seelen die Gestalt von Katzen. Der Fährmannssohn zog als roter Kater in das Haus seines Vaters ein und Katarina wurde als graue Katze von der Familie des Zollwärters aufgenommen. Nacht für Nacht trafen sich die Beiden in einer versteckten Höhle am steilen Hang des hessischen Ufers und durften hier für kurze Zeit ihre menschliche Gestalt annehmen bevor die Stunde der Geister wieder vorbei war. Noch heute gehören zum Hotel und Ausflugslokal „Roter Kater & Graue Katze“ grau- und rotgetigerte Katzenwesen. Und wenn sie einen so anschauen, dann könnte man meinen . . .

Das Märchen ist entnommen aus: Wolfgang Schwerdt: Brüder Grimms Katzen. Create Space 2016. Taschenbuch, 105 Seiten

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