Die Sprengstofffabrik in Hirschhagen

Vom Rüstungswerk des dritten Reiches zum modernen Gewerbegebiet

Es war die zweitgrößte Sprengstoff- und Munitionsfabrik des Dritten Reiches, die im Schutz der hessischen Wälder bei Hessisch Lichtenau gebaut und betrieben wurde. Wer heute durch das Gewerbegebiet Hessisch Lichtenaus, Hirschhagen wandert, sieht sich mit einer Umgebung konfrontiert, die mit dem Begriff „merkwürdig“ im übertragenen und wörtlichen Sinne wohl am Treffendsten beschrieben ist. Zwischen modernen Fabrikhallen, und nur auf den ersten Blick modernen Produktionsstätten und Häusern finden sich gewaltige Ruinen aus einer sichtbar finsteren Zeit.

Als wäre dies nicht ungewöhnlich genug, lädt das dichtbewaldete Gewerbegebiet mit den zahlreichen gut ausgebauten Wegen auch noch zum Wandern in der Natur ein. Eine Waldwanderung zwischen prächtigem und vielfältigem Pionierbewuchs, mächtigen eingestreuten Explosionskratern und Betonruinen. Immer wieder tauchen unvermittelt noch mit Andreaskreuzen versehene Bahnübergänge der völlig überwucherten „Kanonenbahn“ auf.

TNT aus Friedland

Als 1935 in der abgelegenen und weitgehend unbewohnten Region um Hessisch Lichtenau, im Forst Hirschhagen mit Wege- Straßen- und Schienenbau begonnen wurde, da waren dies ebenso wie die Neuordnung der Wasserversorgung im Rahmen von „Programmen für Arbeitslose“ die Erschließungsarbeiten für den geheimen Aufbau einer der gigantischsten Produktionsstätten für Sprengstoff- und Munition des Dritten Reiches. Unter dem Tarnnamen „Friedland“ wurden hier ab 1936 auf einer Fläche von 233 Hektar 399 Werksgebäude zwei Kraftwerke und nicht zuletzt rund 17 Kilometer Gleisanlagen gebaut. Allein die Bautätigkeit ging ununterbrochen bis März 1945. Bis zu 2000 Bauarbeiter und mehr als 1000 Arbeitsdienstmänner bauten ständig neue Anlagen und reparierten Explosionsschäden. Schließlich waren die Herstellung von TNT (Trinitrotoluol) und Pikrin (Trinitrophenol) hochkomplexe und gefährliche Verfahren.

 Sprengstofffabrik Hirschhagen

1938 wurde mit der Produktion des TNT begonnen. Dabei kamen nicht nur die Chemikalien Schwefelsäure, Toluol, Nitriersäure, Natriumsulfit und Bikarbonat zum Einsatz, für eine Tonne TNT wurden auch 130 Kilowattstunden Strom, 110 Kubikmeter Wasser und 4 Tonnen Dampf benötigt. In drei Schritten wurde das Toluol jeweils in unterschiedlichen Gebäuden nitriert, bis aus dem flüssigen Toluol über das Mononitrotoluol und das Binitrotoluol das im kalten Zustand feste TNT wurde. Nach jedem Nitriervorgang musste das Produkt sorgfältig mit Hilfe von Natriumsulfit- und Bikarbonatlösungen, selbstverständlich wieder in separaten Spezialgebäuden, gewaschen werden. Gebäude für die Lagerung der Zwischenprodukte, für die Trocknung, Granulierung Lagerung und Versand des Endproduktes waren erforderlich. Ähnlich gestaltete sich die Situation bei der Herstellung der anderen Produkte und dann war da noch das Abfüllen des Sprengstoffes in Minen, Granaten und Bomben. 1942/43 hatte das Werk schließlich eine Produktionskapazität von etwa 80 Tonnen TNT pro Tag erreicht

Zwangsarbeiter und KZ- Häftlinge „kochen“ Sprengstoff für Deutschland

Es war natürlich nicht die Sorge um Leben und Gesundheit der zwangsverpflichteten Arbeitskräfte oder der Juden aus dem KZ Buchenwald, die hier in großer Zahl zum Einsatz kamen, die dazu geführt hatten, dass die gesamte Produktion wegen der Explosionsgefahr auf viele kleine, weit verstreute Gebäude verteilt wurde und somit die unglaubliche Zahl von 399 Häusern entstehen ließ.

Die Minimierung von unfallbedingten Produktionsausfällen und Tarnung waren Leitmotiv der Anlagenkonzeption. So waren die Gebäude mit Ausnahme der mehrgeschossigen Säurespaltanlagen, die der Rückgewinnung der immer knapper werdenden Rohmaterialien dienten, in der Regel eingeschossig und mit flachen, an den Rändern ausgefransten und mit Sträuchern und Bäumen bepflanzten Dächern versehen. Um Explosionsschäden so gering wie möglich zu halten, bestanden die Produktionshallen aus Stahlbetongerüsten, deren Wände mit leichtem Bimsstein ausgemauert waren, die den Explosionsdruck durch Herausfliegen abbauen sollten. Lagerbunker beispielsweise, die besonders explosionsgefährdet waren, wurden entweder in die Erde eingegraben oder mit hohen Erdwällen umgeben. All das ist heute immer noch zu sehen, ebenso wie beispielsweise der große Kühlwasserteich, der heute nur noch für Mitglieder des örtlichen Anglervereins zugänglich ist oder das 500 Kubikmeter fassende Wasserreservoir auf der Spitze des nahegelegenen 522 Meter hohen Rohrbergs.

Gewerbegebiet Hirschhagen

Die logistischen Herausforderungen einer solchen Anlage waren enorm und wurden letztendlich nicht nur durch interessante technische Lösungen, sondern vor allem auch durch den menschenverachtenden Einsatz der Arbeitskräfte und die rücksichtslose Umweltbelastung, deren Folgen noch immer nicht vollständig beseitigt sind, bewältigt.

Nachdem das Werk nach dem Krieg von den Alliierten demontiert worden war, richteten sich nahezu übergangslos viele kleine Firmen in den Gebäuden der damals nahezu intakten ehemaligen Sprengstofffabrik ein. Heute kann man im Gewerbegebiet Hirschhagen nicht nur an vielen Werkhallen, sondern auch an Wohn- und anderen Nutzgebäuden die mehr oder weniger aufwändig überputzten oder verkleideten Grundelemente der alten Betonrahmenbauten erkennen.

 

Fotos von oben nach unten (von Wolfgang Schwerdt):

Gebäude zur Säurerückgewinnung

Bahnübergang in der Nähe des Brauchwasserteichs.

Blick durch die Stockwerke einer Säurespaltanlage.

Typische Bimssteinmauer zur Verminderung von Explosionsschäden.

Ein Vogel nistet auf dem Brauchwasserteich, der heute als Angelteich genutzt wird.

 

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