Kloster- und Deutschordenskirche Reichenbach

Kulturgeschichtliche Höhepunkte auf dem Premiumweg Reichenbach 2

Mit den Grabungen an der Reichenbacher Kloster- und Ordenskirche fand in den siebziger Jahren die größte Kirchengrabung in Nordhessen mit damals hochmodernen Methoden statt. Dort, wo der Elisabethpfad als Teilstück des Jakobsweges der alten Handelsstraße von Leipzig nach Frankfurt folgt und zwischen Waldkappel und Spangenberg an Hessisch Lichtenau vorüberführt, liegt das Dorf Reichenbach mit seiner Burg und der auf den ersten Blick überdimensionierten Dorfkirche.

Der Bau, wie er sich heute darstellt, ist eine dreischiffige Basilika, der allerdings ein Chor oder gar Querhaus fehlt. Ein Katasterplan des 18. Jahrhunderts zeigt aber, dass das Gebäude damals weitaus größer war und einen kreuzförmigen Grundriss aufwies. Der Turm, ein massiver, querrechteckiger Kubus mit achteckiger Glockenstube und geschweifter Haube, verfügt immerhin über vier Obergeschosse.

Bauplastiken aus dem 12. Jahrhundert

Natürlich ist die Basilika keine normale Dorfkirche. Darauf weist schon die in das Haus integrierte Bauplastik aus dem 12. Jahrhundert hin, die Beziehungen zum Kloster Breitenau und der Stiftskirche von Fritzlar zeigt.

Tatsächlich ist das Gotteshaus als Klosterkirche des Eigenklosters der Grafen von Reichenbach bereits Anfang des 12. Jahrhundert belegt. Das von den Reichenbacher Grafen gestiftete Nonnenkloster hatte jedoch nicht lange Bestand. Und so wurde die Kirche mit der Schenkung an den Deutschen Orden im Jahre 1207 zur Deutschordenskirche.

Die Kirche wurde schließlich in den Jahren 1788 bis 1794 erheblich umgebaut und damit vor dem Verfall bewahrt. Man vermutet, dass diese denkmalpflegerisch bemerkenswerte Leistung auf  die erste hessen-kasselsche Denkmalschutzverordnung vom 22.12.1780 zurückzuführen ist.

Bodenprospektion mit physikalischen Methoden

In den Jahren 1973 bis 1976 fand schließlich an der Klosterkirche die damals größte Kirchengrabung im nördlichen Hessen statt. Mit einem für das nördliche Hessen wohl erstmals angewandten naturwissenschaftlichen Verfahren, wurde zunächst das Gelände untersucht. Dabei wurden vier mit Kabeln verbundene Metallsonden jeweils im Abstand von einem Meter in den Boden gesteckt und unter Strom gesetzt. Der Widerstand, den der Boden dem Strom entgegensetzte wurde gemessen und die Werte wurden in eine Karte eingegeben, die das zuvor am Boden eingemessene dreidimensionale rechtwinklige Koordinatensystem abbildete.

Da die Bodenwiderstandswerte von der Dichte des Bodens abhängt, konnten aus der Auswertung der Messungen die Fundamente der verschiedenen Vorgängerbauten, aber auch des erwarteten Querhauses der Basilika ermittelt werden.

Vorgängerkirchen seit dem 8. Jahrhundert

Die anschließenden Suchschnitte, also Grabungen an ausgewählten Stellen, ergaben, dass aller Wahrscheinlichkeit nach bereits im 8. Jahrhundert an diesem Ort ein kleiner fränkischer Adelshof mit hölzerner Kirche existiert hatte. Im 9. Jahrhundert entstand  dann im Rahmen des Ausbaus des Adelshofes mit einer kleinen Burganlage, die sogenannte C-Kirche, ein bereits gemauertes Gebäude mit recht ungewöhnlichem Grundriss.

Im 10. Jahrhundert entstand die sogenannte B-Kirche, die im 11. Jahrhundert um einen Rechteckchor mit Querschiff erweitert wurde.

Anfang des 12, Jahrhunderts wurde das Kirchenschiff der A- Kirche als Klosterkirche errichtet, der Kirche, die die Basis der im Laufe der Jahrhunderte ständig umgebaute Kirche darstellt, die heute in Reichenbach zu besichtigen ist.

Der kleine archäologische Park, der heute zur Kirche gehört, zeigt die komplexe Struktur der Funde, die nicht nur die zahlreichen Auf- ab- und Umbauten, sondern auch die diversen Anbauten in Form von Kapellen dokumentiert.

Im Boden warten noch unentdeckte Schätze

Natürlich haben die Ausgrabungen mehr als nur Kirchenfundamente zu Tage gebracht. Begräbnisstätten aus mehreren Jahrhunderten und Ansätze der Klostermauern oder frühmittelalterlichen Siedlungsanlagen geben zusammen mit den schriftlichen Quellen einen tiefen Einblick in die Geschichte dieses heute unscheinbaren Ortes.

Die Erkenntnisse sowohl aus den Kirchengrabungen als auch aus den historischen Studien zu Reichenbach lassen vermuten, dass bei weiteren archäologischen Untersuchungen, die derzeit aber nicht geplant sind, sicherlich spannende bis spektakuläre Ergebnisse zu erwarten wären.

Anlässlich des 800 jährigen Jubiläums der Schenkung der Klosterkirche an den Deutschen Orden im Jahre 1207, hatte der Verein für Hessische Landesgeschichte 2007 ein 90 seitiges Heft im A4 Format herausgegeben, das  sich wohltuend von üblichen Festschriften abhebt. An den Ausgrabungen beteiligte Archäologen sowie Wissenschaftler und Laien haben in diesem Heft  sowohl den aktuellen Forschungsstand als auch die archäologischen Ausgrabungen dokumentiert. Beiträge zu Historischen Flurnamen Reichenbach, Wüstungen um Reichenbach oder zu Persönlichkeiten der Region und ihre Beziehungen zum Deutschen Orden, vermitteln ein sehr anschauliches Bild der Zeit, die die Kloster- und Ordenskirche von Reichenbach als historisches Denkmal repräsentiert.

1207 Reichenbach 2007 Kloster- und Deutschordenskirche, Verein für Hessische Landesgeschichte, Zweigverein Hessisch Lichtenau (Hrsg.), ISBN 978398185201

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