Mit der Draisine auf den Trassen der Kanonenbahn

17. Juli 2012
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Noch immer durchziehen die längst überwachsenen Trassen der Kanonenbahn das nordosthessische Bergland und spektakuläre Brücken, Tunnelköpfe und überwucherte historische Gleise liefern dem kundigen Wanderer romantische Kulissen. Mancherorts, wie beispielsweise in der Nähe von Eschwege sind auch Draisinenstrecken eingerichtet worden, die eine ganz besondere „Eisenbahnerfahrung“ vermitteln. In diesem Beitrag soll die noch wenig bekannte Draisinenstrecke bei Waldkappel an der B7 vorgestellt werden.

Gerade einmal zwei Kilometer misst die Bahnstrecke zwischen Bischausen und Waldkappel und statt eines Bahnhofs erwartet den Nutzer des idyllischen historischen Streckenabschnitts der alten Kanonenbahn ein Bauwagen. Eine Eisenbahn sucht der Gast ebenfalls vergebens, stattdessen darf er, begleitet von einem Mitglied des rührigen Vereins zur Erhaltung von Signal- und Sicherungstechnik e.V., kräftig in die Pedale treten, um die scheinbar kurze Strecke mittels einer Fahrraddraisine zu bewältigen.

Immerhin, es geht bergauf und das merkt der ungeübte Draisinentreter in den Beinen, spätestens wenn er sich der großen Schranke nähert, die den Bahnübergang eines landwirtschaftlichen Nutzweges sichert. Wie gut, dass der Zug- bzw. Draisinenbegleiter bei Bedarf mit in die Pedale tritt.

Freilichtmuseum für mechanische Signal- und Sicherungstechnik

Interessant ist nicht nur die sportliche Erfahrung, die mit einer rauschenden Rückfahrt – weil diesmal natürlich bergab -, endet. Es ist auch die Signal- und Sicherungstechnik und der hautnah zu erlebende Bahnbetrieb, der die Reise in die analoge Bahnvergangenheit so spannend macht.

Derzeit finden sich an der Bahnstrecke unter anderem der Hauptübergang bei Kilometer 59,6, die fernbediente Schranke bei Kilometer 59,560, die Anrufschranke in Kilometer 60,500 und das Block- und Deckungssignal B in Kilometer 59,700. Geplant ist natürlich die Installation zahlreicher weiterer mechanischer Signal- und Sicherungstechnik. So zum Beispiel viele verschiedene Bauformen der mechanischen Schranken der DB und DR ab 1920. Oder auch ehemalige Blinklichtanlagen von DB und DR, und nicht zuletzt mechanische und elektrische Signale vieler Bauformen inklusiv der Übertragungs- und Stelleinrichtungen, wie Stellwerk, Signalhebel und die dazugehörigen Spannwerke. Und dann sind da noch die Fernmeldefreileitungen und ihre Besonderheiten, wie einfache Telegrafenmasten, spezielle Formen, Belegung der Leitung mit verschiedenen Isolatoren oder Doppeltelegrafenmasten, die der Verein auf dem nach eigenen Angaben letzten (historischen) Stück der Kanonenbahn im Werra – Meißner – Kreis präsentieren möchte.

Einzelkämpfer

Romano Sawikowsky

Die auch landschaftlich reizvolle Strecke, die hier dem Publikum wieder zugänglich gemacht wurde, soll und wird keine Museumsbahn werden. Sie ist vom Initiator des 2009 gegründeten Vereins als in Deutschland einmaliger eisenbahntechnischer Lehrpfad geplant. Bereits im Jahre 2000 war der eingefleischte Eisenbahner, Romano Sawikowsky aus Marburg a.d. Lahn nach Bischhausen gezogen, hatte den Bahnübergang gekauft, die Strecke gepachtet und gerodet und sich neben seinem Beruf als Lockführer zusammen mit seinen Mitstreitern wie Nils Schmöckel und Stefanie Knaebel ganz dem Aufbau dieses vielseitigen und zukunftsweisenden Regionalprojektes gewidmet.

Natürlich gibt es noch viel zu tun. Auch wenn bundesweit immer wieder Angebote eintrudeln, interessante Einrichtungen für den eisenbahntechnischen Lehrpfad im Wehretal abzubauen, allein der Transport ist für den kleinen Verein ohne Sponsoren unerschwinglich. Und selbstverständlich sucht der Verein immer neue, tatkräftige Mitglieder.

Alte Trassen, eine aussterbende Art

Unabhängig von der Begeisterung  des Einen oder Anderen für Signaltechnik, die Nutzung, der Ausbau und Erhalt dieses kleinen Stücks historischer Eisenbahnstrecke ist mehr als nur ein Hobby von eingefleischten Eisenbahnern. Wenn sich nämlich erst einmal die A44 durch das historische und natürliche Biotop des Tales zwischen Hessisch Lichtenau und Waldkappel gefressen hat und die Bauarbeitsplätze weitergezogen sind, werden die anliegenden Gemeinden froh über dieses bescheidene touristische Highlight aus der Vergangenheit sein, das den gierigen Schaufeln der Autobahnbagger nicht zum Opfer gefallen ist.

Öffnungszeiten vom 1. März bis 31. Oktober:

Samstag, Sonn- und Feiertag von 10:00 – 16:00 Uhr, sonst nach kurzer vorheriger telefonischer Anmeldung unter folgenden Telefonnummern: 05658 / 9229850 oder 0151 / 40152538

Homepage des Vereins:

Fotos Wolfgang Schwerdt

 

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