Salz, Kohle und die industrielle Revolution in Nordhessen

30. Juni 2012
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Zwischen Meissner und Sooden in Nordhessen wurde im 16. Jahrhundert die kontinentaleuropäische Energierevolution eingeleitet, die Voraussetzung für die industrielle Revolution. Hinter dem Begriff Energierevolution verbirgt sich zunächst einmal nichts anderes als die Umstellung von nachwachsenden Energieträgern wie Holz oder Holzkohle auf fossile Brennstoffe, also Kohle, Erdöl und Gas. Natürlich wurden fossile Brennstoffe wie Erdöl bereits seit der Antike, Torf und Kohle – dort, wo verfügbar – schon im Mittelalter verheizt.

Fossile Brennstoffe fanden aber zunächst nur in den Haushalten oder dem Kleingewerbe wie Tonverarbeitung oder Branntweinbrennerei Verwendung. Die konsequente Verfeuerung fossiler Brennstoffe im Rahmen gewerblicher Betriebe, bedeutete eine technische und produktive Innovation, die als Voraussetzung für die industrielle Revolution gilt.

Rhenanus und die Salzsiederei

1578 wurde der entscheidende Schritt zur Energierevolution mit der Belieferung der Soodener Saline bei Allendorf an der Werra mit Braunkohle aus der gerade in Betrieb gegangenen Tiefbauzeche Schwalbenthal am Hohen Meissner in Nordhessen vollzogen. Eigentlich ging es den Landgrafen, unter deren Regie der nordhessische Braunkohlebergbau entwickelt wurde, vor allem um das lukrative Salzgeschäft. Tatsächlich nämlich konnte die Salzproduktion unter anderem aufgrund der Holznot des 16. Jahrhunderts mit der Nachfrage nicht mehr Schritt halten. Bereits Landgraf Philipp der Großmütige hatte daher 1555 den Pfarrer Johannes Rhenanus mit der Erneuerung der Saline in Sooden bei Allendorf beauftragt. Neben anderen wegweisenden technischen Entwicklungen führte Rhenanus auch die Befeuerung der Siedepfannen mit fossiler Kohle ein. Hatten die Erneuerungen des Pfarrers bereits eine ansehnliche Produktionssteigerung nach sich gezogen, so ergab die Einführung der neuen Energieträger noch einmal eine Steigerung um 20%.

Industrielle Kohlenutzung im 16. Jahrhundert

Das erfolgreiche Beispiel der Kombination des technisch, organisatorisch und kaufmännisch anspruchsvollen Produktionsprozesses von Salz und Kohle mit der nahegelegenen Energiequelle machte Schule. Und so entstanden überall dort, wo in der nordhessischen Grafschaft Salz produziert wurde auch Braunkohlebergwerke. Denn die Nähe zwischen Produktionsstätte und Energiequelle ermöglichte durch den Wegfall der Transportprobleme erst die industrielle Kohlenutzung.

Obwohl schon Philipp der Großmütige 1530 versucht hatte, die Soodener Saline unter seine Kontrolle zu bringen, gelang dies erst 1586 Landgraf Wilhelm IV., der die Pfännerschaft mit einer Rente abfand und die Saline auf „ewige Zeiten“ anpachtete.

Die gewerblichen Einkünfte des Staates waren zweifellos lukrativer als die der kärglichen Landwirtschaft und so entwickelte sich in Nordhessen Schritt für Schritt ein sogenannter gewerblicher Domänenstaat, bei dem sich die Landgrafen das Monopol über die lukrativsten industriellen Bereiche und hier vor allem Salz und Kohle sicherten. In der Bergordnung von 1616 erklärte Landgraf Moritz sämtliche „Salzbronnen, Steinkohlen und Eisenbergwercke“ als „Uns allein reservirt und vorbehalten“.

Gewerblicher Domänenstaat der hessischen Landgrafen

Neben den „Salzbrunnen“ verursachten auch die sich seit dem 16. Jahrhundert entwickelnde Alaun- und Vitriol- Siedereien eine zunehmende Nachfrage nach Braunkohle. Die komplexen Schwefelsalze waren als Färbemittel in der Textilherstellung, als Gerbmittel in der Lederproduktion und nicht zuletzt in der Medizin von großer Bedeutung, bis sie Mitte des 19. Jahrhunderts durch die ebenfalls energieaufwändige chemische Industrie obsolet wurden. Waren die hessischen Landgrafen mit ihrem gewerblichen Domänenstaat Anfangs kontinentaleuropäische Vorreiter der vorindustriellen Innovationen, so wurden die gleichen ökonomischen Strukturen spätestens mit der industriellen Revolution des 18./19. Jahrhunderts zum Hemmschuh der Entwicklung.

Ende des kurhessischen Kohlemonopols

1584 förderten die nordhessischen Braunkohlebergwerke ca. 8000 Tonnen, um 1600 waren es bereits rund 10.000 Tonnen des braunen Goldes. Der dreißigjährige Krieg und andere Faktoren führten zu einer relativen Stagnation der Fördermenge bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Als in den 20er und 30er Jahren das private Engagement im Kohlebergbau zulässig wurde – wenn auch unter schwierigen bürokratischen Bedingungen – war ein deutlicher Aufschwung zu verzeichnen. Um 1800 förderten 15 nordhessische Zechen rund 40.000 Tonnen Braunkohle. Ab 1866, als Kurhessen durch Preussen annektiert und die preussische Gewerbe- und Bergordnung privatem Engagement größere Entfaltungsmöglichkeiten bot, holten 1.203 Bergleute immerhin mehr als 146.000 Tonnen jährlich aus inzwischen 23 Zechen. Ihre führende Stellung in Deutschland hatte der nordhessische  Kohlebergbau aber längst eingebüßt.

Trotzdem wurde erst im Juni 2003 die letzte Braunkohle aus einer nordhessischen Zeche gefördert.  Es war die Zeche Marie am Hirschberg bei Großalmerode. Damit war schließlich die 425jährige Ära des nordhessischen Kohlerevieres, das sich vom Hohen Meissner im Osten, bis nach Borken und Zierenberg im Westen, von Frielendorf im Süden und Immenhausen im Norden erstreckte, beendet.

Fotos Wolfgang Schwerdt

Oben: Blick in einen alten Stollen am Hohen Meißner bei Schwalbenthal

Unten: historische Grubenlore bei Schwalbenthal

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Eine Antwort zu Salz, Kohle und die industrielle Revolution in Nordhessen

  1. KlausJ. Schwehn on 30. Juni 2012 at 21:27

    Wenn ich mich recht erinnere, gab es in meiner alten Heimat Helsa/Wickenrode/Hirschberg auch Braunkohle-Abbau. Nicht nur Basalt.
    Herzliche Grüße nach Nordhessen,
    Klaus J. Schwehn

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