Günter Klößinger: Blüten aus Babylon

Wir leben in schlimmen Zeiten. Allein zu der Google-Suche nach „Mädchen vermisst“ finden sich drei aktuelle Nachrichten, was ich ausgesprochen beängstigend finde. Sie erinnerten mich an einen Roman, den ich im vorigen Sommerurlaub angelesen hatte. Ich veröffentlichte die Rezension auf meinem Blog, ohne bis zum Ende vorgedrungen zu sein, was im Grunde nichts schlechtes ist. Denn so kann man als Rezensent nichts verraten, was  dem Leser eventuell die Lösung vorweg nehmen würde.

Nun ist es etwas anderes, gemütlich im Gartenstuhl einen Roman zu schmökern, oder selbst in so einer Situation zu stecken. Insofern sind die Nachrichten und der Roman überhaupt nicht vergleichbar. Das eine hat mich nur wieder an das andere erinnert. Dennoch — manchmal war mir beim Lesen schon ein wenig gruselig zu mute.

Buchcover „Blüten aus Babylon“ von Günther Klößinger

„Mitten in die Geschichte rein“ war mein erster Gedanke, kaum dass ich den ersten Satz vollständig gelesen hatte. Doch ich sollte mich irren. Und auch wieder nicht.

Es ist nur das Vorwort, „nur“ sage ich, obwohl Günther Klößinger zunächst mit einem wichtigen Bekenntnis beginnt. Es hat nämlich 13 Jahre gedauert, bis überhaupt ein Leser denken kann „mitten in die Geschichte rein“. Eine lange Zeit für einen Roman, und eine angenehme Ehrlichkeit des Autors. Das macht ihn gleich etwas menschlicher. Das, und die Tatsache, dass er in Kaufungen lebt.

Im Grunde ist die Sache mit einem Buch ja immer mehrschichtig. Da ist der Autor, der einen Roman schreibt, und zugleich das Buch seines Lebens um eine weitere Seite bereichert. Da sind die Figuren aus dem Roman, die ein Eigenleben entwickeln und mit denen man sich als Autor anfreundet. Dann ist da der Leser, der mit seiner Fantasie den Figuren aus dem Roman Raum gibt, der sie durch seine Vorstellungskraft überhaupt erst dreidimensional macht. Und dann sind da manchmal auch verrückte Zusammenhänge innerhalb des Romans, die sich dem Leser erst viel später erschließen. Sehr viel später.

Im Grunde bin ich froh, die beiden Rezensionsexemplare von „Blüten aus Babylon“ und „Schnee von gestern … und vorgestern“ gleichzeitig erhalten zu haben. Denn noch eine Sache ist an diesen beiden Romanen ungewöhnlich: Der zweite Band erschien vor dem ersten.

Als Hauptperson (wenn man das so sagen darf) haben wir Inspektor Prancock, vermeintlich „steifärschiger Brite“, wenn ich an dieser Stelle mal James Bond zitieren darf (bitte verzeihen Sie den Bezug auf die Konkurrenz, Herr Klößinger!). Abgesehen von der gemeinsamen Herkunft ist das aber auch schon die einzige erwähnenswerte Gemeinsamkeit. Diesen Prancock hat es aus nicht genannten Gründen in eine ebensowenig genannte gemütliche Kleinstadt verschlagen. (Wie der Autor mir zwischenzeitlich erklärte, war es die Liebe, die ihn verschlagen hatte. Aber weiter im Text.) Seine Manieren sind nicht die eines typischen Gentlemans, was ihn wohltuend (weil durchaus realistisch beschrieben) von den literarischen Vorbildern abhebt, die dem Leser eventuell in den Sinn kommen. Er hat Probleme im Privatleben, Probleme mit der Presse (es sei denn, sie schreiben ihn in den Himmel), Probleme mit Kollegen und damit, seinen Vornamen zu verraten. Kein Vorzeigebrite also, aber in gewisser Weise durchaus ein Vorzeigebulle. Seine Methoden sind zwar eigenwillig, aber seine Erfolge legendär.

„Pranke“, wie er zumeist genannt wird, hat eine Frau und eine Tochter, und mit beiden — wen wundert’s? — kommt er nicht besonders gut klar. Von ersterer ist er inzwischen geschieden, mit letzterer lebt er zwar unter einem Dach, doch nicht in der selben Welt. Und gerade dies führt ihm sein hübsches Töchterchen sehr kreativ vor Augen. Doch ich will nicht zu viel verraten. Zur Zeit befinde ich mich gerade am Übergang vom ersten zum zweiten Drittel. (Nicht dass das dramaturgisch irgend etwas bedeuten würde!) Da gibt es zwar eine Menge offener Enden, aber noch lange kein erkennbares System, das eindeutig zu einem sinnvollen Ende führen würde. Klar, man hat als Leser so seine Vorstellungen, aber gottseidank kann ich hier und jetzt noch nichts verraten, weil ich einfach noch nichts weiß.

Es gibt eine Reihe von Charakteren, die wunderbar detailliert eingeführt wurden, deren Eigenheiten von Klößinger akribisch und sprachlich sehr eloquent beschrieben werden. Ein paar lustige Ähnlichkeiten zu bekannten Marken (wie z.B. „Asberg steinalt“) würzen die Geschichte. Man kann sich gut in die Leute hinein versetzen, abgesehen von zweien, über die ich mir im Moment noch nicht so ganz im klaren bin. Aber das wird schon noch, da bin ich sehr hoffnungsfroh.

Vorläufiges Fazit: Es lässt sich gut an, und das ist genau das, was ich von einem Krimi erwarte. Manch einer mag sagen, das sei zu langatmig, aber wie im richtigen Leben kommt es oft auf die Kleinigkeiten an! Meine Empfehlung daher: Kaufen, lesen, mitraten!

Soweit meine ursprüngliche Einschätzung. Inzwischen bin ich am Ende angelangt, und der Leser wird sich fragen, was der obige zusätzliche Einleitungstext mit dem ersten Drittel zu tun hat. Seien Sie versichert, es hat einen guten Grund, denn im letzten Drittel nimmt die Geschichte nochmal ordentlich Fahrt auf. Am Ende könnte man sich fast in einen Liebesroman versetzt vorkommen, so dass zur Beruhigung empfindlicher Geister gesagt sei, dass die Guten alle glücklich und zufrieden das letzte Kapitel verlassen, und einige von den Bösen verlassen es ebenfalls … auf die eine oder andere Weise.

So bleibt mir am Ende nur noch eine einzige traurige Pflicht, und die betrifft die eigentlich entscheidende Hauptperson. Der Autor Günther Klößinger ist, wie ich gerade durch eine kurze Recherche erfahren habe, im vergangenen November verstorben. Insofern ist diese erweiterte Rezension auch so etwas wie ein Nachruf. Lieber Herr Klößinger! Wir haben uns nie persönlich getroffen, aber zumindest indirekt ein wenig kennen gelernt. Denn es steckt viel von der Persönlichkeit eines Autors in seinen Geschichten, das ist unvermeidlich. Ich bedanke mich für die Chance, in Ihre Welt eintauchen zu können. Diese Chance erinnert mich daran, dass man Dinge nicht aufschieben sollte, da es irgendwann dafür zu spät sein könnte. Wie zum Beispiel für ein Interview mit einem in Nordhessen lebenden Autor. Mein lieber Herr Klößinger, mögen Sie in Frieden ruhen.

Günter Klößinger: Blüten aus Babylon
epubli GmbH, Berlin, 2016
Paperback, 415 Seiten
Homepage, Bücher.de

 

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