Joe McNally: Hot Shoe Diaries



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Eins vorab: Trotz des englischen Titels sind die Hot Shoe Diaries vollständig ins Deutsche übersetzt. Sie brauchen also keine Angst zu haben, wenn Sie des Englischen nicht mächtig sind. Wenn Sie dennoch nicht alles auf Anhieb verstehen, liegt es sicher nicht an der Sprache. Dann lesen Sie das Buch einfach nochmal. Es lohnt sich auf jeden Fall.

Die Widmung lautet „Für Annie, das einzige Licht, das ich brauche“. Ein Autor mit viel Gefühl, denke ich. Und ein Fotograf. Denn darum geht es in diesem Buch, dessen Untertitel „Groß inszenieren mit kleinem Blitz“ lautet. Wie kann man als Fotograf unterwegs sein und mit einem kleinen (d.h. tragbaren) Blitzgerät dennoch gute Fotos machen? Oder mit mehreren. Und Lichtformern, Filtern und all den kleinen und großen Hilfsmitteln, die auch in einem Lehrbuch stehen könnten. Nicht immer reicht das Licht aus, und auch wenn Available Light durchaus seine Reize hat, manchmal braucht man einfach Goethes letzte Worte.

„Der Autor Joe McNally ist ein international anerkannter Fotograf aus den USA, ein Fotojournalist mit langjähriger Erfahrung“, so steht es im Klappentext. Er weiß also, wovon er redet. Wer allerdings ein reines Sachbuch sucht, ist hier falsch beraten, denn dieses Buch ist keines. Dennoch geht es um die Sache. Wer eine Anleitung sucht, was genau er machen muss, damit am Ende super Fotos herauskommen, auch der ist hier falsch. Keine Kochrezepte, dafür aber Erklärungen. „Glauben Sie mir, Sie wollen nicht, dass ich eine Bedienungsanleitung schreibe“, warnt Joe schon im ersten Kapitel. Er sei die lebende Definition des Wortes „abschweifend“ behaupte seine Frau, und schon nachdem ich die erste Seite gelesen habe, glaube ich das wirklich. Denn anstatt sich um das eigentliche Thema zu kümmern, schweift er erstmal ab, und das gleich richtig. Doch dann, überraschend, kommt er wieder zurück und verwendet das Wort „Fotografen“. Fotografen seien nicht sorgfältig, strukturiert, akkurat, sagt er. Chaotisch, möchte man meinen, und so einer scheint Joe auch zu sein, aber sicher ein liebenswerter Chaot; denn er schreibt in einer Lockerheit, die nicht nur behauptet, sondern auch sofort demonstriert, dass hier wirklich kein Lehrbuch besprochen wird. Nein, es ist ja auch keins, sondern ein Tagebuch, ein „Diary“.

Und er bringt mich immer wieder zum Lachen. Kaum beginne ich das erste Kapitel, das erste richtige Kapitel meine ich, da schweift er schon wieder ab und bringt ein Zitat aus „Zurück in die Zukunft“. Das hat so gar nichts mit einem Camerablitz zu tun, außer dass es da auch um Details geht, um’s Timing, und — natürlich — um einen Blitz. So einen richtig großen. So einen, der vom Himmel fällt. Im Gegensatz dazu haben unsere Blitzgeräte eine fast lächerliche Leistung.

Und dann wird er doch noch konkret. Ein doppelseitiges Foto seines Equipments — natürlich perfekt ausgeleuchtet mit Hilfe von eben diesem — treibt mir gleich erstmal die Tränen in die Augen. Wie soll ich mir das alles kaufen? Allein 15 Nikon-Systemblitzgeräte zähle ich auf Anhieb, Reflektoren, Fernauslöser, Helmlampe, Bedienungsanleitungen, Stifte, Kopfhörer, Leatherman, Farbfilter, Ladegerät. Kopfhörer?

„Konkret“ heißt hier auch „Fachbegriffe“. Und die werden richtig erklärt, also alles andere als oberflächlich: Blendenpriorität, Matrixmessung, manchmal auch manuelle Einstellungen, und immer nebenher wieder ein Beispiel aus der Hüfte geschossen, wie absurd gewisse Vorurteile und „übliche Meinungen“ sind, auch wenn er das so nicht schreiben würde. Macht nichts, man versteht es auch so. Auch die vielen nebenher eingeworfenen Tipps sind hochinteressant und ebenso hochwillkommen, was man aber vielleicht erst zu würdigen weiß, wenn man mal stundenlang genau danach gesucht hat. Als Spielratz mit vergleichsweise kleinem Nikon-Equipment kenne ich viele seiner Empfehlungen zwar schon, aber es schadet trotzdem nichts, sich alles mal wieder durch den Kopf gehen zu lassen.

Im Teil 1 führt uns Joe McNally in die Tiefen der Technik, aber er tut das so locker und witzig, dass sich vermutlich sogar eingefleischte Technikignoranten davon angezogen fühlen. Und eh er es sich versieht, hat der Leser plötzlich begriffen, was das komische Zeugs alles bedeutet, von dem die ganzen Wichtigtuer dauernd reden: Blende, Verschlusszeit, ISO, Schärfentiefe, Farbraum usw. Und er kann plötzlich mitreden.

Nach etwa 15 Seiten Einleitung kommt dann endlich das eigentliche Thema zur Sprache: Blitzkonzepte. Und wieder geht Joe mit uns en detail alles durch, immer abschweifenderweise untermalt durch seine unnachahmlichen Geschichten, die aber alles andere als ablenkend sind. Sie vertiefen den Stoff, wie ein Lehrer es ausdrücken würde, so dass wir uns durch den Spaß am Lernen besser an den Lernstoff erinnern. Solche Lehrer hätte ich mir in der Schule noch häufiger gewünscht, denn davon gab es leider nur wenige.

Dann kommt Teil 2, und nun geht es in die Praxis. Stück für Stück führt uns Joe McNally von einem Set zum nächsten, erklärt, lockert auf, reißt einen Witz und kommt wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Aber nur, um kurz darauf wieder abzuheben. Seine Stories sind begleitet von wunderbaren Fotos auf ausgezeichneter Papierqualität, und das Layout, das ebenso aufgelockert ist wie sein Schreibstil, erzeugt in mir eine Begeisterung beim Lesen, dass ich gar nicht mehr aufhören möchte. Doch ich will nicht das ganze Buch vorweg nehmen, ein wenig Vorfreude soll Ihnen noch erhalten bleiben.

Und dann schafft es dieser Mann doch tatsächlich, mich noch einmal zu verblüffen. Ganz am Ende des Buches ist ein Anhang, und in dem fängt er wirklich und wahrhaftig an, mal so richtig über Technik zu reden! „Den SB-900 als Masterblitz konfigurieren“, mit allen Einstellungen, Knöpfen und den unvermeidlichen „Drücken Sie hier“- und „Drücken Sie dort“-Anweisungen und Fotos von dem Display auf dem Blitzgerät.

Joe McNally, der Mann, der Belichtungsmesser als Ratehilfe bezeichnet, schreibt am Ende doch noch eine kleine Bedienungsanleitung. Wenn Sie sich selbst ein Bild machen wollen, empfehle ich dieses Gratis-Kapitel (PDF).

Ehrlich, ich bin begeistert, ich kann nicht anders: Ich werde den Verlag fragen, ob ich das Buch behalten darf. Sie sollten das auch tun. Gegen ein angemessenes Honorar findet sich bestimmt ein freundlicher Buchhändler, der Ihnen bei der Beschaffung hilft. Aber lassen Sie ihn auf keinen Fall reinschauen, sonst ist es weg.

Joe McNally: Hot Shoe Diaries
Verlag: Pearson Education Deutschland GmbH (www.pearson.de)
ISBN 978-3-8273-3212-7
29,95 €

Alle wörtlichen Zitate stammen aus dem Buch selbst und sind folglich vom Autor. Buchcover mit freundlicher Genehmigung des Verlages. (Sf)



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