Rezension: Franz Rosenzweig, eine Biografie

Ein Stück deutsch-jüdische Geschichte präsentiert das Buch über den Religionsphilosophen aus Kassel, Franz Rosenzweig, dessen Leben nicht nur von der Auseinandersetzung mit Religion und Kultur des Juden- und Christentums, sondern auch von seiner schweren Krankheit und nicht zuletzt den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung geprägt war.

Noch Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts war Franz Rosenzweig, dessen Wirken in Kassel sich damals vor allem in Ortsnamen und einem Gedenkstein ausdrückte, in der Fachwelt kaum bekannt. Die Autorin Eva Schulz-Jander formuliert das in ihrem Aufsatz „Rosenzweigs Fortwirken in Kassel“ in Zusammenhang mit ihrem Umzug nach Kassel im Jahr 1976 folgendermaßen: „Rosenzweig begegnete mir nicht im Text, sondern im Stein.“ Schulz-Jander meint damit den Gedenkstein mit der Aufschrift: „Rosenzweig-Anlage, benannt nach dem Religionsphilosophen Franz Rosenzweig, geboren in Kassel am 25.12.1886, gestorben in Frankfurt am Main am 10.12.1929.“

Mit dem Veranstaltungsprogramm zum 100. Geburtstag, vor allem aber dem 1. Internationalen Rosenzweig-Kongress in Kassel, begann sich das zu ändern und inzwischen ist nicht nur das hier vorgestellte Buch über das Leben und Wirken Rosenzweigs entstanden, 2012 wird in Toronto auch der inzwischen 6. Internationale Rosenzweig-Kongress stattfinden.

Rosenzweigs Entscheidung “Ich bleibe also Jude“

Franz Rosenzweig war Sohn assimilierter jüdischer Industrieller. Er zeigte sich vielseitig interessiert und studierte an verschiedenen Orten Deutschlands Medizin, Geschichte und Philosophie. Nach intensiven Auseinandersetzungen mit der politischen Philosophie und dem religiösen Selbstverständnis christlicher, jüdischer und zum Christentum konvertierter jüdischer Freunde, entscheidet Rosenstock im Oktober 1913 „ich bleibe also Jude“. Bei dieser Aussage handelte es sich weniger um ein Glaubensbekenntnis, sondern vielmehr um die Entscheidung für eine religionsphilosophisch begründete praktizierte jüdische Kultur. Auch wenn die wissenschaftlichen Arbeiten Rosenzweigs wie „Das älteste Systemprogramm  des Idealismus“ (1917), „Zeit ists“ (1917), „Der Stern der Erlösung“ und „Hegel und der Staat“ (1919) naturgemäß in erster Linie philosophische Auseinandersetzungen waren, stellte sich Rosenzweig immer auch der Herausforderung, seine Erkenntnisse praktisch zu leben und zu vermitteln.

Rosenzweigs gelebte Philosophie

Diese praktisch gelebte Philosophie gestaltete sich sehr vielschichtig. Da ist die einvernehmliche Dreierbeziehung zwischen Rosenzweig, seinem Freund Rosenstock und seiner Frau. Da ist seine streitbare und dennoch bedingungslose Dialogbereitschaft und nicht zuletzt die Gründung des Freien jüdischen Lehrhauses. Freier Zugang zur Bildung, gemeinsam gelebtes Lernen, die Einheit von Lehre und Lernen: Hier entstanden Grundgedanken und Lehrmethoden, wie sie noch heute in der modernen Erwachsenenbildung Geltung haben. Kein Zufall also, dass der Rosenzweig-Gedenkstein in der Parkanlage vor der Kasseler Volkshochschule aufgestellt ist. Die Tatsache, dass Rosenzweig seine schwere Krankheit, die Amyotrophe Lateralsklerose – eine zum Tode führende totale Lähmungserkrankung – nicht als Leiden betrachtete, obwohl er am Ende nicht mehr sprechen und schreiben sondern seine Briefe Buchstabe für Buchstabe nur noch mit den Augen diktieren konnte, zeigt welche Bedeutung er Wort und Verstand als Grundlage seines Lebens beimaß.

Rosenzweigs Vermächtnis

Keine Frage, Werk und Leben Rosenzweigs sind hervorragend geeignet,  jüdische Kultur auch religionsunabhängig in seinen wesentlichen Facetten und Spielarten zu begreifen. Sie sind geeignet, das deutsch-jüdische Verständnis und den christlich-jüdischen Dialog zu fördern. Sie sind geeignet, sich der durch die Nazizeit weitgehend zerstörten deutsch-jüdischen Kultur als eine Grundlage des so oft undifferenziert bemühten christlich-abendländischen Selbstverständnisses zu erinnern und sie sind geeignet, in unserer heutigen Gesellschaft eine intelligente Streitkultur mit (nicht nur auf Religion beschränkte) Toleranz zu entwickeln, die einer Demokratie würdig ist.

„Franz Rosenzweig“ ein Buch mit Schwächen

Toleranz und eine gewisse Leidensfähigkeit ist aber leider auch erforderlich, wenn ein am Thema zwar interessierter und mit einer gewissen Vorbildung ausgestatteter aber nicht unbedingt im philosophischen Verbalgeschwurbel geübter Leser sich der Lektüre dieses Buches annimmt. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: das Buch „Franz Rosenzweig, Religionsphilosoph aus Kassel“ ist ein wichtiges, längst überfälliges und für alle wissenschaftlichen Philosophen und Religionsphilosophen unbedingt empfehlenswertes Überblickswerk. Und eine ganze Reihe der Aufsätze sind sprachlich auch dem interessierten Laien und Historiker gut zugänglich.

Wenn aber nahezu jeder der 12 Autoren seinem Aufsatz noch einmal die Kurzbiografie Rosenzweigs und einen Kurzüberblick über dessen Schaffen voranstellt, statt einfach auf die Aufsätze seiner Coautoren Bezug zu nehmen, dann wirkt das ermüdend. Und wenn gerade in den Aufsätzen über die einzelnen Aspekte von Rosenzweigs philosophischem Werk statt einer allgemeinverständlichen Vermittlung  der jeweils zentralen Gedanken vor allem indirekte Zitate abstrakten philosophischen „Fachchinesischs“ den Hauptteil einzelner Texte ausmachen, dann ist die Chance zunächst einmal vertan, ein breiteres Publikum mit den so wichtigen Themen und Gedanken des Buches zu erreichen.

„Franz Rosenzweig“ ein Buch mit Stärken

Glücklicherweise beinhaltet das Buch auch andere Kapitel, die dem interessierten Laien deutlich zugänglicher sind. Etwa wenn es um die gesellschaftliche Stellung der Juden in jener Zeit, die Geschichte der Rosenzweig-Familie oder die Probleme der Integration aus dem „Osten“ zugewanderter Juden geht. Auch die Ausführungen Micha Brumliks zum vielschichtigen Selbstverständnis des jüdischen Volkes in „Jüdische Erwählung, Jüdisches Volk“  und erst recht natürlich Eva Schulz-Janders „Rosenzweigs Fortwirken in Kassel“ lassen sich auch für Leser, die keine Berufsphilosophen sind, gut verstehen. Die tabellarischen Lebensdaten von Franz Rosenzweig im Anhang hätten – den Aufsätzen vorangestellt – viele Wiederholungen vermeiden helfen. Die in den Buchdeckeln abgedruckten historischen Pläne von Kassel mit den eingezeichneten Wohnstätten und dem Hausbesitz jüdischer Einwohner fordert den Leser schließlich – sicherlich ganz im Sinne von Rosenzweigs Bildungsphilosophie – zu einer Stadtbesichtigung der besonderen Art auf.

Insgesamt sicherlich ein schwieriges Buch, das aber dennoch viel zu wichtig ist, um es nicht zu empfehlen.

Eva Schulz-Jander, Wolfdietrich Schmied-Kowarzik (Hg.): Franz Rosenzweig. Religionsphilosoph aus Kassel. euregioverlag 2011. Gebunden, 140 Seiten. ISBN 978-3-933617-47-7

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