Stimmungen gekonnt eingefangen

Angriff (GDT ENJ 2013, Pål Hermansen -- Norwegen)

Angriff (GDT ENJ 2013, Pål Hermansen — Norwegen)

Es ist ein dunkles Bild, fast schwarz, und es transportiert eine dunkle Stimmung. Unweigerlich entsteht auch in meinem Kopf eine anfangs unerklärliche Traurigkeit, denn alles an diesem Bild drückt Trauer aus, Hoffnungslosigkeit.

Einzelne helle Fäden durchziehen etwas, das wie ein Kopf aussieht. Müssten sich meine Augen erst an die Dunkelheit gewöhnen, es dauerte wohl einige Zeit, bis ich den Affen erkennen würde. Doch ist „Affe“ eigentlich ein zu negativer Begriff für ein Tier, das vielleicht menschlicher wirkt, als man auf den ersten Blick annehmen möchte. Das Orang-Utan-Weibchen lebt im Zoo, in Gefangenschaft, seit seiner — ihrer Geburt. Leben, wenn man das so nennen kann.

Stimmungen und Emotionen nur durch Körpersprache und Mimik zu transportieren ist etwas, das wir normalerweise nur mit uns Menschen assoziieren. Wir nehmen sie unbewusst wahr, nur wenige Menschen machen sich überhaupt Gedanken über ihr Vorhandensein. Doch auch die Primaten, landläufig „Menschenaffen“ genannt, haben die Fähigkeit, ihre Gefühle mit ihrem Körper auszudrücken. Und man zweifelt nicht daran, dass sie Gefühle haben, wenn man dieses Bild sieht. Wenn Fotografie einen Sinn und Zweck haben kann, dann diesen, uns die Natur näher zu bringen, uns sensibel zu machen für das, was außerhalb unserer beschränkten Sichtweise vor sich geht.

Pavel Radosta aus Tschechien hat dies mit seinem Bild „Ein Leben in Gefangenschaft“ eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Dieses Bild ist mein persönlicher Favorit dieser Ausstellung, die seit gestern im Kasseler Haupt- und Kulturbahnhof zu sehen ist.

Andere Bilder sind fröhlicher, zeigen ein „Außergalaktisches Raumschiff“ (Nicholas Samaras, Griechenland), das in Wahrheit nur die Größe eines Fingerhutes hat. Oder eine nicht enden wollende Decke kuschelnder Pinguine (Stefan Christmann, Deutschland), oder den winzigen Fliegenpilz (Stefan Amm, Deutschland), der sich, in der linken unteren Bildecke festgewachsen, den diagonalen Sonnenstrahlen entgegen zu recken scheint. Wieder andere Bilder sind mystisch, wie der Wasserfall, dessen Schlieren auf den ersten Blick vollkommen bildbeherrschend zu sein scheinen und den Eindruck vermitteln, das Bild stamme von einem „modernen Künstler“, nicht aber von einem Naturfotografen. Doch es ist ein gutes Bild, weil man es länger als eine Minute anschaut, wie es Henri Cartier-Bresson sehr treffend formulierte. Und in der Tat wird die Geduld des Betrachters belohnt. Nach einiger Zeit löst sich der Blick von den Schlieren und erkennt den Vogel in der oberen linken Ecke.

Sicher wird jeder Besucher andere Bilder favorisieren, einige gute, andere weniger gut finden. Doch die Ausstellung ist einen Besuch wert. Nehmen Sie sich die Zeit, der Eintritt ist frei.

Die Ausstellung bildet den Abschluss des internationalen Wettbewerbs „GDT Europäischer Naturfotograf des Jahres“, der alljährlich von der GDT / Gesellschaft Deutscher Tierfotografen (www.gdtfoto.de) veranstaltet wird. Sie tourt seit dem 3. März durch Deutschland und verweilt noch bis zum 11. Mai im Kasseler Hauptbahnhof. Danach stehen die Hauptbahnhöfe in Frankfurt am Main (ab 23.5.), Köln (ab 22.7.), Halle (ab 12.9.) und Düsseldorf (ab 3.11.) auf dem Tourplan.

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