ADHS: 7500 Prozent Steigerung in 13 Jahren?

Der Zappelphilipp war schon früher anders

Der Zappelphilipp war schon früher anders

Nordhessen. Die Welt ist im Wandel, aber das geschieht nicht erst seit heute, sondern seit Millionen von Jahren. Doch es ging noch nie so schnell wie heute. Wir überwinden Grenzen und schaffen gleichzeitig neue, wir Globalisieren und wir Technisieren. Wir können uns im Internet über alles informieren und werden doch immer desorientierter, zugleich auch folgsamer. Wir kommunizieren anders und die Dinge, mit denen wir umgehen, sie werden „intelligenter“: angefangen vom Handy, bis zum Heizungsthermostat, das anhand der Handy-Ortung sogar erkennen kann wo wir sind und dann im richtigen Moment die Heizung einschaltet.

Und doch werden wir nicht freier, wir schaffen neue Gesetze, wir regeln jeden Bereich unseres Zusammenlebens mit Richtlinien und Paragrafen und freuen uns über jedes bisschen Freiraum, das uns noch Individualität ermöglicht. Die Gesellschaft verändert sich, mit ihr die Arbeitswelt. So, wie wir uns im Beruf und mit unseren Betrieben spezialisieren, so agieren wir auch zu Hause. Für die Pflege unserer Eltern sind Pflegedienste und Heime zuständig, für die Behindertenhilfe spezielle Behinderteneinrichtungen und für die Erziehung unserer Kinder sind Kindergarten Schule zuständig. Es gibt immer Fachleute das Richtige, die stets tun. Wir haben es gelernt zu delegieren! All das schafft heute neue Probleme.

ADHS-Störungen verbreiten sich seuchenartig – 7500 Prozent Steigerung in 13 Jahren
Auch in den Schulen haben sich viele Dinge geändert. Dyskalkulie, Lese- und Rechtschreibschwäche – früher vereinfacht Legasthenie genannt – und ADHS greifen immer mehr um sich. Bis in die Neunzigerjahre waren diese Krankheitsbilder kaum bekannt und heute sind sie regelrecht explodiert.
ADHS ist nicht als Krankheit wie Masern oder Mumps zu verstehen. Eine solche kann man eindeutig nachweisen oder ausschließen. ADHS ähnelt er Übergewicht oder Bluthochdruck. Erst wenn man davon zu viel hat, wird es kritisch. Als Kernsymptome von ADHS werden Unaufmerksamkeit, Zappelphilipp und Impulsivität bezeichnet, wobei Ausprägung und Gewichtung individuell unterschiedlich sehr unterschiedlich sein können. Und gerne wird sehr schnell ADHS diagnostiziert.

Vom Zappelphilipp oder Struwwelpeter zu ADHS
Den Zappelphilipp oder den Struwwelpeter kannten unsere Urgroßeltern bereits aus Erzählungen und Büchern. Sie gelten als Urväter der heutigen Diagnosen. Ein paar Zahlen: nach einer Statistik der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie e.V. (DGSP) gab es 1995 etwa 5000 Fälle ADHS, 2008 waren es bereits 380.000. Inzwischen, so die DGSP schluckt in fast jeder Schulklasse ein Kind ein Mittel gegen ADHS, jährliche Steigerungsraten zwischen 5 und 10 Prozent werden als normal hingenommen. Jungen bekommen die Mittel übrigens viermal häufiger als Mädchen.
Woher kommt diese explosionsartige Steigerung? Die Erklärung ist verblüffend einfach. Zum einen verändern sich Familien, Erziehungsgewohnheiten und Verantwortlichkeiten zurzeit sicherlich drastisch, aber die Verhaltensweisen hat es schon immer gegeben. Sie sind nicht zur Epidemie geworden, wie die Zahlen scheinbar zum Ausdruck bringen.

Aus der sozialen Diagnose wurde eine medizinische Diagnose
Im Jahr 1992 wurde eine neue „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“, der ICD-10 herausgegeben. Und darin tauchen erstmals emotionale und soziale Störungen in einem Diagnosekatalog auf. Seitdem werden diese Diagnosen wie somatische Krankheiten gewertet und auch behandelt. Waren bis in die 90er Jahre soziale und vor allem pädagogische Fachkräfte zuständig, die mit lebenspraktischen Hilfen, Therapien und vor allem Erziehungsberatung tätig wurden, so sind plötzlich Ärzte, vor allem Psychiater, für Diagnose und Behandlung zuständig. Und jetzt gibt es auch Medikamente, die eigentlich für ganz andere Krankheiten entwickelt wurden.

Petra Lauer vom St. Elisabeth Verein / Oikos Schwalmstadt: Die Tragfähigkeit der Familie als zuverlässige Bindung ist wichtig (Foto: Rainer Sander)

Petra Lauer vom St. Elisabeth Verein / Oikos Schwalmstadt: Die Tragfähigkeit der Familie als zuverlässige Bindung ist wichtig (Foto: Rainer Sander)

An ADHS wird gut verdient – Hauptsache das Symptom wird unterdrückt
Seit die Behandlung von ADHS fest in ärztlicher Hand ist, haben sich nicht nur die Diagnosen für vertausendfacht, entsprechend verhält es sich natürlich mit den Medikamenten. Und dabei arbeiten Ärzte und Schulen Hand in Hand. Verordnet werden ausschließlich Psychopharmaka, die klassische Betreuung und Therapie findet immer weniger statt. Es passiert das, was die Schulmedizin am besten kann: es wird das Symptom bekämpft, nicht die soziale Ursache. Eine Heilung findet also nicht statt, was man daran erkennt, dass immer mehr ADHS-Fälle auch im Erwachsenenalter diagnostiziert werden. Wer es genau wissen will, wird auf Wirkstoffe wie Methylphenidad treffen und Medikamente wie Ritalin. Die sogenannten Neuroleptika sind in der Behandlung von Psychosen wie Schizophrenie im Einsatz und im Zuge der „Medizinisierung“ des Krankheitsbildes wurden Kinder und Jugendliche für diese Medikamente neu entdeckt. Dass es ein Milliardengeschäft für die pharmazeutische Industrie und die Ärzte ist, liegt auf der Hand. Bei Kindern sind die Verordnungen von 2006 bis 2007 allein um 400 Prozent angestiegen. Eine Entwicklung, die niemand revidieren will, der inzwischen daran verdient.

Nebenwirkungen sind gravierend
Dass Diabetes, Herz/Kreislauf-Erkrankungen, extreme Gewichtszunahme, Sucht, Leberstörungen, Schlaganfall, Depressionen, Erregungszustände, Plötzlicher Herztod, stark störende motorische Bewegungsstörungen, der Abfall Weißer Blutkörperchen, Suizidgedanken und früheres Ableben zu den Nebenwirkungen verschiedener Medikamente zählen, wird in Kauf genommen. Dass die Medikamente außerdem im Ruf stehen, das Gehirn langfristig und unveränderbar zu beeinflussen und auch Abhängigkeits-Symptome – die für Psychopharmaka in der Medizin gerne bestritten werden – eine Rolle spielen, wird gerne ignoriert, Hauptsache die Kinder funktionieren wieder. Im Einzelfall ist eine Medikation sicherlich sinnvoll, diese Steigerungsraten sind allerdings weder erklärbar noch tolerierbar. Nebenbei sorgen sie allerdings für eine Entlastung kommunaler Haushalte, wenn weniger Beratungsstellen und Betreuungsdienste finanziert werden müssen, weil für die Medikamente und Ärzte schließlich die Krankenkassen zuständig sind.

Woher kommt die Krankheit?
Was aber sind die sozialen Ursachen? Landkreis Kassel Spezial hat mit Petra Lauer, Geschäftsbereichsleiterin für die nordhessische Oikos, eine Organisation von Hessens größtem Jugendhilfeträger, dem Marburger St. Elisabeth Verein, gesprochen. Frau Lauer beobachtet in ihrer Arbeit eine Veränderung der Familiensysteme und der dort praktizierten Kommunikationsstrukturen: „Viele Eltern haben die Bindungsfähigkeit zu ihren Kindern verlernt!“ Ziel der Arbeit von Jugendhilfeträgern ist es dafür zu sorgen, dass Eltern für die Kinder Zuverlässigere Partner sind: „Die Eltern“, so Frau Lauer, „sind im Leben so abgelenkt, dass sie bereits im Säuglingsalter den Anforderungen der Kinder nicht gerecht werden. Die Eltern projizieren dann das Verhalten auf sich. Das Herstellen von Aufmerksamkeit hilft schon. Eltern sicherer im Umgang machen. Viele Eltern halten schon Blickkontakt zu ihren Kindern nicht mehr aus.“

Zuverlässigkeit und Vertrauen müssen hergestellt werden
Aber woher kommen solche Veränderungen? „Im heutigen Entwicklungsstand unserer Gesellschaft ist man nicht mehr so existentiell aufeinander angewiesen. Man musste früher viel mehr aufeinander eingehen und war gegenseitig aufeinander angewiesen.“ Es sind also Zuverlässigkeit und Vertrauen, die gestärkt werden müssen. Spielt die Verantwortung auch eine Rolle? „Klar“, sagt Petra Lauer, „es ist heute normal, dass wir Verantwortung auf staatliche Institutionen delegieren. Der Kindergarten ist für trockene Kinder zuständig, für Sozialverhalten und für das „Können“. Dabei haben die Erziehrinnen im Kindergarten gar keine Zeit für all diese Dinge. In der Konsequenz ist also ist keiner mehr verantwortlich. Und den Kinder fehlt Aufmerksamkeit, was

ADHS bedeutet: Aufmerksamkeitsdefizit.
Am Ende werden keine Entscheidungen mehr über die Zuständigkeit getroffen. „Natürlich“, sagt Frau Lauer, „ist das nur ein Aspekt, es gehört mehr dazu. Aber es ist auf jeden Fall kein medizinisches Problem, wir haben kein pädagogisch-therapeutisches System mehr, um das aufzufangen.“ Positive Veränderungen sind in der Gesellschaft noch nicht verwurzelt
Viele Veränderungen, auch die positiven, sind der Gesellschaft gar nicht angekommen. Fachleute wissen, dass in vielen Betrieben Mobbing an der Tagesordnung ist, wenn ein Vater beispielsweise Erziehungszeit in Anspruch nimmt. Für manche Kinder ist eine Ganztagsschule besser, ob deswegen alle Kinder den ganzen Tag lang von Fachleuten – die allesamt nicht dauerhaft Verantwortung zeigen müssen – und nicht verbindlich von der Familie betreut werden, stellen viele Fachleute längst infrage. Aktuell wird Bewegungsarmut in Ganztagseinrichtungen festgestellt. Ein Problem, das die ADHS-Diagnosen weiter in die Höhe treiben könnte.

Stundenpläne werden in den Schulen nicht unbedingt nach dem Bedarf, sondern nach den Ressourcen ausgerichtet, die zur Verfügung stehen.  Was also tun? Vielleicht hilft es, sich wieder auf die Tragfähigkeit der Familie als zuverlässige Bindung zu besinnen, das rät auch Frau Lauer. Das eine oder andere an eigenartigen Verhalten haben auch Generationen vor uns schon ausgehalten – siehe Struwwelpeter und Zappelphilipp – und alles andere ist im Grunde therapierbar – aber Medikamente sollten eine untergeordnete Rolle spielen. (rs)

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