Schöne neue Welt

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„Wenn ich für jede Mail, die mich in den letzten Wochen zur Zustimmung zu einer Datenschutzerklärung aufgefordert hat, zwei Situps machen würde, wäre mein Bauch ruck-zuck verschwunden.“

So ähnlich äußerte sich dieser Tage jemand auf Twitter (hab nur leider vergessen, wer). Es ist aber auch wirklich eine Qual: Nicht nur dass man sich als Freiberufler viel zu spät mit dem ganzen Kram beschäftigt hat, jetzt kommen in letzter Minute auch noch alle anderen aus ihren Löchern und nerven mich mit Zustimmungen. Sogar solche, die gar keinen Grund dazu haben, versuchen mich mit der Zustimmung zu überrumpeln. An manche angebliche Newsletteranmeldungen, die ich nur mal eben schnell erneut bestätigen soll, kann ich mich gar nicht erinnern.

Mehr oder weniger behaupten sie ja auch alle, dass wir eigentlich längst schon in Kontakt stehen, sie würden nur gern wissen, ob ich das auch wirklich immer noch wolle. Für alle Fälle. Na gut, vielleicht haben sie damals ja kein Double-opt-in verwendet, oder sie haben es nicht in der Datenbank gespeichert, oder sie haben die Datenbank oder sogar das Newsletterversendungsprogramm gewechselt, oder sie dachten nur, ich hätte ihnen die Zustimmung erteilt … Manch einer denkt sich bestimmt, „sicher ist sicher“, und fragt lieber nochmal nach. Das ist grundsätzlich nicht verkehrt, nur nervt es, wenn es alle gleichzeitig tun.

Aber einige versuchen es mit dem Trick, dass ich mich doch abmelden soll, wenn ich ihren tollen Newsletter nicht mehr bekommen wolle. Klar, die Abmeldeoption sollte immer Bestandteil einer Aussendung sein, aber wer aus der fehlenden Abmeldung auf die Zustimmung zur Zusendung schließt, hat den Schuss wohl nicht gehört.

Meist lauten die Texte — wie auch die Datenschutzerklärungen — ja eh alle gleich, es scheint nur eine Handvoll Generatoren zu geben. Aber mal ehrlich: Seien wir doch froh, dass es überhaupt Menschen gibt, die uns kostenlos mit Mustertexten versorgen, die zumindest für den Laien halbwegs verständlich klingen.

Torschlusspanik
Eigentlich zeigt das ja nur, dass die anderen auch viel zu spät aufgewacht sind, denn die DSGVO ist bereits vor zwei Jahren in Kraft getreten; heute endet nur die zweijährige Übergangsfrist. Da sollte ich das Maul nicht zu weit aufreißen, denn ich habe auch erst vor 4 Wochen damit begonnen, mich in die schöne neue Welt aufzumachen.

Aber meinen diese Leute denn ernsthaft, ich hätte in dem ganzen Trubel auch noch Zeit, diesen ganzen Mist durchzulesen? Ich komme ja schon mit meinem eigenen Kram gerade so auf die Reihe! Nur gut, dass der Mai so viele Brückentage hatte!

Die vielen Zustimmungen in letzter Minute haben — zumindest für mich — natürlich ganz klar den Vorteil, dass ich eine Menge Newsletter in Zukunft nicht mehr bekommen werde. Die Gegenseite wird das naturgemäß anders sehen. Manchmal habe ich die Gelegenheit beim Schopf gepackt, mich leicht abmelden zu können. In anderen Fällen habe ich die Mail vielleicht nur übersehen und werde ab Stichtag automatisch aus dem Verteiler gestrichen. Im Grunde gibt es für mich, anders als mir suggeriert wird, keinerlei Zeitdruck. Bei wichtigen Dingen kann ich mich nachträglich jederzeit wieder anmelden. Newsletterprogramme wie MailChimp oder ActiveCampaign sind ja eh nur Scripte, also Programme, und die nervt es nicht, dieses ständige Hin und Her.

Nicht selten liest man in den Foren zum Thema einen gewissen Unmut der Leute heraus, der sicher zum Teil mit der Prokrastination zu tun hat. Wäre ich im Laufe der letzten zwei Jahre ab und zu mal nach so einer Erlaubnis gefragt worden, wäre der Unmut sicher nicht so groß gewesen.

Schöne neue Welt?
Wird nun alles besser? Oder werden wir alle sterben abgemahnt werden? Nun ja, dazu kann man vielleicht heute noch nicht so viel sagen. Die einen sagen, Abmahnanwälte haben besseres (d.h. lukrativeres) zu tun, als kleine Gewerbetreibende abzuzocken. Andere befürchten, dass einfach mal „auf Gut Glück“ (also per Serienbrief) versucht wird, ein Stück vom Kuchen zu erhaschen. Ich habe auch früher schon Mahnungen zu Rechnungen bekommen, die ich nie erhalten habe. Auf einer solchen Mahnung standen zig Nummern drauf, aber es war kein einziger Hinweis zu finden, worum es denn eigentlich geht und vor allem, im Auftrag welchen Unternehmens der Mahnende mahnte. Rückfrage ergebnislos, das war wohl nur ein Schuss in’s Blaue. Warum sollte es mit der DSGVO anders sein?

Und umgekehrt? Werden wir alle nun endlich ruhiger schlafen können, weil mit unseren Daten ab heute sorgfältiger umgegangen wird? Seien wir doch mal ehrlich: Wer sich bisher nicht um den Datenschutz geschert hat, wird es in Zukunft vermutlich auch nicht tun. Wie war das nochmal mit dem Versprechen, man wolle gerade „die Großen“ damit auf Linie zwingen? Wie war das mit der Anhörung von Mark Zuckerberg (Facebook) im EU-Parlament?

Diese ganzen Vorschriften mit Datenschutzerklärung, Cookiehinweis und Verfahrensverzeichnis sind ja schön und gut, aber was nützen alle Dokumente, wenn das Regelwerk nicht gelebt wird?

Papier ist geduldig. Webseiten auch. Und wovon träumt Ihr Nachts?