Wahrheitsforscher

Wie berichtet wurde, hat der Pressesprecher die Berichte als falsch dargestellt, nach denen bei Trumps Vereidigung deutlich weniger Menschen anwesend waren als vor acht Jahren bei Obama. Angeblich hat er sogar konkret behauptet, dies sei die am besten besuchte Vereidigungszeremonie aller Zeiten gewesen.

Auch wenn hier weder Trumps noch Obamas Besucherzahlen nachprüfbar sind, kann ich mir durchaus vorstellen, dass die bisherigen Berichte stimmen. Barack Obama war (zumindest seit langer Zeit) der erste Schwarze, der zum Präsident gewählt wurde, und er war ein Hoffnungsträger. Donald Trump hingegen hat von Anfang an polarisiert, und nicht nur in dieser Hinsicht war er das genaue Gegenteil seines Vorgängers. Doch anscheinend hat er es (dadurch?) geschafft, die Mehrheit der Wahlmänner von sich zu überzeugen.

Die Berichte über die Pressekonferenz erinnerten mich an die Folge „Der Beweis“ in der Serie „Babylon 5“, als Julie Musante vom Friedensministerium in der Rolle als Polit-Offizier Captain Sheridan zur Seite gestellt wurde. Sie versuchte, ihm eine besondere Form dessen, was heute „political correctness“ genannt wird, beizubringen. Es ging im Kern darum, in der öffentlichen Darstellung Probleme geringzureden und Erfolge überzubetonen.

Kriminalität? Existiert nicht. Na gut, es gibt ein paar Fehlgeleitete, aber die müssen wir nur finden und auf den rechten Weg bringen.

(aus dem Gedächtnis zitiert)

Inhaltlich erinnert die Thematik stark an Orwells Neusprech, wo die Grenzen durch Vergleiche wie „Krieg ist Frieden“ verwischt werden, bis niemand mehr weiß, was Wahrheit und was Lüge ist. Der Originaltitel „Voices of Authority“ passt besser als der Deutsche Titel zu dem Vorgehen bei der Pressekonferenz.

Immer wachsam!

Dieser Ausspruch von Mad-Eye Moody, einer Figur, die in Harry Potter und der Feuerkelch eingeführt wurde, bekommt möglicherweise eine besondere Bedeutung. Wenn dies die Entwicklung ist, der wir aktuell in Presse und Medien begegnen, dann ist höchste Aufmerksamkeit geboten! Dabei müssen es gar nicht so plumpe Lügen sein. Die sind vielleicht relativ leicht zu erkennen, die subtileren wiederum nicht. Auch das Weglassen von relevanten Informationen kann zu einer anderen Einschätzung der Sachlage beim Leser führen als wenn alle Informationen weitergegeben werden. Ein Beispiel wäre die hypothetische Nachricht über eine Schlägerei ohne Nennung der Nationalitäten der beteiligten Personen. Es wird gern argumentiert, die Nationalität sei dabei irrelevant. Auch heißt es, man wolle das Volk nicht noch weiter gegen Asylbewerber aufbringen. Auch der Schutz der Angeklagten, solange sie noch nicht verurteilt wurden, wird angeführt.

Doch denke ich, dass eine Nachricht im Stile „syrischer Asylbewerber verprügelt Deutschen“ deutlich mehr Informationen beinhaltet als ein simples „Schlägerei in der Königsstraße“. Im umgekehrten Falle ist jedoch oft von Rechtsradikalen die Rede, die einen Ausländer verprügelt hätten. Hier scheint man von Anfang an genau zu wissen, welches die Gesinnung des Schlägers ist, und es scheint weiterhin so, als ob in diesem Fall die Nationalität plötzlich von großer Bedeutung sei. Ich bin zwar immer dafür zu differenzieren, aber ich bin auch für eine Gleichbehandlung der Umstände. Entweder wird die Nationalität bei einer Schlägerei als irrelevant angesehen oder als relevant. So oder so, man sollte in den Berichten darüber konsequent sein und alle ähnlichen Fälle auch gleich behandeln.

Nachrichten sollten „Benachrichtigen“ sein. Sie sollten Fakten berichten, kein vorweggenommenes Meinungsbild liefern. Ich für meinen Teil würde gern die Fakten lesen, um dann zu einer eigenen Meinung zu kommen.

Der Journalist als Wahrheitsforscher

Aus meiner Sicht ist jeder ernsthafte haupt- und nebenberufliche Journalist, aber auch alle Blogger, Facebooker, Twitterer und selbstverständlich auch die passenden „-Innen“ dazu aufgerufen, Nachrichten nicht ungeprüft weiterzuleiten! Das betrifft nicht nur Nachrichten des sogenannten Weltgeschehens, sondern auch den Fall von Pressemitteilungen, die die Redaktion in großer Zahl erreichen. Auch wenn man die Verlockung verstehen kann, durch ein einfaches „Copy & Paste“ schnell einen Artikel fertig zu bekommen.

Ich weiß, das könnte durchaus eine Menge Arbeit bedeuten, aber wenn ich mich nicht täusche, ist es genau das, was Journalisten in ihrer Ausbildung sowieso gelernt haben sollten. Die Schnelllebigkeit unserer Zeit mag einen großen Einfluss darauf haben, dass Redaktionen in dem Wettlauf um die Erstmeldung eine gewisse Sorgfalt vermissen lassen. Aber wenn Masse über Klasse geht, wenn Emotionen über Fakten stehen, dann machen wir etwas grundlegend falsch.

 

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