Welturaufführung: Musical „Der Medicus“

Grandiose Umsetzung eines grandiosen Stoffes im Schlosstheater Fulda

Tragischer Beginn in England (Foto: Rainer Sander)

Tragischer Beginn in England (Foto: Rainer Sander)

Fulda | Boston. Eine sichtlich beeindruckte Familie von Autor Noah Gordon, ein amüsierter Thomas Hermanns (Quatsch Comedy Club), ein entspannter MdB Wolfgang Bosbach, ein aufgelockerter Bischof, nein, nicht der vom Dom, sondern Sascha Bischof, Inhaber von Joneleit Centrum Büro, der „Fullefischer“ Marcus Leitschuh – aus Kassel angereist, Feuerwehrleute in Uniform, eine aufgeregte Fuldaer Prominenz und alle, die dazu gehören möchten, ein Ensemble in Hochform und eine Mannschaft voller Leidenschaft und Tatendrang vor und hinter der Bühne – sie alle erlebten im Schlosstheater zu Fulda einen historischen Moment.
Fulda feierte abermals eine Welturaufführung, in diesem Falle eine mit Superlativen. Dass Noah Gordon persönlich die Rechte für die weltweit überhaupt erste Bühnenfassung seines vor 28 Jahren erschienenen Romans „Der Medicus“ ausgerechnet nach Fulda vergeben hat, ist den Erfolgen der Musicalstadt durch „Die Päpstin“ und andere Musicals in den vergangenen Jahren geschuldet. Noah Gordons Sohn Michael hat die Stadt in Osthessen zuerst besucht und Peter Scholz von Spotlight Musicals ist anschließend selbst nach Boston zum Autor gereist.

Eins der beliebtesten Bücher weltweit – stehende Ovationen in Fulda

Der Medicus ist schon als Buch mehr als erfolgreich gewesen. Es zählt zu den weltweit beliebtesten Werken und die deutsche Ausgabe wurde allein 6 Millionen Mal verkauft. 3 Millionen sahen den Film hierzulande im Kino und noch einmal 7 Millionen vor dem Fernsehschirm. Für jeden Autor eine Herausforderung, mit der er sich in der großen Welt der Musicals entweder in die erste Liga katapultieren oder total blamieren kann.
Die Aufregung war dem Autorenteam, der Regie, der Choreografie, der musikalischen Leitung, der Crew und dem Ensemble schon bei den Proben anzumerken. Aber von Angst war nichts zu spüren, Peter Scholz und Dennis Martin glauben an sich selbst und dürften seit gestern vor Selbstbewusstsein strotzen.
Mit stehenden Ovationen, auch von der Familie Gordon, wurde das – für eine Fuldaer Produktion auffallend große – Ensemble nach der Welturaufführung in die Garderobe verabschiedet.

Näher am Roman als der Film

Dabei ist die Musical-Fassung wesentlich näher an der Romanvorlage, als der bekannte und beliebte Film. Die Rahmenhandlung spielt in einer Zeit, als Heilkundige noch Gefahr liefen, der Hexerei bezichtigt zu werden. Der kleine Rob Cole verliert in England zuerst den Vater, dann stirbt seine Mutter an der Seitenkrankheit (Blinddarmentzündung). Er kann den Tod in seinen Händen spüren und als Waise kommt er zu einem Badechirurg in die Lehre, will mehr wissen über die Medizin, reist nach Isfahan ins ferne Persien zum bekannten Medicus Ibn Sina, muss sich dort als Jude ausgeben, wird zum Freund des Schah, erlernt die Heilkunst und übertrifft am Ende, als er – gegen jedes religiöse Gebot – das Innere des Menschen erforscht, seinen Meister. Die Liebe zu Mary Cullen, die er unterwegs trifft und am Ende mit ihr in Schottland lebt, trägt ihn durch schwere Zeiten.

Glänzend: Sabrina Weckelin und Friedrich Rau

Dass Sabrina Weckerlin zwar in diesem Musical – in dem Frauen wenig tragende Rollen verkörpern können – nicht, wie in der Päpstin, die Hauptrolle spielt, kann sie angesichts des fantastischen Stoffs und der tatsächlich perfekt gelösten Aufgabe, ganz sicher verschmerzen. Als Mary setzt sie die stimmlichen Glanzpunkte und ist trotzdem der Star des Musicals. Das könnte sich den nächsten über 200 Aufführungen (es könnten auch mehr werden) allerdings ändern. Mit dem in der Musical-Szene nicht überragend bekannten Friedrich Rau – nach der Schatzinsel – auch die Hauptrolle des Rob Cole zu besetzen, war nicht ohne Risiko. Aber der junge Darsteller aus dem thüringischen Weimar, der bisher viel zu familien – und heimatverbunden war, um in den Metropolen die großen Musicals zu spielen, hat stimmlich und darstellerisch bereits in der Uraufführung mehr als überzeugt.
In Fulda zumeist nicht unbekannte Namen wie Reinhard Brussmann (Ibn Sina), Andreas Wolfram (Karim), Lutz Standop (Mirdin) oder Sebastian Lohse (Bader/Quandrasseh) komplettieren ein homogenes Ensemble. Das Bühnenbild, die Technik und die Effekte sind für das Schlosstheater sehr aufwändig und komplex, aber alles andere als übertrieben. Überhaupt setzt sich ein weiteres Mal in Fulda alles perfekt zusammen.
Dabei passt das Thema sogar in die aktuelle Islam-Diskussion. Wunderbar erklärt das Musical, dass es nicht die alten Religionen sind (Islam, Judentum und Christentum gleichermaßen), die die Probleme einer Zeit lösen, sondern die Menschen, die ihre Feigheit überwinden, mit ihrem unbeugsamen Geist, versöhnt mit der Vergangenheit, der Unmenschlichkeit trotzen und den Fortschritt suchen. (rs)

 

(CB)

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