Halloween im Werraland 11

11. November 2012
Von

Das Gespenst vom Diebesturm

Längst waren die Fluten unter der dicken Eisschicht abgeflossen. Und als die Sonne von Tag zu Tag stärker wurde, da brach auch der Eispanzer in sich zusammen und wurde Stück für Stück vom Fluss zum fernen Meer hinausgetrieben.

Aber die Spuren der schrecklichen Schlacht waren noch lange zu sehen. Entwurzelte, gestrandete Bäume, zerstörte Koppelzäune und getrockneter Schlamm bedeuteten für Fridolin und seine Helfer eine Menge Arbeit bis der Hof wieder in Ordnung gebracht war und sich das Leben für Mensch und Tier normalisiert hatte.

Seit der denkwürdigen Nacht der Entscheidung hatte Fridolin den alten Wiekenhus nicht mehr gesehen. Und wen er von den Andersweltwesen, denen er gelegentlich begegnete, auch darauf ansprach, sie alle antworteten recht einsilbig und ausweichend.

Also machte sich Fridolin eines sonnigen Tages auf den Weg zum Feenhügel auf dem Johannisberg, in der Hoffnung er könnte noch einmal hineingelangen und den König treffen. Vielleicht, so dachte Fridolin, vielleicht brauchte Wiekenhus ja diesmal seine Hilfe.

Der Bauer hatte die Bergkuppe noch nicht erreicht, da erblickte er den kleinen hutzeligen Mann mit dem bodenlangen Bart, der ihn bei seinem letzten Besuch versucht hatte, zu überlisten. Aufgeregt hüpfte er auf Fridolin zu: „Endlich, endlich kommt jemand“, plapperte er aufgeregt, „Ach herrjeh, der Bauer Fridolin. Na, was soll´s, ist sowieso alles egal.“

Fridolin war vorsichtig: „wollt Ihr mich etwa wieder hereinlegen?“ fragte er misstrauisch.

Dem Hutzelmännchen brachen die Tränen aus, “wie sollte ich, wie könnte ich?“ fragte er verzweifelt, Ich bin doch jetzt frei, es gibt nichts mehr zu Bewachen.“

Die beiden waren ein Stück des Wegs weitergegangen und als Fridolin seinen Blick auf den Feenhügel werfen wollte, erstarrte er ungläubig. Dort, wo vorher der geheimnisvolle und mächtige Palasthügel des Wiekenhus gestanden hatte, war nichts mehr, außer ein tiefer Krater, der in den Fels gesprengt schien. „Versteht Ihr jetzt?“ schluchzte das Hutzelmännchen, „es gibt nichts mehr zu bewachen, ich bin frei.“ Unglücklich sank das Männlein in sich zusammen.

Fridolin wollte nicht glauben, dass der Palast des mächtigen Wiekenhus zerstört und dieser vielleicht nie mehr wiederkehren und durch sein Auenland streifen würde. Fridolin suchte nach Antworten. Und so umkreiste er den ehemaligen Feenhügel dreimal entgegen dem Sonnenlauf, in der Hoffnung doch in den Palast zu gelangen. Aber nichts geschah.

„Vergiss es“, schniefte das Männlein, „er ist weg“.

Nach mehreren Versuchen musste Fridolin schließlich aufgeben. Selbst der Baum, durch den er damals in die Vergangenheit gepurzelt war, existierte nur noch als umgestürzte, zerfetzte Leiche. Der Weg in die Anderswelt war für immer versperrt.

Unendlich traurig und gleichzeitig wütend machte sich Fridolin auf den Rückweg. Das alles war die Schuld des gierigen und feigen Wiekenhusener Stadtrates und insbesondere des Bürgermeisters. Fridolin war tief in Gedanken versunken und so bemerkte er erst spät, dass ihm der kleine Hutzelmann folgte.

„Was wollt Ihr?“ fragte Fridolin barsch, denn er wollte bei all dem Unglück nicht auch noch diesen verschlagenen kleinen Kerl auf dem Hals haben. „Ihr seid frei, das habt Ihr Euch doch immer gewünscht“ herrschte er den unglücklichen Wicht an, „also geht Eurer Wege und lasst mich in Frieden.“

„Aber ich weiß doch nicht wohin“, das Kerlchen weinte nun ganz fürchterlich, „ich weiß nicht, was ich tun soll, ich kann doch nur, was ich seit Jahrtausenden getan habe, den Schatz bewachen.“ Der Wicht sank auf die Knie: „Ich flehe Euch an, Bauer Fridolin, bitte nehmt mich mit. Gebt mir eine Aufgabe, habt Ihr nicht irgendetwas zu bewachen?“ des Wichtes Augen glänzten hoffnungsvoll. „Ich verspreche Euch beim alten Wiekenhus und bei allem, was mir heilig ist, ich werde Euch immer, immer treu sein.“ Der Blick des Alten wurde flehend und Fridolin bekam schließlich Mitleid mit dem Männlein.

Der Bauer wollte dem Wicht gerade anweisen, ihm zu folgen und als er sich bückte, um seinen Rucksack wieder aufzunehmen, da fiel ihm das goldene Schlüsselchen aus der Tasche.

Entgeistert blickte der Bauer den Schlüssel an, es gab wohl doch noch etwas, das die schreckliche Schlacht überlebt hatte und wer weiß, vielleicht würde es eines Tages einen neuen Palast des Wiekenhus geben, einen Palast, zu dem dieser Schlüssel ebenso passen würde wie zu dem alten Feenhügel.

Fridolin blickte auf den Schlüssel und dann auf das Hutzelmännchen, ihm kam eine wunderbare Idee. „Nun denn, so folgt mir, ich habe eine Aufgabe für Euch, eine überaus wichtige Aufgabe.“

Begleitet von dem Hutzelmännchen hatte sich Fridolin auf den Weg in die Stadt gemacht. Die Leute beachteten den Bauern kaum und den Wicht schon gar nicht. Allerdings wurde der Bauer immer wieder von verstohlenen, misstrauischen Blicken begleitet. Bald fand Fridolin heraus, dass die Blicke tatsächlich ihm und nicht dem Männlein galten, denn die Menschen schienen den bärtigen Gesellen gar nicht zu sehen.

Aber das focht Fridolin nicht an. Mochten ihn die Menschen auch schief ansehen, sie hatten Grund genug, ein schlechtes Gewissen zu haben. Und er würde es ihnen nicht erleichtern, das hatten sie nicht verdient. Geradewegs steuerte Fridolin auf den Turm zu, der das Stadttor in Richtung Osten sicherte, den sogenannten Diebesturm. Hier hatten die braven Bürger Diebe und andere Verbrecher in den Kerker geworfen, bis diese vermoderten und ihre armen Seelen durch die Gemäuer irrten. Der Turm wurde seit langem schon nicht mehr benutzt, denn bis vor kurzem traute sich kaum noch jemand hinein und man hatte längst andere Orte gefunden, um die Gefangenen sicher zu verwahren. Nachdem aber der finstere Krieger auch die Seelen der Untoten aus dem Verlies des Turmes befreit und gegen Wiekenhus ins Feld geführt hatte, war auch der Spuk im Diebesturm zu Ende. Schnell waren die Bürger auf eine Idee gekommen. Die Stadtkasse, ein beträchtlicher Schatz, wurde nun im Diebesturm aufbewahrt, einer der sichersten Orte in diesen unruhigen Zeiten.

Fridolin wandte sich an das Männlein: „In diesem Turm lagert ein großer Schatz und wenn Ihr mir dazu verhelfen könnt, an den Wachen vorbei hineinzugelangen, dann dürft Ihr diesen Schatz und noch etwas ganz besonderes auf immer und ewig bewachen. Es sei denn, „fügte Fridolin nachdenklich hinzu, „Es sei denn, es kommt jemand, der sich des Schatzes und des Gegenstandes, den ich hinzufügen werde, als würdig erweist.“

Der Wicht hüpfte vor Freude und Aufregung hin und her: „Ich werde Euch nicht enttäuschen.“ Und so geschah es denn, dass sich der Schlüssel die der Wächter an seinem Gürtel trug wie von Geisterhand löste und zum Türschloss des Turmes schwebte. Für den Wächter war der Wicht unsichtbar, und so war es ein Leichtes, ihm den Schlüssel zu entwenden, ins Schloss zu stecken und die Tür zu öffnen. Als aber der Wächter und die Soldaten, die im Innern des Turmes wachten, das Knarren der Tür hörten, griffen sie sofort nach ihren Schwertern und riefen: „Wer da?“

Aber niemand war zu sehen und bevor sie es sich noch versahen, hatte der unsichtbare Wicht die gesamte Wachmannschaft mit einer einzigen Handbewegung in einen Tiefschlaf versetzt.

„Kommt schnell, Fridolin“, rief der Hutzelmann. Und als dieser durch die Tür gesprungen war, da schlug sie wie von Zauberhand zu und die beiden hatten freie Bahn. Fridolin hatte sich den Schlüssel zur Schatzkammer, dem ehemaligen Kerker, gegriffen und die Klappe geöffnet. Das Hutzelmännchen bekam glänzende Augen: „Was für ein schöner Schatz“, jubelte er, „was für ein schöner Schatz.“

Aber Fridolin zog den kleinen goldenen Schlüssel, den Schlüssel zum Feenhügel aus seiner Tasche und zeigte diesen dem Wicht: „Das hier, mein Lieber, das hier ist der eigentliche Schatz, den Ihr bewachen müsst, erfüllt Eure Aufgabe gut!“ Sprachs und warf das goldene Schlüsselchen in den Kerker, wo es klingend und springend zwischen den Schätzen der Stadtkasse verschwand.

Das Hutzelmännchen nahm seine Aufgabe sehr ernst und so wunderte sich Fridolin überhaupt nicht, als die Nachricht die Runde machte, dass der Stadtschatz von einer Nacht zur anderen einfach verschwunden war. Die Bürger glaubten natürlich zunächst an Diebstahl, Fridolin aber wusste es besser. Das Männlein hatte den Schatz durch seine Zauberkräfte den Blicken der Normalsterblichen entzogen. Der Schatz war noch da, aber niemand konnte ihn sehen. Natürlich wurden die Wachen abgezogen und der Turm war nun frei zugänglich. Und wenn Neugierige zu bestimmten Zeiten den Turm betraten, dann konnten sie es am Boden des tiefen Kerkers funkeln und glänzen sehen. Und bald machte das Gerücht die Runde, dass der Schatz immer noch da sei. Natürlich rief das zahlreiche Glücksritter auf den Plan, Menschen, die sich des Nachts, bei Vollmond in den Turm schlichen, in der Hoffnung, der Schatz würde sich ihnen offenbaren und sie würden unendlich reich werden.

Bald aber ebbte der Strom der Glücksritter ab. Denn es hatte sich herumgesprochen, dass die Schatzsuche im Turm nicht gerade ungefährlich sei. Denn nach kurzer Zeit war ein kleiner alter Mann vor dem Turm aufgetaucht mit einem gewaltigen Bart, der bis zum Boden reichte. „Soll ich Euch hineinführen und den Schatz zeigen?“ fragte er mit listigem Lächeln. Wenn jemand dieses Angebot ablehnte, verschwand das Männlein augenblicklich und die Besucher stiegen durch den Turm, ohne auch nur eine Spur von Gold oder Edelsteinen zu entdecken.

Wer sich aber auf das Angebot einließ, den führte das Männlein direkt in den Turm zu dem Kerker, an dessen Boden der gewaltige Schatz funkelte und glänzte. Aber so gierig die Leute auch sein mochten, es gab keinen Zugang zum Verlies, der Schatz blieb unerreichbar. Dafür aber schloss sich plötzlich die Turmtür mit lautem Knall und der Schatzjäger blieb für mehrere Tage im Turm eingesperrt. „Da habt Ihr Euren Schatz, lachte das Hutzelmännchen höhnisch.“ Und wenn sich die Tür nach mehreren Tagen wieder öffnete, dann waren die Glücksritter völlig verstört und verließen fluchtartig die Stadt.

Manche ganz verwegene hatten versucht, sich in das Verließ hinab abzuseilen. Aber wenn sie sich ihre Taschen und Säcke mit den Reichtümern vollgepackt hatten und wieder hinaufkletterten, so riss das Seil jedes Mal, wenn sie gerade den Ausstieg erreicht zu haben glaubten und sie stürzten viele Meter zurück in das Verließ. Diese Menschen tauchten nie wieder auf. Aber ihre Seelen geisterten von nun an im Turmgemäuer und trieben so manchen wagemutigen Besucher in den Wahnsinn.

Bis heute konnte der Schatz nicht geborgen werden, obwohl er mit Sicherheit noch im Turm lagert. Und bis heute behütet das Hutzelmännchen treu den Schatz und bietet zu bestimmten Zeiten wagemutigen Besuchern seine Dienste an.

Es folgt: Das Tor zur Anderswelt

Bild und Geschichte: Wolfgang Schwerdt

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