Bad Hersfelder Festspiele: Premiere DRAUSSEN VOR DER TÜR

GOTT: … Du bist der neue Gott, Tod, aber du hast zugelegt. Dich hab‘ ich doch ganz anders in Erinnerung. Viel magerer, dürrer, knochiger, und jetzt bist du rund und dick und gut gelaunt. Der alte Tod sah immer so verhungert aus.

TOD: Na ja, ich hab‘ in diesem Jahrhundert ein bisschen Fett angesetzt. Das Geschäft geht gut. Ein Krieg gibt dem andern die Hand. Wie die Fliegen kleben die Toten an den Wänden dieses Jahrhunderts.

(aus DRAUSSEN VOR DER TÜR)
Beckmann, die Hauptfigur in DRAUSSEN VOR DER TÜR, kann seine Erlebnisse im Krieg nicht vergessen. Er erinnert sich und andere ständig an Tod, Leid, Not und Hunger und ist damit unbequem. Beckmann ist und bleibt auch in dieser Inszenierung fremd, weil er sich in der (Nachkriegs-) Gesellschaft des Verdrängens nicht einrichten kann und will.

Heute wirkt er vielleicht fremd, weil das Stück und Beckmann nicht in unsere Zeit zu passen scheinen. Oder weil wir nicht mit der Vergänglichkeit unserer Sicherheit konfrontiert werden wollen. Die meisten von uns gehören zu den ersten Generationen, die keinen Krieg in Deutschland erleben mussten. Regisseurin Andrea Thiesen: auch Deutschland befindet sich wieder im Krieg. Krieg, den viele nicht Krieg nennen wollen, der weit weg zu sein scheint. Aber einige von uns kommen aus diesem fernen Krieg versehrt, traumatisiert und fremd zurück. Andere sind auf der Flucht vor Kriegen und suchen hier Asyl.

In der Inszenierung in der Schilde-Halle im Rahmen der 61. Bad Hersfelder Festspiele bekommt das Anderssein, das Fremdsein noch einen weiteren eigenen Aspekt. Die Hauptrolle hat Parbet Chugh übernommen, ein junger in Hamburg geborener Schauspieler mit Migrationshintergrund.

Vielleicht merkt man an dieser besonderen Inszenierung nicht nur deshalb, dass uns der Beckmann auch oder gerade im Jahr 2011 gar nicht so fremd und DRAUSSEN VOR DER TÜR sehr aktuell ist.

Zum Inhalt

Beckmann kommt nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft nach Hause. Ihn verfolgen seine Erlebnisse und Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg. Seine Mitmenschen haben die Vergangenheit längst verdrängt. Auf den Stationen seiner Suche nach einem Platz in der Nachkriegsgesellschaft richtet Beckmann Forderungen nach Moral und Verantwortung an verschiedene Personentypen wie Gott und den Tod. Am Ende bleibt er von der Gesellschaft ausgeschlossen und erhält auf seine Fragen keine Antwort.

Er sagt: Vielleicht bin ich auch ein Gespenst. Eins von gestern, das heute keiner mehr sehen will. Ein Gespenst aus dem Krieg, für den Frieden provisorisch repariert.

Wolfgang Borchert

DRAUSSEN VOR DER TÜR hat Wolfgang Borchert innerhalb von acht Tagen geschrieben. Der Entstehungszeitraum wird zwischen Herbst 1946 und Januar 1947 angenommen. Am 13. Februar 1947 wurde es erstmals als Hörspiel vom Nordwestdeutschen Rundfunk ausgestrahlt, am 21. November 1947 folgte die Uraufführung als Theaterstück in den Hamburger Kammerspielen. Das Drama blieb neben einigen Kurzgeschichten das Hauptwerk Wolfgang Borcherts, der einen Tag vor der Uraufführung im Alter von 26 Jahren verstarb.

Sowohl die Radioausstrahlung als auch die Bühnenpremiere von DRAUSSEN VOR DER TÜR laut Untertitel. Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will wurden große Erfolge und machten den bis dahin unbekannten Borchert berühmt. Viele Zeitgenossen konnten sich mit Beckmanns Schicksal identifizieren, Borcherts Stück wurde als Aufschrei einer zuvor schweigenden jungen Generation gewertet und gilt heute als eines der wichtigsten Nachkriegsdramen.

Der Aufführungsort

Die Stühle, auf dem die Zuschauer in der Schilde-Halle in Bad Hersfeld Platz nehmen, stammen aus der Lausitz und keiner von ihnen ist nach 1945 entstanden. Intendant Holk Freytag hat diese Stühle mit seinem Team in seiner Zeit als Intendant des Staatsschauspiels in Dresden für seine Inszenierung der ERMITTLUNG des Dramatikers Peter Weiss gesammelt. Sein Nachfolger in Dresden hat ihm die Stühle geschenkt. Und nun kommen sie wieder und sinnvoll in Bad Hersfeld zum Einsatz.

Der besondere Charme der Spielstätte entsteht dadurch, dass die historische Schilde-Halle als Die Halle wurde zu Beginn des letzten Jahrhunderts als Teil der Benno Schilde Maschinenfabrik und Apparatebauanstalt gebaut. Die Firma fertigte unter anderem Ventilatoren und überstand den zweiten Weltkrieg fast ohne Schaden.

Premiere:

21.07. 2011 20 Uhr, Schilde-Halle, Benno-Schilde-Platz, Bad Hersfeld

Spieldauer: ca. 75 Minuten

Die Vorstellungen sind derzeit alle ausverkauft. Die Kartenzentrale empfiehlt trotzdem nachzufragen: oft werden Karten zurück gegeben.

Internet: 61.Bad-Hersfelder-Festspiele

© 2011 NHR  Fotograf:  M.Kittner

 

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