Der Dadaist vom Dorf

Foto-Quast-PGWYP2VP100 Jahre nach dem „Urknall der modernen Kunst“ wird in einem Alten Kuhstall an den Pionier Richard Huelsenbeck erinnert
Er war der Wildeste von allen. Als vor 100 Jahren im Zürcher Cabaret Voltaire sechs junge Künstler den Dadaismus begründeten und damit den „Urknall der modernen Kunst“ auslösten, da tat sich als exaltierter Akteur und Provokateur ein 23-jähriger Literat und Medizinstudent aus der hessischen Provinz besonders hervor. Richard Huelsenbeck hieb bei seinen Lesungen mit einem Stöckchen aus spanischem Rohr durch die Luft, er blähte die Nüstern, schaute arrogant ins Publikum und malträtierte das Fell einer dicken Trommel. Brüllen, Pfeifen und Gelächter begleiteten ihn, wie sein Freund und Mitstreiter Hugo Ball im Tagebuch notierte. „Er möchte am liebsten die Literatur in Grund und Boden trommeln.“
Aus der schrillen Gaudi wurde eine internationale Avantgarde-Bewegung, die zahllose Künstler und Literaten beeinflusst hat und bis heute nachwirkt. Richard Huelsenbeck aber, der in Frankenau im nordhessischen Landkreis Waldeck-Frankenberg geboren ist, geriet in Vergessenheit, obwohl er nicht nur in Zürich, sondern bald danach auch in Berlin zu den Pionieren des Dadaismus gehörte.

100 Jahre nach seinem furiosen Eintritt in die Weltgeschichte wird in einem alten Kuhstall seines Heimatortes jetzt an den Dadaist vom Dorfe erinnert. Bei einem Literaturfestival, dem Literarischen Frühling in der Heimat der Brüder Grimm, erweckt der Frankfurter Aktions- und Theaterkünstler Michael Quast die skurrilen Gedichte und Prosatexte Huelsenbecks mit einer szenischen Lesung wieder zum Leben – mit Hilfe einer Werkbank, einer Trommel und allerlei Tschingdarassa.
„Schroffe Absage und großes Vergnügen“
Die Veranstaltung findet am Montag, dem 11. April 2016, um 19 Uhr in Metzen Altem Kuhstall in Frankenau-Ellershausen statt und ist geplant als „künstlerisches Happening besonderer Art“, wie die Autorin Christiane Kohl als Sprecherin der Veranstalter sagt.

Zuvor wird um 17 Uhr der Germanist Prof. Hermann Korte aus Siegen, ein Spezialist für die Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, in einem Bilder-Vortrag die historischen Hintergründe erläutern. Die beiden Veranstaltungen ergänzen sich und sollen „ebenso erhellen wie erheitern“, sagt Christiane Kohl. „Dada war eine schroffe Absage an den Ungeist der damaligen Zeit und zugleich ein großes Vergnügen.“
Beim Literarischen Frühling in der Heimat der Brüder Grimm, der in diesem Jahr bereits zum fünften Mal stattfindet, strahlt das 100-jährige Dada-Jubiläum auch auf andere Veranstaltungen aus. Bei der für Samstag, den 9. April, um 19 Uhr vorgesehenen Eröffnungsveranstaltung, die ebenfalls in Metzen Altem Kuhstall in Ellershausen stattfindet, wird auch der Kolumnist Axel Hacke auf das Thema eingehen. Und eine Woche später, am Sonntag, dem 17. April ist der Dadaismus eines der Phänomene, mit denen sich der Philosoph Peter Sloterdijk im Gespräch mit dem ZEIT-Redakteur Jochen Bittner auseinandersetzt. Die Veranstaltung findet um 14 Uhr im Hotel Schloss Waldeck am Edersee statt.

Philosoph Prof. Peter Sloterdijk, in seiner Wohnung in Karlsruhe © Sven-Paustian

Philosoph Prof. Peter Sloterdijk, in seiner Wohnung in Karlsruhe
© Sven-Paustian

In Kooperation mit: „Dada bedeutet – nichts“
Richard Huelsenbeck war ebenso wie die Schriftsteller Hugo Ball und Tristan Tzara, die Diseuse Emmy Hennings sowie die Maler Hans Arp und Marcel Janco eine zentrale Figur in der Frühphase des Dadaismus. Im Frühjahr 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, verlas er auf der Bühne in Zürich regelmäßig eine Erklärung, die dem verblüfften Publikum klarmachen sollte, was es mit dieser revolutionären Bewegung auf sich hatte. „Dada bedeutet nichts“, schrie er pathetisch. „Dies ist das bedeutende Nichts, an dem nichts etwas bedeutet. Wir wollen die Welt mit Nichts ändern, wir wollen die Dichtung und die Malerei mit Nichts ändern und wir wollen den Krieg mit Nichts zu Ende bringen.“
Huelsenbeck war am 23. April 1892 als Sohn eines Apothekers in dem kleinen Ort Frankenau bei Frankenberg geboren. Die Familie stammte aus Westfalen und ging bald wieder dorthin zurück, weil die Apotheke für den Lebensunterhalt nicht genug abwarf. Huelsenbeck studierte später Germanistik, Kunstgeschichte und Medizin, zunächst in München, dann in Paris, Münster und Berlin. Nach Zürich hatte er sich wie andere Kriegsgegner aus ganz Europa geflüchtet, um in der neutralen Schweiz sicher vor dem Hurrapatriotismus in der Heimat zu sein. Während der NS-Zeit emigrierte er 1937 mit seiner Familie nach New York, wo er als Psychiater und Autor lebte. Im Alter siedelte er nach Muralto im Tessin über und starb dort am 20. April 1974.
Außer in Frankenau-Ellershausen wird an die Gründerzeit des Dadaismus in diesem Frühjahr auch im Hans-Arp-Museum im Bahnhof Rolandseck bei Bonn sowie in Pirmasens, der Geburtsstadt von Hugo Ball, erinnert. Am historischen Ort in Zürich, im Cabaret Voltaire, wird ebenfalls mit zahlreichen Veranstaltungen der Dadaisten gedacht.

Weitere Informationen: www.literarischer-fruehling.de

 

(CB)

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