Twitter – Revolution in 140 Zeichen?

Das Key Visual zur Doku "Twitter - Revolution in 140 Zeichen?". ©ZDF und AVE/Tim Klimes

Das Key Visual zur Doku „Twitter – Revolution in 140 Zeichen?“.
©ZDF und AVE/Tim Klimes

Jubiläums-Doku zu 10 Jahre Kurznachrichtendienst
Von Twttr über Hashtags zum Live-Twittern: Als Jack Dorsey am 21. März 2006 seinen ersten Tweet absetzte, ahnte kaum jemand, dass in den nächsten zehn Jahren aus Twttr nicht nur Twitter, sondern das „Gezwitscher“ jedem geläufig und die digitale Echtzeit-Verbreitung telegrammartiger Kurznachrichten aus dem eigenen Leben zum Hype würde. Zum Zehnjährigen greift die Doku „Twitter – Revolution in 140 Zeichen?“ am 21. März 2016 deshalb die Fragen auf: Ist Twitter ein überschätztes Medium, das seinen Zenit bereits erreicht hat, oder auch künftig ein einflussreiches, schlagkräftiges Instrument der Echtzeit-Kommunikation?

Im März 2016 ist es zehn Jahre her, dass 140 Zeichen die Welt eroberten: Twitter. Heute steht das Unternehmen mit einem geschätzten Wert von 24 Milliarden US-Dollar da.
Doch der Weg dahin war nicht immer stringent. Kaum eine Gründungsgeschichte des Silicon Valley ist so detailliert und öffentlich dokumentiert wie die von Twitter.
Ist Twitter ein überschätztes Medium? Oder ein einflussreiches Instrument, das mit seiner unmittelbaren Schlagkräftigkeit Geschichte nicht nur geschrieben, sondern auch gemacht hat? Die Dokumentation versucht, hinter die Kulissen des Unternehmens zu schauen und seine Bedeutung, seinen Einfluss und sein Potential für die Zukunft zu skizzieren.

 

„Diesen Erfolg hat niemand vorausgesehen“
Interview mit Filmautor Tim Klimeš
Leonardo diCaprios Oscar-Gewinn stellte Ende Februar einen neuen Twitter-Rekord auf: 440.000 Tweets pro Minute, der meist-getweetete Oscar-Moment in der Geschichte der Preisverleihung. Zeigt Twitter nur bei solchen Events seine Schlagkraft? Oder ist es als Instrument für unmittelbare Meinungsäußerungen auch in der politischen Willensbildung weiterhin ernst zu nehmen?
Wie ernst Twitter tatsächlich zu nehmen ist – an dieser Frage scheiden sich die Geister! Und es ist im Kern auch die Frage, die mich zu diesem Film getrieben hat. Man könnte auch fragen: Ist Twitter wirklich relevant? Die Antwort darauf ist nicht in einem Absatz zu formulieren, aber sicherlich hat der Dienst in den vergangenen zehn Jahren seines Bestehens die Kommunikationslandschaft verändert. Er hat eine entscheidende Rolle in Polit-Wahlkämpfen wie beispielsweise dem von Barack Obama 2008 gespielt und dadurch zweifelsohne die politische Kommunikation verändert.
Ich hatte die Gelegenheit mit Michael Slaby in Chicago zu sprechen, dem ehemaligen Chief Integration & Innovation Officer der Wahlkampf-Kampagne von Obama. Er hat spannende Einblicke in diese Zeit des Umbruchs gegeben und beschrieben, wieso sein Team auf Twitter gesetzt hat: Weil diese Form der Unmittelbarkeit, der Nähe eines Politikers zu seinen Wählern einzigartig war. Dieser Wahlkampf hat natürlich weltweit viel verändert. Aber was davon bleibt? Das ist, denke ich, noch immer nicht raus. Twitter wird immer öfter, von immer mehr Entscheidungsträgern und Multiplikatoren als Verlautbarungskanal genutzt. Aber damit die Welt davon erfährt, braucht es oftmals wieder die klassischen Medien. Muss man Twitter also ernst nehmen? Sicherlich. Verändert es die Welt? Nicht auf eigene Faust.
Bild2Was die Wirkmächtigkeit von Twitter betrifft, hat diese zuletzt darunter gelitten, dass Hetze und Drohungen im Kurznachrichtendienst überhandnahmen und Twitter seine Nutzer nicht nur darauf hinweisen musste, dass Verherrlichung und Androhung von Gewalt tabu seien, sondern auch, dass die „Förderung von Terrorismus“ verboten ist. Wie schätzen Sie solche Richtlinien und Verbote für den weiteren Erfolgsweg des Mediums ein?
Niemand geht gerne in eine Bar, in der ständig jemand an der Theke sitzt und herumgrölt. Das hat Twitter verstanden und versucht deshalb diese Leute aus seinem Dienst zu verbannen. Ich glaube allerdings nicht, dass das über Richtlinien funktioniert – es müsste ein Kulturwandel in dem Netzwerk stattfinden, User müssten sich gegenseitig maßregeln und der Ton müsste sich grundlegend ändern. Da ist in den vergangenen Jahren viel zu wenig von Seiten des Unternehmens passiert.
Hat man denn im Silicon Valley vor zehn Jahren geahnt, dass Twitter eine Revolution in 140 Zeichen auslösen könnte? Oder war es damals nur eine Kommunikationsinnovation unter mehreren?
Nein, diesen Erfolg hat niemand vorausgesehen. Für diesen Film habe ich unter anderem mit Dom Sagolla gesprochen, der an der Entwicklung von Twitter in der Frühphase beteiligt war und auch mit Robert Scoble, einem angesehenen Tech-Blogger, der im Silicon Valley aufgewachsen ist. Beide haben eindrücklich beschrieben, wie wenig Vorstellung die Branche davon hatte, was aus Twitter mal werden könnte. Einer, das muss man ihm zugestehen, war von Beginn an überzeugt, dass sie da an etwas Großem arbeiten: der heutige CEO Jack Dorsey. Er twitterte im Februar 2007: „One could change the world with one hundred and forty characters“.
Welche Vermutung legen Ihre Recherchen nahe: Wie wird sich Twitter in den nächsten zehn Jahren entwickeln?
Ich vermute, dass sich das in diesem Jahr entscheiden wird. Twitter hat mit ein paar ernstzunehmenden Problemen zu kämpfen: Die User-Zahlen stagnieren, viele Neuerungen, die der Dienst in den vergangenen Monaten eingeführt hat, wirken beliebig. Am Ende wurde sogar über die Abschaffung des 140-Zeichen-Limits diskutiert – das Alleinstellungsmerkmal und der Garant für die Prägnanz des Mediums. Ich denke, dass die Chance für Twitter in der Abkehr vom Otto-Normal-User steckt. Das Unternehmen sollte sich auf Journalisten, Meinungsmacher, Politiker fokussieren und ihnen weiterhin ein grandioses Tool zur Live-Berichterstattung mittels Text und (Bewegt-)Bild anbieten. Der Rest ist und bleibt auf Facebook.
Und wie nutzen Sie Twitter selbst – aktiv oder lediglich als weiteren Informationsbeschaffungskanal?
Für mich ist Twitter in erster Linie ein Informationsbeschaffungskanal.
Mit Tim Klimeš sprach Thomas Hagedorn.

(CB)

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