Halloween im Werraland 10

Der Feenkrieg

Die Gegend um Fridolins Hof herum war nun ein recht ungemütlicher Ort geworden. Schwere, dunkle Wolken zogen über das Land und warfen ihre Schatten auf die Erde. In der Dämmerung sah man finstere Schemen durch die Gegend huschen und immer wieder kreisten ohrenbetäubend kreischend gewaltige Schwärme seltsamer schwarzer Vögel über dem Auenland.

Fridolin wusste, das waren die Vorboten des düsteren Kriegers, der das Auenland in Besitz nehmen wollte. Und Fridolin wusste auch, dass sich der Wiekenhus den finsteren Horden nicht kampflos ergeben würde.

Der Hof war inzwischen Treffpunkt allerlei merkwürdiger Wesen geworden, Mitglieder der wilden Völker des Wiekenhus. Hier war ein einigermaßen sicherer Ort geblieben, der einzige Ort im Auenland, an den sich bisher noch keiner der düsteren Schatten gewagt hatte und der daher wie geschaffen war, um sich zu treffen, zu beraten oder einfach nur Schutz zu suchen. Und so war es auch kein Wunder, dass man des Öfteren auch den alten Wiekenhus auf dem Hof beobachten konnte. Boten auf weißen oder schwarzen Feenpferden durchquerten das Auenland fanden auf dem Hof Rast und konnten hier ihre Botschaften weitergeben.

Immer öfter aber erreichten die Boten nicht mehr ihr Ziel, wurden die Besuche der Andersweltwesen seltener, und wer am Ende doch noch den Hof erreichte, der war zerschunden, gejagt und den Schatten des finsteren Kriegers nur mit Not und Mühe entkommen. So hatte sich im Laufe der Zeit eine bunte Gesellschaft auf dem Hof eingefunden, denn wer nun den Hof erreicht hatte, der verließ ihn vorerst nicht mehr.

Es waren die weniger mächtigen Andersweltwesen, die nun den Hof bevölkerten, Kobolde, Wald- und Wiesengeister vor allem, die sich auf dem Speicher, im Misthaufen und in allen möglichen und unmöglichen Winkeln der Gebäude und Ställe häuslich niedergelassen hatten. Überall raschelte, knisterte, rumpelte, trappelte und kicherte es und es schien keinen Winkel auf dem Hof zu geben, der nicht von irgendwelchen Wesen als besonders geeignete Unterkunft erachtet wurde.

Eines Tages war wieder einmal der Wiekenhus erschienen. Diesmal zu Pferde in voller Rüstung. So hatte Fridolin den König noch nie gesehen. Auf dem wilden schwarzen Hengst mit goldglänzendem Schuppenharnisch und Helm mit dem gewaltigen Schild und dem mächtigen Speer, durch den er seinen Drachenstab eingetauscht hatte wirkte er grenzenlos furchteinflößend und unbezwingbar.

Während der Hengst unter dem König unruhig tänzelte und schnaubte, wies dieser mit ausgestrecktem Arm in die Auen: „Es geht los“, sagte er nur und stob davon wie ein Gewitterwind, gefolgt von einer riesigen Krähe, die einen schrillen Schlachtruf ausstieß.

Fridolin suchte mit seinem Blicken den Punkt, auf den Wiekenhus gewiesen hatte. Die düsteren Wolken am Himmel waren gewaltiger geworden und ein kräftiger Sturm trieb sie über den Himmel, als seien sie lebendig wie wilde Drachen. Donnergrollen näherte sich über die Berge dem Auenland und dort, wohin Wiekenhus gezeigt hatte, dort schob sich langsam aber stetig eine lange Kolonne auf die Brücke über den Fluss zu.

Fridolin wischte sich die Augen und sah noch einmal genauer hin. Gespenstisch und bedrohlich schritt die Kolonne auf geradem Wege auf die Brücke zu. Und sie schien kein Ende nehmen zu wollen. Der Bauer kniff die Augen zu, als wolle er ihnen nicht trauen. Es war eine Leichenprozession, die da unbeirrbar Kurs auf das Auenland nahm. „Eine Leichenprozession“, sprach er mehr zu sich selbst, „wer ist denn da gestorben und wer wird bei einem solchen Wetter beerdigt und wer wagt sich heute noch in die Auen?“

„Es sind die Seelen der Untoten, der Verstorbenen, die der Fürst der Unterwelt zu sich geholt hat, die Seelen der Verbrecher, Mörder und Unholde, „antwortete die nun sehr ernsthafte Dörthe, „Es ist das entsetzliche Heer des finsteren Kriegers, das das Auenland in Besitz nehmen will.“ Und nach einer Pause fügte Dörthe mit zittriger Stimme hinzu: „Wiekenhus hat es gesagt, es geht los.“

Der Zug der Untoten wurde schneller und schneller und als die ersten die Brücke passiert hatten, da stürmten sie heulend und jammernd in die Auen.

Wiekenhus war ihnen mit seinen Kriegern entgegengestürmt und dort wo sie aufeinandertrafen, begann ein schreckliches Gemetzel. Wütend krachten die Heere aufeinander und von Fridolins Hof aus hörte sich das Stöhnen und Schreien an wie ein heulender Sturm. Und das Schlachtgetümmel wogte wie ein Unwetter hin und her. Wie ein Orkan jagten die Heere über das Land und Blitz und Donner erfüllte scheinbar die ganze Welt. Den Schwerthieben des Wiekenhus und seiner Krieger fielen dutzende, ja hunderte der Geisterkrieger zum Opfer die heulend und kreischend durch die Lüfte davonstoben und dabei so manchen Baum umrissen, so dass er stöhnend und ächzend zu Boden krachte. Aber es waren der Untoten zu viele und für jeden der getöteten Geisterkrieger drängten zehn neue über die Brücke und überschwemmten geradezu das Auenland mit einem finsteren Teppich zahlloser düsterer Seelen. Wiekenhus und seine Leute mussten Schritt für Schritt weichen und das Schlachtgetöse verlagerte sich langsam aber sicher hin in Richtung Johannisberg, hin zum Feenhügel, dem Sitz des König Wiekenhus.

Dort, direkt über dem Johannisberg konzentrierte sich bald das Getöse. Grelle Blitze schlugen in die Kuppe ein, unmittelbar gefolgt vom schneidenden Knallen des Donners und es klang, als breche der ganze Berg auseinander. Und während droben auf dem Berg die Schlacht immer heftiger tobte, nahmen im Tal des Auenlandes bereits die finsteren Seelen der Untoten stürmend und heulend das Land in Besitz.

Und dann ein Blitz, ja ein gleißender Feuerstrahl, so hell, wie es bisher noch niemand gesehen hatte, und der Donner, ein ohrenbetäubendes nicht enden wollendes Krachen und Bersten über dem Berg, sodass Fridolin blind und taub wurde und Finsternis und absolute Stille seinen Kopf erfüllte.

Als seine Sinne langsam wieder zurückkehrten, da war das Schlachtgetöse auf dem Berg am Abklingen. Es schien, als sei Wiekenhus besiegt und leiste nur noch letzten Widerstand, das Schicksal des Auenlandes und seines Königs schien besiegelt.

Und auch Fridolin und seine Familie würden wohl, wenn sie überhaupt noch konnten, den Hof verlassen müssen. Zusammengedrängt und verzweifelt standen Menschen, Kobolde und Geister gemeinsam um die weiße Feenstute herum, den letzten Schutz, den sie jetzt noch hatten. Ringsherum stürmte und brodelte es in den Auen, die finsteren Horden des schrecklichen Kriegers hatten die Herrschaft übernommen.

Fridolin hörte genauer hin, ja, es brodelte und rauschte, wie Unmengen von Wasser, die um den Hof herumströmten. Und die Feenstute beruhigte mit ihrer sanften Stimme: „Nein, Fridolin, es ist noch nicht zu Ende.“

Und als Fridolin schließlich genauer hinsah, da erkannte er, dass der Fluss über seine Ufer getreten war, die Wassermassen von den Drachen vorangepeitscht wurden, sodass sie tosend und brüllend wie eine riesige Welle flussabwärts stürmten. Mitten in den tosenden Fluten stand der Fürst des Flusses, der mächtige Wassermann und trieb seine Drachen brüllend an. Und vom Johannisberg her, da stürmten plötzlich prächtige Wolkenpferde herunter mit den wütenden Feenkriegern auf dem Rücken, allen voran der wilde König Wiekenhus. Und sie trieben die Schattenseelen der Untoten vor sich her und wer von ihnen nicht durch die blitzenden Schwerter niedergemäht wurde, der ertrank in den reißenden Fluten und wurde von ihnen hinweggespült, so wie schließlich die Brücke über den Fluss. Für die Untoten gab es nun keine Rückzugsmöglichkeit mehr und auch keine Verstärkung. Denn der Fluss war nun unpassierbar.

Längst waren die finsteren Horden der Untoten in die Flucht geschlagen, vernichtet, besiegt. Aber der wilde Wassermann dachte gar nicht daran, seine Drachen zurückzurufen. Schon stand der untere Teil Wiekenhusens unter Wasser und auch der Hof drohte in den Fluten zu versinken. Die Koppeln waren längst nicht mehr zu sehen, die Zäune weggespült und auf der Insel mit dem Haus und den Stallungen, die jetzt nur noch aus den Fluten ragte mussten sich Menschen, Tiere, Kobolde und Geister immer mehr zusammendrängen. Und das Wasser stieg weiter, obwohl Wiekenhus dem Flussfürsten brüllend Einhalt gebot. Aber der Wassermann lachte nur und schlug vergnügt mit seinem Dreizack auf die Wellen, das es nur so spritzte und das Wasser begann, in die Ställe zu schwappen.

Wiekenhus drehte sich mit hilflosem Achselzucken zur Feenstute um: „Er ist eben ein sehr unzuverlässiger Bündnispartner.“

Das Pferd bedachte den König mit einem wütenden Blick. Es war das erste und einzige mal, dass Fridolin bei seiner Fee einen anderen als den bekannten sanften Blick gesehen hatte.

Unschlüssig scharrte die Stute mit ihrem Vorderhuf aber als sich wieder ein Wasserschwall in den Stall ergoss und der Wassermann höhnisch lachte, da erhob sich das weiße Pferd unter dem Jubel der Kobolde und Geister und die Lüfte und brauste als riesige weißgraue Wolke über das Land. Es wurde augenblicklich kälter und der schneidende Wind, der vor der tief dahinjagenden Wolke hergetrieben wurde, ließ die Fluten augenblicklich zu Eis erstarren. Und dem wilden Wassermann gefror förmlich das Lachen in seinem Gesicht, sein Bart verwandelte sich zu mächtigen Eiszapfen. Unter wütendem Getöse verschwand der Flussfürst krachend in den nun eisigen Fluten seines Reiches.

Als die Stute zurückgekehrt war, da verneigten sich die Kobolde und Geister, die Menschen und die Feenkrieger ehrfürchtig vor ihr und auch der mächtige König Wiekenhus sank auf die Knie und senkte sein Haupt.

Das Pferd aber nickte nur mehrmals mit dem Kopf und wandte sich leise wiehernd genüsslich einem Heuballen zu, so, als wäre es eben ein ganz normales Pferd.

Es folgt: Das Gespenst vom Diebesturm

Bild und Geschichte: Wolfgang Schwerdt

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