Halloween im Werraland 12

Das Tor zur Anderswelt

Der Tag war hell und warm, ganz untypisch für die gefährlichen Tage um den ersten November, in der Geister und Dämonen, Elfen und Zwerge durch die unsichtbaren aber weit geöffneten Tore aus der Anderswelt in die unsere drängen. Sonst fegen zu dieser Zeit Stürme über das Land, und des Nachts lässt der erste Frost bereits die harte Zeit des dunklen Winters erahnen.

Aber diesmal schien die Sonne am Himmel, wenn auch niedrig, und den Menschen fiel es schwer, sich auf die Gefahren der Samhainzeit einzustellen. Kaum jemand rechnete ernsthaft mit den Dämonen aus der Anderswelt, die sich ansonsten allerorten bei trübem Wetter aus den tiefhängenden Wolken schälten und den Menschen nicht nur Schrecken einflößten.

Aber Bauer Fridolin vom Auenhof wusste, dass es bei einem solchen Wetter zu dieser Zeit, da sich das Tor zur Anderswelt zu öffnen begann, besonders gefährlich war. Denn die Dämonen und Geister nutzten als Verstecke geschickt die tiefen Schatten, die die goldene Sonne hinter Büsche, Bäume und Steine zeichnete. Und wenn der Nebel über die Wiesen strich, dann konnte man sicher sein, dass mit ihm ganze Heerscharen von Geistern, Kobolden und Feen durch die Auen streiften um sich tagsüber in den Schatten zu verstecken. Man sollte sich zu dieser Zeit besonders hüten, sich von der verhältnismäßig milden Nacht zu einem Spaziergang in der Dämmerung oder gar Dunkelheit verleiten zu lassen.

Es dämmerte bereits und der pflichtbewusste Fridolin ging – während seine Frau ihm sorgenvoll nachschaute – noch einmal zu den Pferden. Auf die musste man in diesen Zeiten besonders aufpassen. Denn Pferde haben einen ganz besonderen Bezug zur Anderswelt. Schon zu normalen Zeiten können Pferde im Gegensatz zu den Menschen die allgegenwärtigen Andersweltwesen sehen, hören und riechen. Und so kommt es, dass Pferde manchmal merkwürdige Dinge tun, wie plötzlich über die Koppel preschen, buckeln oder irgendein anderes unverständliches Verhalten an den Tag legen. Das hat regelmäßig damit zu tun, dass ihnen irgendein Kobold einen Floh ins Ohr gesetzt hat und die Pferde eher auf den Kobold hören, als auf den Menschen.

In den besonderen Zeiten, wie zu Samhain ist die Verbindung zwischen Pferd und Anderswelt besonders eng. Und wenn das Tor zwischen der Anderswelt und der Unseren geöffnet ist, dann kann es passieren, dass die Andersweltler das eine oder andere besonders prächtige Pferd für immer aus unserer Welt entführen.

Die jungen Leute kümmerten sich natürlich nicht mehr um solche Geschichten. Aber Fridolin, längst auf seinem verdienten Altenteil, ging in diesen Tagen trotz aller Gefahren sehr oft zu den Pferden, immer mit einer eisernen Mistgabel bewaffnet.

Als hätte er es geahnt, sah er, wie eine seiner besten Stuten zielstrebig auf das Koppeltor zulief, das sich wie von selbst leise knarrend öffnete.

„Stehen bleiben“, donnerte Fridolin wütend, „Wer immer Ihr seid, lasst das Pferd los und gebt Euch zu erkennen.“ Fridolin hob die Mistgabel zum Wurfe auf das unsichtbare Wesen. Aber er erntete nur höhnisches Gelächter. Mit voller Wucht schleuderte der erboste Bauer die Mistgabel in die Richtung, aus der das Gelächter kam. Plötzlich wurde aus dem höhnischen Gelächter ein lauter Schmerzensschrei. Aus dem Nichts erschien die große, kräftige Gestalt eines Waldelben mit schmerzverzerrtem Gesicht. Die Mistgabel hatte den Arm des Elben durchbohrt und dabei nicht nur den Andersweltler sichtbar gemacht, sondern auch das magische Tor, durch das er Fridolins Stute in seine Welt entführen wollte. Ohne Zweifel hatte der Elb große Schmerzen, denn Eisen wirkt auf Andersweltwesen wie Gift. Längst hatte der Waldelb Fridolins Stute, die freundlich wiehernd auf die Koppel zurückgekehrt war, losgelassen: „Lasst mich frei, edler Bauer“, bettelte er mit gepresster Stimme. „Ihr habt Euer Pferd doch zurück.“

Der Bauer aber starrte völlig entgeistert auf das Tor zwischen den Welten. Wahrscheinlich war er der einzige Sterbliche, der es jemals wirklich gesehen hatte.

Dort, wo die Mistgabel den Elb an den gewaltigen Bogen aus Bäumen, Wolken, Licht und Schatten genagelt hatte, glich der Torpfosten einer mächtigen, knorrigen, ausgehöhlten Weide. Allein sie schien bereits einen Durchgang in eine andere Welt zu bieten. Aber das eigentliche Tor war weitaus gewaltiger. Die knarrende, grummelnde Weide streckte – wie ihr Gegenpart – ihre Äste in die tiefliegenden Wolken, die dunkel und schwer, von der untergehenden Sonne beleuchtet, den Torbogen bildeten.

„Lasst mich frei, edler Bauer“, die Schmerzen des Elben wurden unerträglich.

Fridolin war von dem Anblick des magischen Tores so gefangen, dass er das Flehen des Elben gar nicht wahrnahm. Ständig veränderte es sich, bildete Öffnungen im Wechselspiel zwischen Licht und Schatten, die einen Blick auf die andere Seite versprachen, ohne dieses Versprechen jedoch einzulösen. Immer neue Formen und Farben spiegelten sich im Bogen des Wolkentores, die mächtigen Weiden wiegten sich im Sturm hin und her, den Fridolin nicht spüren konnte. Was der Bauer hier sah, erinnerte ihn an seine Jugendtage. Weiden und Erlen, Bäche und Seen, Wolken und Sonne, Wiesen und Wälder, das Tor schien aus allem zu bestehen, was ihm in seinem Leben so wichtig gewesen war. Und Fridolin war glücklich. Nun endlich drang auch das Jammern des Elben an sein Ohr, das mit dem Versprechen endete: „wenn Ihr mich frei lasst, zeige ich Euch, wie es hinter dem Tor aussieht.“

Genau das war es, was dem alten Bauern jetzt noch zu seinem vollkommenen Glück fehlte und ohne lange zu überlegen griff er nach dem Stil der Mistgabel.

Kaum aber hatte Fridolin die Gabel aus dem knorrigen Weidenstamm gezogen, wurden Elb und Tor wieder unsichtbar, als hätte sie nie gegeben.

Seit diesem Tage hatte der beim Blick durch das Tor erblindete Fridolin die eiserne Mistgabel immer in seiner Nähe. Ganz besonders zu den gefährlichen Zeiten zwischen den Jahren, in der Dämmerung oder bei der tiefstehenden Sonne, die er so gerne wieder nicht nur auf seinem Gesicht gespürt, sondern auch gesehen hätte.

Es folgt: Frodolin und die Schimmelstute

Bild und Geschichte: Wolfgang Schwerdt

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