Halloween im Werraland 13

Fridolin und die Schimmelstute

Die Leute, denen der Bauer Fridolin die alte Geschichte der Nacht vor Samhain erzählte, schmunzelten nur. Ein sprechendes Pferd und ein Gespensterrappe, Fridolin wird wohl zu tief ins Glas geschaut haben.

Aber die Schimmelstute ließ sich nicht wegschmunzeln. Und je länger sie auf dem Hof blieb, desto nachdenklicher wurden die Leute. Denn die Stute war auch für Außenstehende zweifellos kein gewöhnliches Pferd, zumindest war sie außerordentlich merkwürdig. Das schneeweiße Pferd mit den sanften Augen ließ nämlich kein anderes Pferd an sich heran. Und wenn ich schneeweiß sage, so meine ich das auch. Nie hat jemand auf dem stolzen Pferd auch nur einen Schmutzfleck gesehen, egal, ob die Koppel aufgeweicht und matschig war, ob der Sommerstaub sich in das Fell der anderen Pferde eingrub oder ob heftige Regengüsse den Schlamm hochspritzen ließen. Die Stute blieb immer schneeweiß, Schweif und Mähne wallten und glänzten immer, als seien sie gerade erst gekämmt und gelesen worden.

Und wenn das wilde Pferd über die Koppel galoppierte, dann schien es fast, als habe es Flügel und würde den Boden gar nicht berühren. Kein anderes Pferd konnte es mit der Geschwindigkeit der Stute im Entferntesten aufnehmen und wenn, ja wenn die Stute nicht gar so merkwürdig gewesen wäre, dann hätte der Bauer mit ihr sicherlich viel Geld verdienen können.

Aber die Stute ließ nicht nur keine anderen Pferde an sich heran, auch Menschen durften sich ihr nicht nähern. So mancher musste den Versuch mit gebrochenen Knochen und kräftigen Bisswunden bezahlen. Nur Bauer Fridolin konnte jederzeit zu ihr gehen, und seine Nähe war nicht nur geduldet, sondern wurde auch immer mit einem freundlichen, leisen Wiehern quittiert. Fridolin konnte das Pferd streicheln, er konnte den hübschen Kopf in seine Arme nehmen, er konnte alles machen, was ein Mensch mit einem braven, freundlichen Pferd machen kann. Nur reiten durfte auch er die Stute nicht.

Besonders merkwürdig fanden es die Leute aber, als die Stute knapp elf Monate nach der denkwürdigen Samhainnacht einem pechschwarzen Fohlen das Leben schenkte. Das Fohlen entwickelte sich schneller als andere und es war ebenso wild, wie seine Mutter. Niemand, weder Mensch noch Tier durfte dem Fohlen zu nahe kommen, außer Bauer Fridolin. Als die Stute auch im folgenden Jahr, elf Monate nach der Samhainnacht einem Fohlen, diesmal schneeweiß, das Leben schenkte, da war auch für den letzten Zweifler klar: Bauer Fridolin hatte die Wahrheit gesprochen. Bald wurde die Schimmelstute nur noch die Fee genannt und die wilden unzähmbaren Fohlen, die sich jedes Jahr, immer abwechselnd schwarz und weiß einstellten waren die Feenfohlen.

Im dritten Jahr, wiederum zu Samhain geschah es dann: das älteste Fohlen verschwand über Nacht. Wohin, wusste niemand zu sagen. Und auch dies wiederholte sich von nun an jedes Jahr. Immer nach der Samhainnacht war das jeweils älteste Fohlen einfach verschwunden.

Die wunderbare Stute blieb dem Bauern sein Leben lang treu. Und so manches Abenteuer, manche Geschichte ließe sich über die beiden erzählen.

Eines Tages, als der Fridolin bereits alt und müde war, die Kinder aus dem Haus und seine Frau längst gestorben, da begab sich der Bauer ein letztes mal auf die Koppel zu seinem treuen Feenpferd. Es war natürlich der Abend vor Samhain. Die Dämmerung war gerade hereingebrochen und die Leute konnten aus der Ferne beobachten, wie der Bauer lange, lange Zeit mit der wunderschönen Stute zu reden schien.

Und dann geschah das unglaubliche. Bauer Fridolin schwang sich auf den Rücken des Pferdes, das keinerlei Anstalten machte, sich dagegen zu wehren. Kaum aber saß der Bauer auf dem Rücken des Tieres, da galoppierte es los, sprang über den Koppelzaun und erhob sich schließlich wie der Wind in die Lüfte. Und je höher und weiter es flog, desto mehr weiße und schwarze Pferde stoben über den Himmel wie Sturmwolken hinter ihm her, freudig wiehernd ihre Mutter begrüßend. Und als die wilde Jagd schließlich vorüber war, da waren auch Fridolin und mit ihm das weiße Pferd für immer verschwunden.

Aber die Geschichten um Fridolin wurden noch lange erzählt, an kalten, finsteren Winterabenden, bei Wanderungen in der Umgebung und natürlich am Lagerfeuer. Auch wenn Fridolin längst gestorben ist, die Geschichten seiner Erlebnisse mit der Schimmelstute, mit Wiekenhus, den Andersweltwesen und den Wiekenhusener Bürgern sind bis heute lebendig geblieben. Und im Laufe der Zeit kamen immer wieder neue Geschichten hinzu. Ob diese alle wahr sind, mag bezweifelt werden. Aber wer will schon über die Wahrheit alter Geschichten entscheiden.

Bild und Geschichte: Wolfgang Schwerdt

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