Halloween im Werraland 3

Eine Nacht vor Samhain

Fridolin ging früh zu Bett. Nach der letzten Nacht verspürte er keine große Lust sich die abendlichen Geschichten der Frauen anzuhören. Der Bauer schlief schnell und fest ein und das war ja auch kein Wunder.

Irgendwann in der Nacht aber, wachte er auf. Er wusste nicht warum aber er wusste genau, dass ihn irgendetwas geweckt haben musste. Heute Nacht war es ziemlich ruhig. Kein Regen, und auch kein scharfer Wind, der um die Ecken des Hauses pfiff. Fridolin blickte neben sich zu seiner Frau, die tief und fest schlief, sie jedenfalls hatte bestimmt nichts gehört.

Der Bauer wollte sich gerade wieder die Decke über den Kopf ziehen, da hörte er es wieder: „Fridolin“, rief es, „Fridolin.“

Der Bauer wusste, um diese Zeit geht man nicht vor die Tür, erst recht nicht, wenn jemand so lockend und einschmeichelnd wie diese Stimme ruft.

„Fridolin“, rief die Stimme wieder, „Du solltest hier draußen mal nach dem Rechten sehen.“

Das hatte gerade noch gefehlt. Wer immer da draußen war, es war mit Sicherheit kein Sterblicher. Und auf irgendwelche Feen, Geister, Kobolde oder sonstiges Andersweltvolk war ihm nach den jüngsten Erlebnissen längst die Lust vergangen.

„Fridolin“, die Stimme wurde lauter. Wütend warf der Bauer die Bettdecke von sich und stieg aus dem Bett. Er hatte nicht vor, nach draußen zu gehen, aber er würde diesem Gespenst die Meinung sagen. Immerhin war es sein Hof und alles konnte man sich ja auch nicht bieten lassen.

Fridolin stiefelte nach unten und rief durch das geschlossene Fenster, laut genug, dass ihn die Andersweltler hören konnten, aber leise genug, um seine Frau nicht aufzuwecken: „Schert euch vom Hof, ihr Gesindel, habt ihr mir nicht letzte Nacht schon genug Schrecken bereitet?“

„Aber Fridolin“, antwortete die sanfte Stimme  von Draußen, „ich will dir ja nur helfen, du musst rauskommen und nach dem Rechten sehen.“

Fridolins Wut hatte sich keineswegs gelegt, aber die Neugier brachte ihn dazu, die Vorhänge des Fensters ein wenig zur Seite zu ziehen und einen Blick nach Draußen zu riskieren.

Was er sah, verschlug ihm schier den Atem. Draußen, mitten auf dem Hof stand, eingehüllt in silbrigen Mondschein eine wunderschöne Schimmelstute, die ihn aus großen, dunklen Augen ansah, die unter einem buschigen Schopf und langen, seidigen Wimpern hervorschauten und drängend mit dem Vorderhuf scharrte. „Du musst herauskommen und nach dem Rechten sehen“, drängte das Pferd, „deine Pferde werden gerade vom schwarzen Hengst der wilden Holl entführt.“

Und jetzt, plötzlich, konnte er es auch hören. Die zuvor so ruhige Vollmondnacht war nun erfüllt mit dem aufgeregten, ja ängstlichen Wiehern und dem donnernden Hufgetrampel seiner Pferde auf der nahegelegenen Koppel.

Fridolin zögerte nicht lange. Er nahm den nächstbesten Knüppel und stürzte auf die Koppel. Völlig verstört jagten die Pferde, getrieben von einem riesigen Rappen auf der Koppel hin und her. Und sie hätten Fridolin in ihrer Panik mit Sicherheit zu Tode getrampelt, hätte sich die weiße Stute nicht immer wieder schützend vor ihn gestellt. Und dann kam der mächtige Rappe direkt auf Fridolin zugerast. Aus seinen Nüstern schlug feuriger Atem und seine Augen glühten. Aber angesichts der weißen Stute rannte er Fridolin nicht einfach um. Der  Rappe scheute verunsichert, stieg direkt vor Fridolin in die Höhe und schlug unter brüllendem Wiehern mit seinen Vorderhufen nach dem Bauern. Und dann schwanden Fridolin die Sinne.

Als Fridolin zu sich kam, da war die Sonne gerade aufgegangen. Er fasste sich an die schmerzende Stirn und fühlte dort eine Wunde deren Blut bereits getrocknet war. Langsam begann er sich an die Ereignisse der Nacht zu erinnern und war froh, dass ihn der gewaltige Rappe mit seinem Huf offensichtlich nur gestreift hatte. Für eine kräftige Platzwunde und stechende Kopfschmerzen hatte es aber schon gereicht. Trotz der Kopfschmerzen untersuchte Fridolin erst einmal seine Herde. Es schien den Pferden nichts wirklich Schlimmes passiert zu sein, aber vor allem seine Hengste waren schon sehr zerschunden. Kopfschüttelnd wandte sich Fridolin ab, er würde eine Menge zu tun haben, die Wunden seiner Pferde zu versorgen.

Als er sich auf den Weg zurück zum Haus machen wollte, da stand plötzlich die wunderschöne Schimmelstute vor ihm und stieß ihm ihr weiches Maul in die Seite.

„Hallo, schönes Pferd“, sagte Fridolin müde“, bitte erkläre mir mal, was heute Nacht hier los war.“

Aber das Pferd schaute ihn nur mit seinen dunklen, sanften Augen an und gab ein leises, freundliches Wiehern von sich. Und ich frage Euch, was hätte es denn sonst sagen sollen, schließlich können Pferde doch nicht sprechen, oder?

Es folgt: Die Samhainnacht

Bild und Geschichte: Wolfgang Schwerdt

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