Halloween im Werraland 5

Der unerwartete Gast

Seit der Samhainnacht, in der Fridolin dem Pooka begegnet war, hatte er immer seine weiße Feenstute mit auf den Johannisberg genommen. So spielte es keine Rolle, ob er das Feuer noch in der Dämmerung oder aber bereits in tiefster Finsternis durch die Auen nach Hause brachte. Mit seiner Stute, die ihm – wenn er sie darum bat – wohin auch immer auf den Fersen folgte, war er sicher. Natürlich wurden Fridolin und seine Stute jedes Mal von wilden heulenden Horden wütender Dämonen und Kobolden begleitet und die Andersweltwesen taten alles, um den beiden den Weg so schwer wie möglich zu machen. Stürme und tiefe, schwarze Wolken fegten über das Land und der Boden schien so abgrundtief, dass Fridolin mehr als einmal fürchtete für immer darin zu versinken. Und in nur geringer Entfernung konnte er jedesmal den mächtigen, blitzumtosten Pooka erkennen, der ihn mit seinen glühenden Augen rachsüchtig anstarrte. Aber die Schimmelstute brauchte nur ihre Ohren anzulegen und die wilden Andersweltgesellen, die den beiden zu nahe gekommen waren, stoben wimmernd und grunzend davon, nur, um sich in sicherer Entfernung wieder zu sammeln und sich wieder und wieder anzuschleichen, solange, bis Fridolin seinen Hof erreicht und das schützende Feuer in den Kamin gelegt hatte. Dann tobten und jagten die Geister und Dämonen um das Haus und wenn jemand vorsichtig einen Vorhang beiseiteschob, um nach draußen zu blicken, dann starrte ihn durch die Scheibe das abgrundtief böse Gesicht des um sein Opfer geprellten Pooka entgegen.

Auch in der Samhainnacht, von der heute die Rede ist, hatte Fridolin das schützende Feuer geholt und saß zusammen mit seiner Familie um den wärmenden Kamin, während draußen die Unholde ihr Unwesen trieben.

Die Stimmung war gedrückt, denn Franz, der älteste Sohn, war das erste mal nicht dabei. „Vater“, hatte er vor etwa einem Jahr gesagt, „Vater, ich werde in die Ferne ziehen und dort mein Glück versuchen.“ Fridolin wollte seinen Sohn nicht ziehen lassen, denn in die Ferne ziehen und sein Glück versuchen, hieß zu dieser Zeit nichts anderes, als sich als Landsknecht bei irgendeinem Feldherrn zu verdingen und auf fette Beute zu hoffen.

Aber Franz schob die Bedenken seines Vaters zu Seite. „Du weißt Vater, der Hof kann uns nicht alle ernähren und wer sonst wenn nicht ich sollte mein Glück versuchen. Etwa die Mädchen?“

Fridolin wusste, dass sein Sohn Recht hatte und so ließ er ihn schließlich schweren Herzens ziehen. Und Franz versprach noch: „Ich werden binnen Jahresfrist zurückkehren und dann so viel Geld mitbringen, dass wir alle unsere Schulden bezahlen können und bis ans Lebensende keine Sorgen mehr haben müssen.“

Und nun war längst ein Jahr vergangen und sie hatten immer noch nichts von Franz gehört. Niemand sprach es aus, aber insgeheim glaubten sie, dass Franz etwas zugestoßen sein musste. Denn Franz war eine durch und durch ehrliche Haut und auf seine Worte war immer Verlass gewesen.

Das Geheul und Getobe der Dämonen wurde leiser und verstummte bald gänzlich. Bauer Fridolin hob misstrauisch den Kopf. Und dann durchdrang es die Bauernfamilie wie ein Schlag. Ein fürchterliches jämmerliches und schrilles Kreischen war zu hören, so durchdringend, dass es den Leuten eiskalt den Rücken herunterlief. Und das Jammern und Klagen wollte nicht aufhören und selbst Ohren zuhalten nutzte überhaupt nichts.

Fridolin stürzte zum Fenster und warf einen Blick hinaus und was er sah, ließ ihn das Blut in den Adern gefrieren. Eine weißgewandete Frau mit langem, wirrem Haar saß am Flussufer und wusch einen riesigen Stapel blutdurchtränkter Wäsche: Und dabei klagte und schrie sie, dass es durch Mark und Bein ging.

Mit bleichem Gesicht wandte sich Fridolin um und sagte zu seiner Familie: „Es ist die weiße Frau, die Todesfee.“ Und alle legten verzweifelt ihre Hände auf ihre Herzen.

Jeder wusste, dass die weiße Frau immer dann erschien und durchdringend jammerte und klagte, wenn irgendwo ein nahestehendes Familienmitglied zu Tode gekommen war oder demnächst sterben würde. Und alle dachten natürlich sofort an Franz.

 

Dann, ganz unvermittelt, hörte das Klagen und Jammern auf. Totenstille breitete sich aus und mitten in diese unheimliche Stille hinein klopfte es an die Tür.

„Mach nicht auf, Fridolin“, flüsterte seine Frau, „mach bloß nicht auf.“

Aber es klopfte wieder und wieder und es wurde immer drängender. Fridolin regte sich nicht.

„Macht endlich auf“, rief eine vertraute Stimme, „ich bin`s doch, der Franz, wollt ihr mich in dieser Nacht hier draußen stehen lassen?“

Fridolin regte sich immer noch nicht, er würde auf die Tricks der Dämonen nicht hereinfallen. Denn war erst einmal die Tür geöffnet, dann konnte niemand die Geister mehr aufhalten.

Aber Fridolins Frau war bei den Worten des Wesens, das da vor der Tür stand, aufgesprungen und zur Tür gestürzt. Und bevor noch Fridolin sie daran hindern konnte, hatte sie die Tür aufgerissen.

Es war tatsächlich der Franz, der nun durch die Tür kam und verlegen grinsend in das Zimmer trat. Die Familie wollte ihn sogleich herzlich begrüßen und umarmen, aber Franz wehrte müde ab. „Lasst mich erst einmal hinsetzen“, sagte er. Und obwohl ihm alle einen guten Platz am warmen Kamin anboten, winkte er nur ab, und setzte sich in eine dunkle Ecke des Raumes, sodass man ihn kaum erkennen konnte. Und auch aß oder trank er nichts von dem, was Muttern nun alles zu seiner Begrüßung auffuhr. Aber all das fiel kaum auf, so sehr freute sich die Familie, dass der verlorengeglaubte Franz nun doch wieder aufgetaucht war.

Alle fragten ihn nach seinen Erlebnissen und erzählten aufgeregt von dem, was so auf dem Hof passiert war. Und Franz kam kaum zu Wort. Aber er machte auch keinen ernsthaften Versuch, den Redefluss der anderen zu unterbrechen.

Und so kam es, dass die Nacht schon fast vorüber war, als der Hahn das erste mal krähte und Franz unruhig zu werden schien. Und als der Hahn das zweite mal krähte, da erhob sich Fridolins Sohn, legte eine Schlüsselblume auf den Tisch und verabschiedete sich mit folgenden Worten: „Denkt daran, was ich Euch versprochen habe, als ich damals, vor einem Jahr gegangen bin. Ich habe mein Versprechen gehalten, Dieses Blümchen wird Euch den Weg zum Schatz öffnen, den ich für Euch beschafft habe. Und nun, lebt denn wohl“, sprachs und trat mit den dritten Hahnenschrei durch die Tür in die Finsternis hinaus.

Starr vor Überraschung ließ er seine Familie zurück und als sie in der anbrechenden Morgendämmerung schließlich nach draußen schauten, um ihrem Franz wenigstens noch einmal zuzuwinken, da war er bereits verschwunden und keiner hatte gesehen, wie ihn die weiße Frau an die Hand genommen und mit ihm zum nahegelegenen Flussufer gegangen war, wo beide einfach in der Dunkelheit verschwanden.

 

Eine Woche später kam ein Kurier auf den Hof und übergab Fridolin einen Brief. Der Brief stammte von dem Hauptmann, in dessen Kompanie Franz gedient hatte. In vielen, lobenden Worten beschrieb der Hauptmann, welch ein tapferer Soldat Franz gewesen war und dass Franz leider, vier Wochen vor Samhain als Held auf dem Schlachtfeld gefallen war.

Es lag noch eine Notiz von Franz bei dem Brief, darauf stand:

Lieber Vater, wenn Du nach dem Schatz suchst, dann gehe zum Feenhügel auf dem Johannisberg und benutze den Schlüssel, den ich Dir auf den Tisch gelegt habe.

Es folgt: Das Feenschiff

Bild und Geschichte: Wolfgang Schwerdt

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