Halloween im Werraland 6

Das Feenschiff

Immer wieder war Fridolin auf den Johannisberg gestiegen, um dort nach dem Schatz zu suchen. Der Feenhügel war hier allerorts bekannt, auch das, was sich hier zu den Anderszeiten abspielte. Und gerne lief hier niemand auch nur am Feenhügel vorbei. Aber Bauer Fridolin wagte sich in Begleitung der weißen Stute jederzeit zu diesem verwunschenen Platz. Jedoch ohne Erfolg. Egal, ob in der heißen Mittagstunde des Sommers, in den gespenstischen Raunächten des Winters oder aber zu den Zeiten der Dämmerung. Nie hatte er auch nur ein Anzeichen eines Eingangs, geschweige denn einer Tür mit Schloss, zu dem sein Blümchen passen könnte, gefunden. Und seine Stute konnte oder wollte ihm auch nicht helfen. Fridolin war am Verzweifeln. Nicht, dass er besonders gierig auf den versprochenen Schatz gewesen wäre, nein Fridolin war ein durchaus bescheidener Mensch gewesen. Aber sein Sohn, der Franz, hatte sein Leben dafür gegeben, dass Fridolin und seine Familie mit diesem Schatz ein gesichertes Auskommen hätten.

Inzwischen war bereits ein Jahr vergangen und Fridolin hatte die Hoffnung auf den Feenschatz eigentlich schon aufgegeben. Immer seltener war er auf den Berg gestiegen und immer weniger Gedanken verschwendete er an den versprochenen Schatz.

Und nun war wieder die Samhainzeit angebrochen und der Tag, an dem sie Franz das letzte mal gesehen hatten, jährte sich.

Die ganze Nacht hatte die Familie beisammengesessen und über Franz geredet. Und als der erste Hahnenschrei erklang, stand Fridolin auf, warf seinen Mantel über und verließ das Haus. Er ging zur Koppel, rief seine Feenstute und beide liefen gemächlich und ruhig an das Ufer des Flusses, an dem Franz in der Morgendämmerung mit der weißen Frau verschwunden war.

Bedächtig ließ Fridolin sich am Ufer nieder und starrte traurig über das dunkle, glucksende Wasser in die aufkommende Morgendämmerung.

Langsam und lautlos stieg der Morgennebel aus dem Wald an der gegenüberliegenden Felswand empor und auch das Wasser des Flusses dampfte, bis sich überall ein dichter Nebelschleier über das Land gelegt hatte. Irgendwo dort draußen im Nebel, das wusste Fridolin, war Franz mit der weißen Frau verschwunden. Und er wünschte sich inständig, dass sein Sohn einfach wieder aus dem Nebel auftauchte und alles so würde, wie früher, als er noch lebte.

Fridolin war tief in seine Gedanken versunken, als ihn jemand am Arm griff. Der Bauer schreckte auf und sah neben sich eine Frau in strahlend weißem Gewand stehen, mit Haaren, die wie eine Mähne über die Schultern wallten. Und unter den langen, seidigen Wimpern blickten ihn tiefe, schwarze, sanfte Augen aus dem wunderschönen Gesicht an. Die weiße Frau hatte Fridolin am Arm gegriffen und wies mit der anderen Hand auf den Fluss. „Schau nur Fridolin“, sprach sie mit der weichen Stimme der Feenstute, „schau nur, du bekommst Besuch.“

Fridolin blickte sich verwirrt um. Er sah die weiße Frau, die direkt neben ihm stand, dort, wo eben noch seine Feenstute gegrast hatte und er folgte mit seinem Blick dem ausgestreckten Arm, der auf eine riesige Nebelbank auf dem Fluss wies.

Es war absolut windstill, aber die Nebelbank glitt direkt auf das Ufer zu. Direkt vor Fridolin und der weißen Frau kam das Wolkenschiff zum Stehen.

„Möchtest du nicht an Bord gehen?“ fragte die weiße Frau. Aber Fridolin konnte kein Schiff erkennen. Er sah nur die gewaltige Nebelbank am Ufer liegen und befürchtete, beim nächsten Schritt in den Fluten des Flusses zu versinken.

Sanft schob die weiße Frau Fridolin in die Nebel-bank. Und als er gerade in der dichten Wolke verschwunden war, da konnte er es sehen.

Vor ihm, scheinbar auf dem Wasser schwebend, lag ein gewaltiges Schiff. Die Bordwand war von vorne bis hinten mit Drachenschuppen bewehrt. Aus seinem Bug ragte das riesige Horn eines Einhornes und wie eine Gallionsfigur reckte sich das Haupt eines Drachen aus dem Schiff. Das Heck lief in geschuppte Drachen-schwänze aus und über der Bordwand erhoben sich an Bug und Heck Aufbauten, die wie stufenförmige Türme in den Himmel zu wachsen schienen. Die Masten wuchsen wie mächtige Bäume aus dem Rumpf und unter den weitverzweigten Ästen spannten sich die Segel, wie riesige Flügel.

So etwas hatte Fridolin noch nie gesehen. Aber als er oben an der Bordwand das Gesicht seines Sohnes Franz entdeckte, da hatte er keinen Blick mehr für das merkwürdige Schiff, sondern nur noch für die Leiter, die an der Bordwand emporführte.

Nachdem Fridolin die Bordwand überklettert und seinen Sohn in die Arme geschlossen hatte, begann das Schiff wieder Fahrt aufzunehmen. Überall in den Mastbäumen wieselten Feen, Kobolde und andere merkwürdige Wesen herum und richteten die zahllosen Flügelsegel. Dabei waren sie außerordentlich fröhlich, kicherten, sangen schwatzten und tanzten umher, sodass es auf dem Schiff eher dem bunten Treiben eines Jahrmarktes glich als einer disziplinierten Seemannschaft.

Und überall verbreitete sich ein betörender Blütenduft, der noch ergänzt wurde von dem anregenden Geruch herrlicher Speisen und süßer Getränke.

Fridolin merkte, dass er Hunger hatte und ehe er es noch aussprechen konnte, nahm ihn sein Sohn am Arm und führte ihn unter Deck. „Komm Vater, lasse uns etwas essen und trinken. Dabei kann ich dir auch gleich den König vorstellen.“

Die Räume unter Deck und in den Aufbauten wirkten noch größer, als man von außen annehmen konnte. Im Grunde genommen schienen sie unendlich, sogar Gärten und weite Wiesen und Landschaften waren hier angelegt. Fridolin hatte den Eindruck, als befände er sich gar nicht mehr auf dem Schiff, sondern als habe er eine andere Welt betreten. Eine Welt, in der Frieden und Zufriedenheit herrschte, in der Zeit keine Rolle spielte und schon gar nicht die Sorge um das leibliche Wohl.

Als die beiden nämlich durch eine kleine Tür in den Speisesaal traten, da breitete sich vor ihnen eine schier endlose Tafel aus, fast überquellend von Braten und Früchten, von Wein und Met und allem, was das Herz begehrte. Und Fridolin staunte nicht schlecht, als ihm vom Ende der Tafel her eine gewaltige Gestalt zuwinkte, mit drachenschuppengleichen Haaren, mit Hörnern, die aus dem Kopf wuchsen und mit einem weiten, leichten Mantel bekleidet, der ihn mit dem Boden verwachsen erscheinen ließ.

„Wiekenhus“, schoss es Fridolin durch den Kopf und Franz ergänzte diesen Gedanken: „das ist Wiekenhus, der König der Anderswelt des Auenlandes:“

Erstaunlicherweise verspürte der Bauer keine Furcht, ganz anders, als in der denkwürdigen Samhain-nacht, als er das erste mal auf den alten Wiekenhus gestoßen war. Und als der König dem Fridolin und seinem Sohn bedeutete, neben ihm Platz zu nehmen und bei den Speisen und Getränken ordentlich zuzugreifen, da fühlte er sich beinahe, als sei er bei einem alten Bekannten zu Gast.

„Nun Bauer Fridolin“, begann Wiekenhus schließlich das Gespräch, „ meine Herrin und nicht zuletzt dein Sohn, an dem sie offensichtlich einen Narren gefressen hat, haben mich gebeten, dich mir einmal anzuschauen und zu entscheiden, ob du unserer Unter-stützung würdig bist.“

Franz grinste verstohlen, denn es war längst klar, dass Wiekenhus seine schützende Hand über Fridolin, seine Familie und den Hof halten würde. Der König hatte auch gar keine andere Wahl, denn seine Herrin, die weiße Frau, die wilde Holl, das Wacholderweiblein oder wie die Herrscherin über die gesamte Anderswelt, über die Feen, Dämonen, die Seelen der Verstorbenen auch immer genannt wurde, hatte sich längst entschieden. Aber der Hof von Fridolin lag immerhin in seinem Königreich und da wollte er wenigstens gefragt werden.

Fridolin wusste nicht, was er antworten sollte und so senkte er nur ehrerbietig den Kopf, was dem Wiekenhus durchaus zu gefallen schien.

„Hör zu, Fridolin“, begann der König erneut, „der Franz hat dir einen Schatz versprochen und dir den Schlüssel dazu gegeben. Aber er hat vergessen, dir zu sagen, wie du an den Schatz herankommen kannst. Ich habe beobachtet, wie du es vergeblich versucht hast. Und mir ist aufgefallen, dass du offensichtlich aufgegeben hast.

Erkläre mir, Fridolin, warum, Willst du den Schatz gar nicht mehr? Du könntest sehr reich werden, du könntest das ganze Auenland kaufen und ein mächtiger Großbauer mit Knechten und Gesinde werden. Und die Leute aus der Stadt würden den Hut vor dir ziehen und dich verehren.“

Fridolin war entsetzt, seine Motive hatten nichts mit Verehrungsbedürfnis, Reichtum und Untertanen zu tun. Im Grunde gefiel ihm sein Leben so wie es war und er wollte seine Freunde nicht durch Leute er-setzen, die ihn nur wegen Geldes und Macht respektierten. Nein, eigentlich wollte er den Schatz gar nicht haben und er empfand es auch als eine Zumutung, dass ihm der alte Wiekenhus solche Motive unterstellte. Fridolin war richtig beleidigt, aber er wusste natürlich, mit wem er es zu tun hatte und natürlich wollte er auch seinen Sohn nicht in Schwierigkeiten bringen. Und so antwortete er: „Bitte verlangt keine Antwort von mir, Herr Wiekenhus, ich möchte Euch nicht beleidigen.“

Im Saal war das zuvor so bunte und fröhliche Treiben völlig zur Ruhe gekommen und alle starrten gebannt auf den König. Wie würde der wohl reagieren.

Wiekenhus schaute den Fridolin mit seinen durch-dringenden Blicken lange und nachdenklich an. Dem Bauern kam es vor, wie eine Ewigkeit und er hatte das Gefühl, als wühle der mächtige Feenkönig förmlich in seinen Gedanken.

Dem Bauern war überhaupt nicht wohl und er wünschte sich sehnlichst, dass seine weiße Stute bei ihm wäre. Aber sie war nicht bei ihm und sie kam auch nicht und die bohrenden Blicke des Wiekenhus ließen es ihm heiß und kalt zugleich werden.

Plötzlich drang ein leises Kichern in seinen Kopf und es schien ihm, als lockere sich der brennende Blick des Königs ein wenig. Das Kichern wurde lauter und als Fridolin wieder ein wenig zur Besinnung kam, da konnte er, zunächst verschwommen noch, das Gesicht eines jungen Mädchens  hinter dem schrecklichen Wiekenhus erblicken. Nach und nach wurde das Kichern immer lauter und das Gesicht immer deutlicher. Und schließlich sah er das junge Mädchen mit den langen blonden Haaren und dem merkwürdigen Hütchen auf dem Kopf, herzhaft kichernd, ihn mit spöttischem Blick anschauend. Bald krümmte sich das Mädchen förmlich vor Lachen und auch die anderen Tafelgäste konnten kaum noch an sich halten.

Wiekenhus war irritiert, löste seinen Blick nun vollends von Fridolin und sah sich vorsichtig um. „Dörthe!“ schrie er mit gespielter Verzweiflung und verdrehte die Augen. „Dörthe!“

Und nun musste der mächtige Wiekenhus selbst grinsen. Er schlug dem verdutzten Bauern auf die Schulter und sagte: „Nun denn, so sei es, lasst uns gemeinsam feiern!“

Den ganze Nacht hindurch feierte und tanzte das Feenvolk und noch nie hatte Fridolin so wunderbare Fidel- und Harfenmusik gehört und die Stimmen der Feen hatten einfach Zauberkraft. Und zu Fridolins Wohlbefinden taten sicherlich auch der süße Met und die Kunststücke der Kobolde ihren Teil bei.

Aber gegen Morgen, als irgendwo der Hahn ein zweites mal krähte, da nahm Franz seinen Vater am Arm und führte ihn an Deck.

„Vater“, sagte sein Sohn, „Du musst uns jetzt wieder verlassen. Sage Mutter und der Familie, dass es mir gut geht und dass es mir an nichts mangelt, du hast es selbst gesehen.“

Er drückte seinen Vater und schob ihn sanft zur Reling: „Und mach dir keine Sorgen um Wiekenhus, der hat sicher einen Narren an dir gefressen. Und er wird dafür sorgen, dass du den Schatz bald findest. Und nun mach es gut.“

Als Fridolin die Leiter an der Bordwand hinuntergestiegen war, da Krähte der Hahn gerade ein drittes mal. Und das, was vorher ein gewaltiges Schiff gewesen war, löste sich mit der wärmenden Morgensonne in schnell aufsteigenden Neben auf.

Verwundert blickte Fridolin sich um. Er war am Ende der frostigen Samhainnacht an das Flussufer gegangen und nun, wie er so dastand in seinem schweren Wintermantel, da fing er an, ganz fürchterlich zu schwitzen. Denn es war warm, die Bäume standen in vollem Laub und die Wiese, auf der die Schimmelstute gelassen grasend auf ihn wartete, war grün und saftig. Es war eindeutig ein wunderschöner Frühsommertag und wie er an dem in der Ferne noch schwelenden Holzstapel erkennen konnte, musste es der Morgen nach Beltene sein, dem Tag, an dem der Sommer beginnt. Gerade einmal einen Tag und eine Nacht glaubte er, auf dem Feenschiff verbracht zu haben. Aber hier, in seiner Welt, da musste wohl mindestens ein halbes Jahr vergangen sein.

Es folgt: Die gestörte Dörthe

Bild und Geschichte: Wolfgang Schwerdt

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