Halloween im Werraland 7

Die gestörte Dörthe

Als sich Fridolin dem Hof näherte, da herrschte dort fröhliches und ausgelassenes Treiben. Keine Spur von Trauer über den immerhin seit einem halben Jahr verschollenen Bauern. Fridolin konnte es kaum fassen. Fast wollte er schon wieder umkehren, offensichtlich hatte seine Abwesenheit dem Hof und seiner Familie recht gut getan. Aber bevor er sich´s versah, da war er von einer kleinen Horde von Kindern umgeben, die um ihn herumtanzten und riefen: „Hallo Fridolin, schön, dass du endlich da bist.“

Die Kinder nahmen ihn bei der Hand und zogen ihn auf das Haus zu. „Fridolin ist zurück“, riefen sie und als die Familie aus dem Haus stürzte, da gab es kein Halten mehr. Glücklich umarmten sich alle und als ob sie ihn genau zu dieser Zeit erwartet hätte, schob ihn seine Frau an den auch für ihn gedeckten Tisch und sagte: „Komm, lass uns erst einmal etwas essen.“ Und dann erzählte seine Frau die ganze Geschichte, die sich seit Fridolins Verschwinden ereignet hatte.

Als Fridolin an jenem Samhainmorgen zum Flussufer gegangen und dann einfach verschwunden war, da hatte sich die Familie natürlich ein wenig gesorgt. Aber nach seinen Begegnungen mit dem Wiekenhus, der Feenstute, dem Pooka und dem Tod seines Sohnes Franz, da hatte er sich ohnehin immer mal wieder ein wenig abgesondert und war erst nach ein oder zwei Tagen wieder aufgetaucht. Die Familie akzeptierte das, das war sie ihm nach den schweren Zeiten schuldig. Als Fridolin aber nach einer Woche immer noch nicht zurückgekehrt war, da machten sie sich ernsthafte Sorgen. Immer wieder gingen sie zum Flussufer, dort wo Fridolin das letzte mal gesehen worden war und hofften auf ein Wunder.

Und dann kam der denkwürdige Tag. Wieder hatte sich seine Familie an das Flussufer begeben. Der dichte Morgennebel verhüllte den glucksenden Fluss und ließ die Uferbäume wie fremde, lebendige Wesen ihre Arme nach ihnen ausstrecken. Es war nicht wie sonst. Schatten bewegten sich durch den dichten Nebel und immer wieder konnten sie flüsternde Stimmen aber auch halb erstickte Schreie hören, die aus dem Nichts zu kommen schienen. Die Nebelwelt war offensichtlich erfüllt von unzähligen und unbekannten Wesen, die sich unterhielten, gegenseitig jagten, mal entfernten, mal so klangen, als stürmten sie direkt auf die Familie zu.

Fridolins Familie war wie gelähmt. Zu gerne wären sie schreiend vor Angst nach Hause gerannt, aber es ging einfach nicht. Plötzlich konnten sie im dichten Nebel ein rötliches Glühen erkennen, das zielstrebig auf sie zusteuerte. Und je näher es kam, desto deutlicher bildete sich eine riesige Gestalt aus dem Nebel heraus. Mächtige Hörner zierten den drachenschuppenbewehrten Kopf und die glühenden Augen zogen die Familie in ihren Bann. Einzig und allein das verhaltene Kichern, das die furchterregende Gestalt begleitete nahm der Erscheinung ein wenig von seinem Schrecken. Und als die gewaltige Gestalt schließlich direkt vor ihnen stand, da entfuhr der Großmutter nur ein Wort: „Wiekenhus!“

Bedächtig neigte Wiekenhus sein Haupt. „Ganz recht Großmutter“, antwortete Wiekenhus mit grollender Stimme, die wie Donner durch den Nebel hallte, „Ich bin König Wiekenhus und ich habe euch jemanden mitgebracht.“

Wie auf Kommando verzogen sich die Nebelschwaden und vor Fridolins Familie stand ein junges Mädchen mit langen blonden Haaren und einem merkwürdigen Hütchen auf dem Kopf.

„Dörthe?“ unterbrach Bauer Fridolin erstaunt die Erzählung seiner Frau.

„Ganz recht“, antwortete sie mit liebevollem Unterton, „die gestörte Dörthe.“

Bevor Wiekenhus vollständig verschwunden war, fuhr Fridolins Frau fort, versprach er noch, dass es Fridolin gut ginge und dieser bald wiederkommen würde. „Dörthe wird Euch sagen, wann es soweit ist.“

Und so kam es, dass die Familie überhaupt nicht überrascht war über Fridolins Rückkehr und dass auf dem Hof gerade heute so eine fröhliche Stimmung herrschte. Man hatte ihn schlichtweg erwartet. Tatsächlich aber war die Stimmung auf dem Hof seit der Anwesenheit Dörthes ohnehin meistens gut.

Nun, das Leben auf dem Hof war seit Ankunft des Feenmädchens nicht einfacher geworden, noch immer war die Not groß und die Familie wusste oft nicht, wovon sie am nächsten Tag leben sollte. Und auch Dörthe selbst trug nicht immer zur Verringerung der Sorgen bei.

Dörthe lachte oft und viel und meist sehr intensiv. So intensiv, dass sich eines Tages sogar die Balken des großen Wassertrogs bogen und dieser schließlich auseinanderbarst. Nein, es war keine Absicht und Dörthe schämte sich fast zu Tode, aber es war nun einmal so. Kleine Unfälle begleiteten Dörthe auf Schritt und Tritt. Und das Ergebnis war meistens ungehemmtes Lachen, das so ansteckend wirkte, dass man ihr am Ende nicht wirklich böse sein konnte. Manchmal wusste man sogar warum sie lachte So zum Beispiel, als sie vergessen hatte, den Sattel ihres Pferdes festzuzurren und mit diesem prompt kopfüber in den Sand flog. Aber oft genug blieb ihre hemmungslose Fröhlichkeit ebenso ein Rätsel wie ihre Fähigkeit ausgiebig zu weinen.

Insbesondere wegen dieser Eigenschaften hatte Dörthe vor allem bei den Kindern, die nun des öfteren den Hof besuchten und sich schnell mit dem Feenmädchen anfreundeten, bald den Spitznamen „gestörte Dörthe“ erhalten.

Aber wer nun glaubt, Dörthe sei nur ein albernes, tollpatschiges Feenkind gewesen, der hatte sich gewaltig geirrt.

Bald hatte Fridolins Familie herausgefunden, warum der Wiekenhus ausgerechnet dieses Wesen auf den Hof gebracht hatte. Dörthe konnte richtig arbeiten. Und sie war zuverlässig. Wenn es beispielsweise um das morgendliche Füttern der Tiere ging, dann war sie da, selbst, wenn sie die ganze Nacht durchgekichert hatte und kaum aus den Augen schauen konnte. Und wenn sie arbeitete, dann machte sie es richtig. Keine der üblichen kleinen Unfälle, keine dummen Fragen.

Großmutter hatte es als erste erkannt: „Die Dörthe ist gar kein Feenmädchen, sie ist ein Kobold.“

Wem dieser Unterschied unwichtig erscheint, der kennt sich in der Anderswelt nicht besonders gut aus. Feen sind Wesen mit starken Zauberkräften, die sie auch gezielt einsetzen können. Sie können, wenn sie wollen, Gutes bewirken oder ebenso Unheil über ausgesuchte Menschen bringen. Sie beeinflussen, wenn sie mit ihnen zusammenstoßen ganz bewusst das Geschick der Menschen. Kobolde hingegen verfügen zwar – wie jedes Andersweltwesen auch – über Zauberkräfte, die aber wirken eher spontan. Ob ein Unglück geschieht – wie etwa der berstende Wassertrog – ergibt sich meistens einfach. Es ist nicht beabsichtigt. Kobolde können nicht wirklich böse sein, sie sind einfach wie sie sind und was passiert, das passiert eben. Aber alle Kobolde haben auch ein Gebiet, in dem sie richtig gut sind. Man denke an die irischen Leprachauns, die wahre Meister der Schusterkunst sind.

Kobolde sind übrigens auch recht gesellige Wesen. Und so war es kein Zufall, dass Dörthe immer wieder von anderen Kindern besucht wurde. Und die hatten dann eine Menge Spaß miteinander und erfüllten den Hof mit ihrem fröhlichen Treiben. Ob die Kinder aus dem nahen Wiekenhusen oder auch von weiter weg kamen, war nicht immer ganz klar. Und oft genug hatte die Familie den Verdacht, dass sich Dörthe gelegentlich einfach andere Kobolde eingeladen hatte.

Nun, da Fridolin wieder zurückgekehrt war, da schien die Aufgabe die Wiekenhus der Dörthe zugewiesen hatte, erst einmal erfüllt. Es galt nun Abschied zu nehmen. Aber statt – wie es Feen üblicherweise tun – einfach wieder in die Anderswelt zu verschwinden, lief Dörthe von einem zum anderen, umarmte sie unter Tränen, ging in den Stall, um sich von ihrem Lieblingspferd zu verabschieden, nur um anschließend wieder den Kindern heulend in die Arme zu fallen dann wieder die Pferde zu besuchen und so weiter und so weiter. Dörthe heulte, dass sich selbst der Himmel zuzog und die Wolken ihre Tränen vergossen. Und als Dörthe den Hof schließlich verlassen hatte, da regnete es noch drei Tage lang und der Fluss begann bedrohlich anzuschwellen. Na ja, Dörthe war eben ein Kobold und keine Fee.

Es folgt: Der Feenschatz

Bild und Geschichte: Wolfgang Schwerdt

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