Halloween im Werraland 8

Der Feenschatz

An einem heißen Sommertag zu Mittagszeit machte sich Fridolin wieder einmal auf den Weg auf den Johannisberg. Wie immer hatte er das Schlüsselblümchen bei sich, denn man konnte ja nie wissen.

Der Aufstieg in der brütenden Mittagshitze war anstrengend gewesen. Und so setzte sich Fridolin, am Feenhügel angekommen, erst einmal in den Schatten eines knorrigen Baumes, genoss den Blick auf das weite Flusstal, stärkte sich ein wenig aus seinen Vorräten und begann schließlich einzudösen.

Der leichte Wind, der über die Bergkuppe strich, verschaffte dem Bauern ein wenig Kühlung und die sanfte Melodie, die der Wind mit sich trug, verband sich mit dem Rauschen der Blätter und schien Fridolin in den Schlaf wiegen zu wollen. Fridolin fühlte sich leicht und unbeschwert und hatte das Gefühl, als werde er von den Lüften getragen und von dem knorrigen Baum, an dem er lehnte sanft umschlungen.

Aber das grenzenlose Wohlbefinden wurde jäh unterbrochen. Knarrend hatte sich der Baum geöffnet und Fridolin kippte plötzlich hintenüber in den hohlen Stamm hinein. Nur kurz umfing ihn fast vollständige Dunkelheit, dann kullerte er förmlich aus dem weit geöffneten Baumstamm auf der anderen Seite wieder heraus.

Fridolin richtete sich auf und wunderte sich. Auf den ersten Blick hatte sich nämlich nichts verändert. Nur, dass er nun auf der anderen Seite des Baumes stand und direkt auf den Feenhügel blickte, der zuvor in seinem Rücken gelegen hatte. Nach seinen mehr oder weniger leidvollen Erfahrungen hätte sich nun alles ändern, hätte er in die Anderswelt gepurzelt sein müssen. Aber alles schien wie vorher.

Nun, vielleicht nicht alles. Die Sonne stand zwar immer noch hoch droben am Himmel, aber es war nicht mehr so heiß. Im Grunde war es weder heiß noch kalt. Fridolin schwitzte nicht mehr, aber er fror auch nicht, er fühlte sich einfach wohl. Der Bauer drehte sich um und warf einen Blick in das Tal. Ja, er war noch da, der Fluss aber breiter, reißender, ungebändigt, so wie er wohl zu Urzeiten das Tal geformt haben musste. Und sein Hof, ja sein Hof war weg, einfach nicht da. Der Hof war nicht verschwunden, er war nicht da. Dort wo eigentlich Fridolins Hof hätte sein müssen, flossen träge Seitenarme des wilden Flusses, schlängelten sich um kleine Sandinseln und Landzungen, die mit knorrigen Bäumen bewachsen waren. Und es gab in diesem Tal keine Wege, keine Brücken, nichts, was auf die Anwesenheit von Menschen schließen ließ. Das Tal war völlig unbewohnt und dort, auf dem kleinen Berg, wo Wiekenhusen liegen musste, war auch nichts außer dichter, tiefer Wald.

Fridolin war weit davon entfernt, sich zu wundern oder gar zu fürchten, zu viel Merkwürdiges war ihm in seinem Leben bereits widerfahren. Trotzdem war er ein wenig erleichtert, als er in seinem Rücken ein vertrautes Kichern vernahm.

Als Fridolin sich umdrehte, da sah er gerade noch einen Zipfel blonden Haares hinter dem Feenhügel verschwinden. Der Bauer lief hinterher, bekam das kichernde Wesen aber nicht zu Gesicht. „Dörthe“, rief er, „Dörthe, bleib doch mal stehen.“ Aber Dörthe blieb nicht stehen und so folgte Fridolin dem Kichern, bis er den Feenhügel dreimal gegen den Sonnenlauf umrundet hatte. Dann hatte er genug und blieb einfach stehen.

„Kann ich etwas für Euch tun?“ fragte der kleine hutzelige Mann, der plötzlich vor dem Bauern aus dem Boden zu wachsen schien mit krächzender Stimme.

„Habt Ihr vielleicht Dörthe gesehen?“ fragte der Bauer und starrte unhöflich direkt auf den unglaublich langen Bart des Hutzelmännchens, der den ganzen Körper bis hinunter zum Boden einhüllte.

„Dörthe?“ fragte das Männlein, „Dörthe kenn ich nicht“ und er kicherte vergnügt. Dann plötzlich brach das Kichern ab und das Männlein sagte mit blitzenden Augen und fast kreischender Stimme: „Habt Ihr noch nie einen Bart gesehen oder warum starrt Ihr mich so an? Wäret Ihr an meiner Stelle“, so regte sich das Männlein auf, „so wäre Euer Bart mindestens ebenso lang.“

Aber Fridolin beachtete den Gnom nicht mehr. Und während das Männlein wütend kreischend und mit seinem knorrigen Stock drohend um den Bauern herumtanzte, ging Fridolin geradewegs auf das Tor im Feenhügel zu, das im funkelnden Sonnenlicht sichtbar geworden war.

Als Fridolin das Schlüsselblümchen aus der Tasche zog und hilflos an das Tor hielt, da wurde das Männlein plötzlich ganz ruhig. „Bitte nehmt mich mit hinein“, bettelte es mit schmeichlerischer Stimme.

Fridolin wusste nicht, was er davon halten sollte, weder von dem Männlein, noch von dem Schlüsselblümchen. Denn es gab zwar ein Schloss, aber wie sollte dort das Blümchen hineinpassen?

Fridolin hielt das Blümchen in das Licht der Sonne, um es genauer zu betrachten und plötzlich verwandelte sich das kleine gelbe Blümchen in einen goldenen Schlüssel, der genau in das Schloss des Tores passte.

„Bitte nehmt mich mit hinein“, quengelte das Männlein, Ihr müsst mich hineinbitten.“

Fridolin empfand fast Mitleid mit dem Gnom und warum sollte er diesen harmlosen kleinen Kerl nicht mit in den Feenhügel nehmen?

Der Bauer steckte den Schlüssel in das Schloss, drehte ihn herum und das Tor öffnete sich knarrend. Er blickte den Gnom an, um ihn hereinbitten, da sah er dessen bitterbösen, gierigen Blick, den er in das Innere des Hügels warf. Nun sah das Männlein gar nicht mehr harmlos, sondern abgrundtief böse und gefährlich aus. Schnell aber hatte sich das Männlein wieder in der Gewalt und bettelte herzerweichend: „bittet mich herein, ich flehe Euch an, es soll Euer Schaden nicht sein.“

Aber Fridolin sprang schnell durch die Tür und warf sie krachend ins Schloss und das Männlein blieb fluchend und tobend zurück.

„Hallo Fridolin“, tönte eine Stimme rechts von ihm, „Du hast gut daran getan, das Männlein nicht hineinzubitten.“ Fridolin blickte in das Gesicht eines Koboldmädchens, das vom Schein glitzernder Edelsteine und schimmernden Goldes beleuchtet wurde. Das rötlich glänzende Haar nach hinten gebunden blickte es den Bauern mit fröhlichen Augen und freundlichem Lächeln an.

„Hallo Fridolin“, kam eine Stimme links von ihm, „hättest du den Wicht hereingelassen, dann wärst du jetzt an seiner Stelle und müsstest weitere tausend Jahre warten, bis dich vielleicht jemand erlöst.“

Fridolin drehte den Kopf und blickte in das gleiche Gesicht wie eben noch. Nur, dass das Haar offen und der Blick und das Lächeln eine Spur frecher waren.

„Schön, dass du endlich gekommen bist“, sagten die Koboldzwillinge und flitzen geschäftig in der Hügelhalle hin und her. „Hier ist dein Schatz, nimm ihn.“

Fridolin war schier geblendet von den unendlichen Reichtümern in Gold, Silber und Juwelen, die dort aufgehäuft waren. Und statt sich über seinen nun offensichtlich unermesslichen Reichtum zu freuen, fragte er sich, wie er dieses ganze Zeugs eigentlich zum Hof bringen sollte, wo er es, sicher vor Neidern und Räubern, überhaupt lagern und nicht zuletzt, was er damit eigentlich anfangen sollte. Denn eigentlich brauchte er doch nur genug, um sich und seine Familie und natürlich sein Vieh zu ernähren, vielleicht die eine oder andere Reparatur auszuführen und sonst? Er war doch mit seinem Leben zufrieden, wenn nur nicht die ständige Not wäre.

Fridolin hatte sich entschieden: “ich werde den Topf dort mit den Goldstücken nehmen.“ Der würde für die nächsten paar Jahre mehr als ausreichen. Fridolin wies auf einen kleinen unscheinbaren Tontopf. Den konnte er problemlos in seinem Rucksack verstauen. Er würde mit diesem Schatz reicher sein, als er es jemals in seinem Leben war. Und das war nach seiner Meinung mehr, als er brauchte und vor allem mehr, als er verdient hatte.

„Nimm den Topf und du wirst alles haben, was du brauchst“, versprachen die Koboldzwillinge.

Kaum hatte Fridolin den Topf verstaut, da nahmen in die Koboldzwillinge an die Hand und führten ihn strahlend durch eine Tür in eine große Halle. Und da waren wieder alle versammelt, so wie auf dem Feenschiff. Der Wiekenhus, Franz, Fridolins Sohn, die gestörte Dörthe und viele andere der Andersweltwesen, die er bei dem Gelage auf dem Feenschiff kennengelernt hatte.

„Gute Wahl, Fridolin“, dröhnte der König und dann wurde wieder gefeiert.

Als Fridolin am nächsten Mittag wieder zu sich kam, da lag er direkt vor dem Feenhügel. Vom Tor aber war keine Spur zu entdecken und das wütende Männlein war auch nicht mehr da. Nur, als der Bauer den Felsstein vor dem Feenhügel betrachtete, da kam es ihm so vor, als könne er darin das zerfurchte Gesicht und den mächtigen Bart des versteinerten Gnoms erkennen.

Fridolin warf einen Blick in das Tal. Dort waren sie wieder, sein Hof und das Städtchen Wiekenhusen und auch der Fluss zog wieder friedlich und halbwegs gezähmt seine glitzernde Bahn durch das Tal. Es war wieder so, wie es eben immer gewesen war.

Als Fridolin zu seinem Hof zurückgekehrt war, da ging es nicht ganz so fröhlich zu, wie das letzte Mal. Fridolin war diesmal immerhin ein Jahr weggewesen. Zwar hatte Dörthe wieder Bescheid gesagt und niemand musste sich wirklich um Fridolin sorgen. Aber durch Fridolins Abwesenheit war der Hof dermaßen in Schulden geraten, dass er der Familie wohl weggenommen würde, wenn sie nicht binnen Tagesfrist hundert Goldstücke aufbringen könnte.

Fridolin war entsetzt. Der Topf, den er aus dem Feenhügel mitgebracht hatte, enthielt gerade einmal zwanzig Goldstücke. Das hätte ohne weiteres für mehrere Jahre Lebensunterhalt ausgereicht. Aber nun schien alles vorbei.

Fridolin schüttete den Topf aus, um die Goldstücke zu zählen. Ja, es waren gerade einmal einundzwanzig Stück. Als er aber die Goldstücke zurück in den Topf legen wollte, da war dieser wieder voll. Wieder schüttete er den Topf aus und nun hatte er schon zweiundvierzig Goldstücke. Und als er in den Topf schaute, da war er immer noch nicht leer. Fridolin grinste glücklich und erleichtert: „Nimm den Topf und du wirst alles haben, was du brauchst“ schossen ihm die Worte der Koboldzwillinge durch den Kopf. Und nun verstand er auch, was Wiekenhus meinte, als er sagte: „Gute Wahl, Fridolin.“

Es folgt: Der Brückenwächter

Bild und Geschichte: Wolfgang Schwerdt

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