Halloween im Werraland 9

Der Brückenwächter

Mit den Goldstücken aus dem unscheinbaren Tontopf hatte Fridolin seinen Hof ablösen können und er hatte sogar noch fünf Goldstücke übrig. Natürlich hätte er den Topf immer und immer wieder auskippen können und dabei unzählige Goldstücke erhalten. Aber Fridolin wollte das gar nicht. Er wollte immer nur so viel herausnehmen, wie er tatsächlich brauchte. Nur, wenn er den Topf auskippte, dann kam immer ein Goldstück mehr heraus, als eigentlich nötig war. Der bescheidene Bauer packte also vier der überzähligen Goldstücke in eine Schachtel und ging mit seiner Feenstute in die Stadt, um längst notwendige Werkzeuge und vielleicht zur Feier des Tages etwas Besonderes zu Essen für die Familie zu besorgen.

Wiekenhusen hatte sich in den letzten Jahren gut entwickelt. Von überall her kamen die Händler, um hier ihre Waren auf dem Markt feilzubieten oder zu tauschen. Aber der Erfolg der Stadt hatte auch allerlei Gesindel angezogen und auch Ritter und Grafen versuchten immer wieder mit Waffengewalt den ihnen ihrer Meinung nach zustehenden Anteil am Reichtum der Stadt einzufordern.

Deshalb hatten die Wiekenhusener Bürger eine wehrhafte Mauer um ihre Stadt errichtet, mit trutzigen Türmen und festen Toren.

Um aber den Händlern den Zugang zum Markt zu erleichtern, da planten die Wiekenhusener Bürger nun, eine Brücke über den Fluss zu bauen. Bislang war es ein rechtes Wagnis gewesen, den Fluss an der Furth mit den schweren Wagen zu durchqueren. Oft genug hatte der Flusskönig seine Drachen ausgeschickt, die die durch das eben noch seichte Wasser der Furth fahrenden Wagen mit Mann und Maus einfach hinweggespült hatten. Der Flusskönig verlangte eben auch seinen Anteil am Reichtum der Stadt. Und über lange Zeiten im Jahr war die Furth ohnehin unpassierbar. Den inzwischen gierig gewordenen Wiekenhusener Bürgern entging dadurch ein stattlicher Profit.

Es war eine stattliche Bohlenbrücke geworden, die nun den Fluss überquerte. Und die Straße an der Furth, die den Flussübergang direkt mit dem Markt am Rathaus verband, hieß alsbald nur noch die Brückenstraße. Aber so glücklich wollten die Wiekenhusener mit ihrer Brücke nicht werden. Sicher, der Strom von Händlern aus den Ländern vom anderen Flussufer riss bald nicht mehr ab und das Gesindel, das nun vermehrt sein Glück in der Stadt suchte hatte man auch noch einigermaßen unter Kontrolle.

Aber die Brücke eröffnete nun auch den Seelen der Verstorbenen vom ganz bewusst auf der anderen Seite des Flusses angelegten Friedhof und den zahllosen, meist nichts Gutes im Schilde führenden Andersweltwesen den fast ungehinderten Zugang. Nacht für Nacht trieben sie ihr Unwesen in den Gassen der Stadt und verbreiteten Furcht und Schrecken. Bald fand sich kein Nachtwächter mehr, der bereit war, zum Schutze der Bürger seine nächtlichen Runden zu drehen. Und nachdem man die Wächter, die das Tor an der Brückenstraße des Nachts vor unerwünschten Eindringlingen schützen sollten des Morgens immer wieder erdrosselt und mit entsetzlich entstellten Gesichtern aufgefunden hatte, da blieb schließlich auch das Tor unbewacht.

Als Fridolin in die Stadt kam, da war der Rat der Stadt gerade dabei demjenigen jede erdenkliche Belohnung anzubieten, der Wiekenhusen von dem Übel befreite. Und tatsächlich schien es so, als hätte sich jemand gefunden. Es war ein finster aussehender Geselle von riesiger Gestalt, ganz in schwarz gekleidet und mit einem mächtigen Schwert auf dem Rücken. Mitten auf dem Marktplatz hatte er sich aufgebaut, mit dem Gesicht zum Rathaus: „Hallo, Ihr edlen Ratsherren“, brüllte er mit höhnischer Stimme und schlug sich auf die Brust, dass es nur so krachte: “Ich werde Euch helfen, ich werde die Brücke bewachen, bis sich kein unerwünschter Unsterblicher mehr hinüberwagt.“

Die Ratsherren hatten sich zitternd vor der furchterregenden Erscheinung auf der Balustrade des Rathauses versammelt. Der Marktplatz war inzwischen wie leergefegt. Nur Fridolin und seine Stute blieben im Hintergrund stehen und schauten zu.

Angesichts der schrecklichen Gestalt waren den Ratsherren ernsthafte Bedenken gekommen. Fast schien ihnen die jetzige Situation das kleinere Übel. Wer wusste schon, was man sich mit diesem Ungeheuer in die Stadt holen würde. Vielleicht gab es ja noch andere Möglichkeiten. Aber dieser mehr als unheimliche Krieger – es wahr unwahrscheinlich, dass man ihn je wieder los werden würde.

„Vielen Dank für Eure Bereitschaft“, erwiderte der Bürgermeister mit zittriger Stimme, „aber wir bedürfen Eurer Dienste nicht.“

Der Fremde lachte nur, dass sich die Bürger noch weiter in ihre Häuser verkrochen: „Und ich bedarf nicht Eurer Zustimmung. Ich werde die Brücke bewachen und mir dann meinen Lohn holen“, sprachs, drehte sich um und verschwand, als habe es ihn nie gegeben. Beim Umdrehen hatte er Fridolin und die weiße Stute entdeckt und Fridolin glaubte zu erkennen, wie ein leises Erschrecken über das Gesicht des Fremden glitt, kurz bevor er sich einfach in Luft aufzulösen schien.

Seit jenem Tag, als der Fremde wenn auch gegen den Willen des Rates den Auftrag angenommen hatte, die Stadt von den Untoten und Geistern zu befreien, da war es innerhalb der Stadtmauern tatsächlich friedlich geworden. Bald drehte auch der Nachtwächter wieder seine Runden und das Leben schien sich wieder zu normalisieren.

Nur vor der Stadtmauer, auf der Brücke, da tobte nun Nacht für Nacht ein schrecklicher Kampf, als stießen zwei gewaltige Heere aufeinander. Genaues konnte niemand erkennen und es gab auch nicht Viele, die es wagten, des Nachts einen Blick über die Stadtmauer zu werfen. Und jene, die es taten, die berichteten von gewaltigen Gewittern und Stürmen, die Über der Brücke niedergingen. Und mitten darauf stand die schreckliche schwarze Gestalt, das riesige Schwert schwingend und die sengenden Blitze und stürmenden Wolkenschwaden mit der scharfen Klinge zerteilend. Umringt wurde der fürchterliche Krieger von finsteren Schemen, die kreischend und brüllend jeden Angriff der wilden Flussdrachen und der geflügelten Schlachtrösser, die über den Himmel stoben, abwehrten. Und es war ein grauenvolles Stöhnen und Schreien der Verwundeten und Getöteten beider Seiten. Das Kreischen und Lärmen des Kampfgetümmels konnte man auch in der Stadt hören und es brachte, obwohl hier nichts Böses mehr geschah, so manchen um Schlaf und Verstand. Denn das Schlachten und Morden auf der Brücke begann jeden Abend mit der Dunkelheit und es endete erst mit Beginn der Morgendämmerung.

Aber wenn man am nächsten Morgen die Tore öffnete und auf die Brücke hinaustrat, dann gab es keine Spuren der nächtlichen Auseinandersetzungen. Nur die Kaufleute, die mit ihren Wagen zu spät, also nach Schließen der Stadttore an der Stadt angekommen und nun vor der Stadtmauer übernachten mussten, die fand man mitsamt ihren Zug- Last- und Reittieren erschlagen, erdrosselt und verstümmelt vor.

Nach einem Monat war der schreckliche Krieger wieder auf dem Marktplatz vor dem Rathaus erschienen: „Meine Aufgabe ist beendet“, brüllte er den Ratsherren entgegen, nun verlange ich meinen Lohn.“

Vor diesem Tag hatten sich alle gefürchtet. Denn allen war klar dass dieses Ungeheuer Schreckliches verlangen würde. Vielleicht Jungfrauen zum Verspeisen, oder noch schlimmer, die Stadtkasse oder gar die ganze Stadt?

„Euch hat´s“, sprach der Finstere belustigt, „offensichtlich die Sprache verschlagen. Aber beruhigt Euch, ich verlange nichts, was Ihr nicht entbehren könntet, ich will“, und seine Stimme begann zu grollen, „ich will das Auenland.“

Die Ratsherren blickten sich erleichtert an. Das Auenland, jenes nutzlose immer wieder überschwemmte Gebiet in dem niemand wohnte beziehungsweise wo lediglich der Hof von Bauer Fridolin lag. Ja, das Auenland konnte man durchaus entbehren. Und so sagte der Bürgermeister mit einem Anflug von größenwahnsinniger Großzügigkeit: „Das Auenland sei Euer.“

Längst hatte man in der Stadt vergessen, wem das Land eigentlich gehörte und wem man die Gründung der Stadt und ihre gute Entwicklung zu verdanken hatte, bevor der Reichtum die Bürger hatte so gierig werden lassen. Man hatte vergessen oder wollte sich nicht daran erinnern, dass das Auenland und auch das Land auf dem die Stadt stand, dem Wiekenhus gehörten. Man hatte, um die eigene Haut zu retten, das Land des Wiekenhus verschenkt.

Es folgt: Der Feenkrieg

Bild und Geschichte: Wolfgang Schwerdt

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