Halloween im Werraland

Eine Fortsetzungsgschichte über die nordhessische Anderswelt von Wolfgang Schwerdt

Mit der Legende vom alten Wiekenhus beginnt meine Fortsetzungsgeschichte um den Bauern Fridolin und den mächtigen Elbenfürsten aus dem Werraland.  Entstanden sind die Episoden, weil das Werratal und nicht zuletzt die Gegend um Witzenhausen zu den im wahrsten Sinne des Wortes bezauberndsten Regionen Deutschlands gehört. Kein Wunder, dass hier die Märchenstraße entlangführt.

Als ich hierherzog, um das Großstadtleben zeitweise gegen das Leben auf einem Reiterhof einzutauschen, da nahmen mich die geheimnisvollen Berge, die Wälder und Täler und nicht zuletzt natürlich auch das Zusammenleben mit den Tieren sofort gefangen. Mythen und Legenden hatten mich schon immer fasziniert und hier sind sie mit einiger Phantasie durchaus lebendig, im Morgennebel, in den Vollmondnächten aber auch an freundlichen Sommer- oder strengen Wintertagen – wenn man nur will – sogar greif- und erlebbar. Also machte ich mich daran, selbst solche geheimnisvollen Geschichten – inspiriert von dem mächtigen Wiekenhus – aus der Anderswelt dieser Gegend zu schreiben. In der Nordhessen Rundschau werden sie ab heute jeden Sonntag und Mittwoch eine der dreizehn Episoden der Wiekenhus-Legenden lesen können. Die Reihe beginnt mit:

Der Geist des Werra-Meissner-Landes

Lange bevor die Menschen diese Gegend besiedelten, bevölkerten die Wesen der Anderswelt die Auen, Berge und Wälder um das heutige Witzenhausen. Wiekenhus war ihr König, ein mächtiger Elf, der über fast unerschöpfliche magische Kräfte verfügte.

Und die brauchte er auch, denn die Wesen der Anderswelt waren nicht leicht zu beherrschen. So rebellierte immer wieder der Fürst des Flusses, ein grimmiger Wassermann, mit seinen Wasserdrachen gegen die Herrschaft des Wiekenhus. Jedes Jahr sandte der Flussfürst seine Drachen aus, die mit großer Macht das Wasser des Flusses über die Ufer trieben und das umgebende Land versuchten in den Fluten zu ertränken. Jedes Mal musste das Volk des Wiekenhus in die umliegenden Berge und Wälder fliehen, bis der König im erschöpfenden magischen Kampf den Flussfürsten und seine Drachen wieder in das Flussbett zurückgetrieben hatte.

Aber auch die Wälder und Berge waren nicht sicher. Wilde Kobolde und finsteres Getier trieben hier ihr Unwesen, stiegen Nachts aus den Wäldern in die Auen und trieben hier allerlei Unfug, zerwühlten den Boden und manchmal warfen sie auch ganze Bäume, Felsbrocken und Erde auf das Land des Wiekenhus.

Meist aber verlief das Leben im Reich des Wiekenhus recht geruhsam. Die Bewohner vertrieben sich die Zeit mit Essen und Trinken am Feuer, sie sangen geheimnisvolle Lieder und streiften zusammen mit den wilden Tieren durch die Gegend. Und der Wiekenhus war es zufrieden.

Als die ersten Menschen kamen

Und dann kamen die ersten Menschen, reisende Händler und Handwerker waren es, die immer wieder durch das Reich des Wiekenhus zogen.

Wiekenhus war wie viele Andersweltwesen natürlich gastfreundlich und so verweilten die Händler und Handwerker gelegentlich in den Auen, bis es sich bei ihnen einbürgerte, sich bei Wiekenhus zu verabreden. Die ersten Hütten wurden gebaut, was allerdings Wiekenhus nur widerstrebend zuließ. Zudem warnte er vor dem Flussfürsten, aber erst, als dieser wieder einmal seine Drachen über die Auen schickte und die Hütten mit Mann und Maus wegspülte, wurden seine Warnungen ernst genommen.

Auf die Gastfreundschaft des Wiekenhus wollten die Menschen aber nicht verzichten und so suchten sie sich einen sichereren Ort auf einer nahegelegenen Anhöhe und gründeten dort zunächst eine Siedlung. Wiekenhusen nannten die Menschen später ihre Siedlung zu Ehren des gastfreundlichen Auenkönigs. Später, viel später als die Siedlung zur Stadt herangewachsen und die Andersweltwesen längst in die Mythen und Märchen verjagt worden waren, wurde aus dem alten Wiekenhusen das heutige Witzenhausen.

Die Vertreibung des Wiekenhus und seines Volkes

Lange lebten die Menschen und das Volk der Anderswelt friedlich miteinander, bis eines Tages die Fürsten und Könige der Menschen ihre Macht nicht mehr mit Wiekenhus teilen wollten und nicht mehr akzeptierten, dass das Land dem Wiekenhus gehörte. Auch untereinander stritten sich die Menschen um das Land des Wiekenhus und bald wurde es ungemütlich in dieser Gegend. Immer mehr Land nahmen die Menschen für sich, ihre Siedlungen und die Landwirtschaft in Anspruch, Wiekenhus und sein Volk mussten sich immer weiter zurückziehen. Das geschah natürlich nicht widerstandslos und für die Menschen wurde die Gegend durchaus gefährlich, wenn sie sich aus befestigten Siedlungen herauswagten. Und dann kamen die Heere der verschiedenen Herrscher, die sich um diese Gegend stritten und das Land und auch die Stadt Wiekenhusen zerstörten. Und die Menschen brachten einen mächtigen Gott ins Spiel, einen Gott, der es nicht duldete, dass andere Götter und Geister respektiert wurden. Kirchen und Klöster wurden errichtet und nach und nach verblasste der Glaube an Wiekenhus und die alten Gottheiten der Gegend und raubten ihnen damit endgültig die Macht.

Wiekenhus und sein Volk zogen sich schließlich in die Nacht und in die Welt der mächtigen Wilden Holl, heute bekannt unter dem Namen Frau Holle zurück.

Nein, die Andersweltwesen sind nicht verschwunden, sie leben hier immer noch, versteckt in den Seen, Höhlen, Flüssen und Wäldern. Und wer offenen Herzens ist, der wird gelegentlich – insbesondere in der Dämmerung oder des Nachts – den Geist des Wiekenhus und seines Volkes treffen oder die mächtige Göttin, unter deren Schutz er steht, erkennen.

Es folgt: Zwei Nächte vor Samhain

Story und Foto: Wolfgang Schwerdt

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