Der nordhessische Bergbau im 19. und 20. Jahrhundert

Der nordhessische Kohlebergbau ist mit Namen wie Henschel ebenso verbunden wie mit der Rüstungsindustrie des 3. Reiches oder Energiekonzernen wie der Preussen Elektra. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war der nordhessische Braunkohlebergbau traditionell weitestgehend in staatlicher Hand, eine Folge des landgräflichen gewerblichen Domänenstaates, der sich bereits seit Anfang des 17. Jahrhunderts entwickelt hatte.

Trotz erheblicher behördlicher Hindernisse drängten im Rahmen der industriellen Revolution mehr und mehr private Unternehmer in den nordhessischen Braunkohlebergbau. So beispielsweise der Bildhauer Werner Henschel, der 1834 bei Ihringhausen die „Möncheberger Gewerkschaft“, die damals größte private Zechengründung, anlegte, um seine rasch wachsende Ziegelei mit Brennstoff zu versorgen. Ab 1845 stieg auch die Familie  – dabei auch der bekannte Maschinenbauunternehmer Carl Anton Henschel – in das Braunkohlegeschäft ein.

Die Kohlenbarone Henschel, Schwarzenberg & Co

Immer neue Zechen wurden eröffnet, um die sich entwickelnde, insbesondere chemische Industrie der Region mit Energie zu versorgen. Die Unternehmerfamilien, deren Namen beispielsweise Schwarzenberg, Waiz von Eschen, Habich, Baumbach oder Thielepape lauteten, hatten sich Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem landgräflichen Beamtenstand gelöst und waren zu privatwirtschaftlichen Unternehmern geworden. Ihre Kompetenz war dabei unbestritten, waren ihre Vorfahren doch im Laufe des 18. Jahrhunderts nach Kassel-Hessen geholt worden und in leitende Funktionen des landgräflichen gewerblichen Domänenstaates aufgestiegen. Und so entstanden unter anderem 1821 die Zeche Frielendorf, 1825 die Gruppe Ronneberg, ab 1830 mehrere kleine Zechen im Habichtswald, 1865 die Zeche Glimmerode bei Hessisch Lichtenau und 1868 die Zeche Marie am Hirschberg.

Braunkohle und chemische Industrie

Heute fast in Vergessenheit geraten ist die Tatsache, dass Nordhessen bis Ende des 19. Jahrhunderts über eine vergleichsweise umfangreiche Chemische Industrie mit Soda-, Schwefelsäure-, Salmiak-, Ultramarin- und anderen Farbenfabriken verfügte. Die waren neben dem städtischen Hausbrand und Gewerbe Hauptabnehmer der Braunkohlezechen. In der Eisen- und Stahlerzeugung spielte Hessen und damit auch die Braunkohle eine untergeordnete Rolle. Trotz relativ großer Vorkommen hatte die nordhessische Braunkohle vor allem regionale Bedeutung. Die geografische Situation des verkehrstechnisch schlecht erschlossenen nordhessischen Mittelgebirges, machte den Export in größerem Umfang ebenso unmöglich, wie die spezielle Qualität des braunen Goldes, die für die Stahlindustrie nicht zu gebrauchen war. Die Geologie hatte zudem viele kleinere, zerstreute Lagerstätten zur Folge, die einen erfolgreichen Wettbewerb mit dem rheinischen und mitteldeutschen Braunkohlebergbau ausschlossen. Die größeren Zechen erhielten erst zwischen 1879 und 1885 einen Eisenbahnanschluss, wobei der Zugang zur Bahn oft nur indirekt über Seilbahnen möglich war.

Nordhessische Braunkohle zur regionalen Stromerzeugung

Andererseits konnte sich die nordhessische Braunkohle in ihrer Region aufgrund des hohen Brennwertes und der durch die direkte Nähe zu den Verbrauchern geringen Transportkosten gegenüber der Konkurrenz gut behaupten. Auch nach dem Niedergang der nordhessischen chemischen Industrie zum Ende des 19. Jahrhunderts existierte der nordhessische Braunkohlebergbau noch rund 100 Jahre weiter.

Die Verwendung der Braunkohle in der Stromerzeugung und die Nachfrage der seit 1900 schnell wachsenden Kali-Industrie konnten den Absatzeinbruch mehr als ausgleichen. So wurde 1922 nicht nur der größte nordhessische Braunkohlebergbau bei Borken mit eigenem zunächst 25, später bis zu 356 Megawatt- Elektrizitätswerk aufgeschlossen. 1920 wurde auch die Jahresfördermenge von 1 Million Tonnen überschritten, immerhin 1 Prozent der Gesamtförderung des Deutschen Reiches.

Die Braunkohle und der Rüstungsstandort Kassel

Die Wirtschaftskrise der 20er Jahre führte zu einer Schließung zahlreicher Zechen, darunter auch der Braunkohlegrube am Hohen Meissner. Im Rahmen des massiven Ausbaus der Kasseler Rüstungsindustrie im 3. Reich stieg die Fördermenge von 1932 bis 1939 um 75 Prozent, trotzdem wurde von den zuvor stillgelegten Gruben lediglich die Zeche Glimmerode bei Hessisch Lichtenau, vor allem für die Versorgung der Sprengstofffabrik Hirschhagen reaktiviert worden war.

Nach dem Krieg führte schließlich der durch die Flüchtlinge gewachsene Brennstoffbedarf  zur Wiedereröffnung mehrerer geschlossener Zechen, darunter auch die am Hohen Meissner und in Oberkaufungen. 1960 schließlich erreichte die nordhessische Braunkohleförderung mit 3,3 Millionen Tonnen ihren Höhepunkt. Es war gleichzeitig der Anfang vom Ende der 425 jährigen Epoche der nordhessischen Montanindustrie.

Das Ende der nordhessischen Braunkohleära

Die Braunkohleförderung, die in Nordhessen sowohl im Tage als auch im Untertagebau betrieben wurde, war durchaus anspruchsvoll. Technologisch- verfahrenstechnisch hatte das nordhessische Braunkohlerevier einige Entwicklungen getätigt, die ihm einen international guten Ruf verschafft hatte. Dennoch machten die speziellen geologischen Bedingungen des Reviers den nordhessischen Braunkohlebergbau immer unwirtschaftlicher, sodass 1991 Zeche und Kraftwerk in Borken stillgelegt wurde und 2003 mit der Zeche Marie am Hirschberg die letzte nordhessische Kohlegrube ihre Förderung einstellte. Das Vermächtnis der nordhessischen Kohlegruben ist Natur pur. Die Rekultivierung der Abbaugebiete hat zu zahlreichen Seen und Offenlandbereichen in der Region mit einer vielfältigen Flora und Fauna mit zum Teil seltenen und bedrohten Arten geführt.

 

Fotos Wolfgang Schwerdt. Von oben nach unten:

Lehr-und Wanderpfad, Station Laudenbach

Schautafel des Technisch-Historischen Lehr- und Wanderpfades Großalmerode zum Grubenfeld Steinberg.

Gefluteter Braunkohleabbau, der Kalbesee auf dem Hohen Meißner

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