Die Trassen der vergessenen Eisenbahnen

Zeugen osthessischer Industriegeschichte

NHREisen1.jpgStolz und nahezu unzerstörbar wirken die mächtigen Eisenbahnviadukte, denen man in der  osthessischen Region gelegentlich begegnet, weil sie eine Landstraße überbrücken. Tatsächlich aber finden sich die stabilen, manchmal wie trutzige Burgen anmutenden Bauwerke aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an zahlreichen Stellen.

Denn in jener Zeit wurde auch das Werra- Meissner- Land mit dem Massentransportmittel des Industriezeitalters, der Eisenbahn, erschlossen. Kohle, Ton, Chemie, die Hauptindustriezweige des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts in der Region benötigten zur Expansion moderne und leistungsfähige Transportkapazitäten.

Preußische Eisenbahn für Wirtschaft und Krieg

Die Bedürfnisse der Industrie allein hätten sicherlich nicht ausgereicht, um den für den Bau von Eisenbahnstrecken im hessischen Mittelgebirge notwendigen wirtschaftlichen und technischen Aufwand zu betreiben. Die Eisenbahntrassen, die schmale und weite Täler überwinden, sich durch Berge fressen und an Höhenzüge anschmiegen mussten, waren auch Teil der strategischen sogenannten „Kanonenbahn“ Preußens und des Deutschen Reiches. Und so findet der Wanderer, der sich bewusst auf die Spuren der vergessenen Eisenbahnen begibt, viele Viadukte, Tunnel, Unterführungen und Trassen die zum Teil noch bis in das letzte Jahrzehnt in Betrieb gewesen waren, heute aber überwuchert, vergessen, umgenutzt, teilweise nahezu unsichtbar die Landschaft durchziehen.

Abstecher in die Zeit der industriellen Revolution

Bahnhöfe und Bahnstationen fanden sich in Orten und Dörfern, denen man heute nie einen Bahnanschluss zugetraut hätte. Uengsterode, Laudenbach, Velmeden, seien hier nur als Beispiele genannt, Großalmerode, Witzenhausen, Eichenberg, früher wichtige Stationen des industriellen Eisenbahngüterverkehrs, heute gerade einmal Zwischenstationen des öffentlichen Personennahverkehrs. Es ist eine faszinierende Expedition in die Geschichte der industriellen Revolution, nicht nur in die Eisenbahngeschichte, verfolgt man die Spuren der vergessenen Bahnen durch das Werra- Meissner- Land. Beeindruckende Ingenieurleistungen, werden durch die imposanten Bauwerke dokumentiert, die die regionalen Industriestandorte wie beispielsweise Großalmerode, Hundelshausen, die Kohlezechen und die Steinbrüche miteinander verbunden haben. Und kaum jemand ahnt heute noch, dass Walburg bei Hessisch Lichtenau einer der wichtigsten Eisenbahnknotenpunkte der Region gewesen war, der Kreuzungspunkt von Lossetalbahn und Gelsterbahn. Die dort zurückgelassenen und vor sich hinrottenden Wagons und Locks legen ein beredtes Zeugnis aus dieser Zeit ab.

Spurensuche auf alten Trassen

Es gibt keine Publikumskarte, auf der all die faszinierenden Baudenkmale der Nordosthessischen Eisenbahngeschichte verzeichnet wären, die sich noch heute in der Landschaft verstecken. Sicher, die Eisenbahnviadukte, die über die hessischen Landstraßen führen, sind weithin sichtbar. Aber selbst die verbergen dem flüchtigen Betrachter so manches Geheimnis. Etwa den zugewachsenen Weg, der auf das Viadukt bei Uengsterode führt und dem Entschlossenen gestattet, auf der alten Trasse beispielsweise in Richtung Trubenhausen zu wandern. Und dann gibt es da noch die im Dickicht verborgenen architektonischen Kleinode wie z.B. die Tunnelköpfe in der Nähe von Eschwege und anderes mehr.

Erstaunlich viele der alten, stillgelegten Gleise ziehen sich noch immer mal mehr, mal weniger überwuchert durch die Landschaft und bieten die Möglichkeit kilometerlanger Wanderungen. Und wo die Gleise bereits abgebaut sind lädt oft noch die Trasse selbst ihre Entdecker ein, die Expedition in die Vergangenheit fortzusetzen. Eine ganz besondere Form der Erfahrung von Geschichte und Natur.

Fotos Wolfgang Schwerdt

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