Reichenbach, kleines Dorf mit großer Vergangenheit

Kulturgeschichtliche Höhepunkte auf dem Premiumweg Reichenbach 1

Burg, Kloster, Verwaltungszentrum des Deutschen Ordens, Knotenpunkt überregionaler Handelswege, waren die Merkmale des heute bedeutungslosen Ortes im Mittelalter. Reichenbach ist ein unscheinbares Dorf mit eindrucksvoller Vergangenheit. Um es gleich vorweg zu nehmen, Reichenbach hatte nie die Chance, eine größere Stadt zu werden. Trotzdem war die Siedlung, die vermutlich im Rahmen der intensiven Siedlungs- und Rodungstätigkeit unter fränkisch- adliger Führung ab dem 8. Jahrhundert entstanden war, im Früh- und Hochmittelalter sehr bedeutend. Die vermutlich 1050 erbaute Burg und die Höhensiedlung Reichenbach lagen beherrschend und strategisch günstig an einem ganzen Bündel, sich kreuzender regionaler und überregionaler Handelswege.

Die Herren von Reichenbach waren nicht Irgendwer. Immerhin waren die Grafen unter anderem Hochvögte von Fulda. Die Bedeutung der Burg wird deutlich, wenn man weiß, dass sie bis Ende des 15. Jahrhunderts über Kauf und Eroberungen, Zankapfel zwischen den Landgrafen von Thüringen und Hessen war und Teils auch dem Erzbischof von Mainz gehörte. Von hier aus leitete Landgraf Hermann seine kriegerischen Unternehmungen gegen Balthasar von Thüringen und Otto von Braunschweig. (Sternerkrieg 1372 – 1374). Erst 1490 verlor die Burg ihre Bedeutung, als der hier angesiedelte Amtssitz der hessischen Landgrafen in das vermutlich von Heinrich I von Hessen etwa 1260 gegründete und 1289 erstmals erwähnte, Lichtenau verlegt wurde.

Reichenbach und der Deutsche Orden

Mit der Kirche von Reichenbach hat sich der Nachwelt ein weiteres Zeugnis der Glanzzeit der kleinen Siedlung erhalten. Denn es handelt sich nicht um eine Dorfkirche, sondern die heute dreischiffige Basilika deren Vorgänger aus dem 9. bis 10. Jahrhundert stammen dürfte, wurde erstmals 1207 erwähnt, als die Grafen von Reichenbach die Kirche dem Deutschen Orden schenkten.

Vor der Schenkung war die Kirche unter anderem Teil eines von den Grafen gestifteten Klosters gewesen. Mit der Schenkung von Kirche und Land an den damals noch relativ unbedeutenden Deutschen Orden wurde Reichenbach eine der ersten bedeutenden Niederlassungen des Ordens im Deutschen Reich. Immerhin war die Ordensniederlassung Reichenbach um 1220 als Komturei Verwaltungsmittelpunkt des Ordensbesitzes im osthessischen Raum.

Meißner und Kaufunger Wald

Wer heute das vielleicht 300- Seelendorf, abseits der B7, in den waldreichen Bergen am Fuße des Meißner besucht, kann die einstige Bedeutung des Ortes bestenfalls am imposanten Turm der uralten Kirche erahnen. Wer sich dann aber auf die Spurensuche begibt, hat gute Chancen das ehemals geschäftige Treiben in der heute so beschaulich wirkenden Region vor dem geistigen Auge Wiedererstehen zu lassen.

Museum des Reichenbacher Burgvereins

Ausgangspunkt für die Spurensuche ist sicherlich das Museum im mehr als 300 Jahre alten Fachwerkhof, direkt an der ehemaligen Klosterkirche. Der Fachwerkhof ist die Residenz des 1966 gegründeten Reichenbacher Burgvereins. Im Museum erfährt man im Rahmen einer Dauerausstellung alles über die Geschichte, die Restaurationsbemühungen sowie über archäologische Untersuchungen der Burg in den 30er Jahren.

Die andere Dauerausstellung versucht anhand von Karten, Bildern und Artefakten, die Grabungsergebnisse der 70er Jahre an der Kloster- und Deutschordenskirche transparent zu machen.

Burg und Klosterkirche

Die Ausstellung zur Klosterkirche sollte aber eher als Ergänzung zu der spannenden Führung in der Klosterkirche gesehen werden. Die beinhaltet auch die Begehung des kleinen aber feinen archäologischen Parks, der die Fundamente der Vorgängerkirchen sichtbar macht.

Kaum 2 Kilometer vom reizvoll gelegenen Dorf Reichenbach entfernt, erhebt sich die alte Burg, erkennbar an den steilen Hängen des Burgbergs, an den überwachsenen Wallanlagen und natürlich am Turm. Der wurde durch den Burgverein sorgfältig restauriert und 2008 mit einem Dach versehen. Erst wenn man den Turm besteigt und den Blick bei schönem Wetter bis zum Herkules von Kassel schweifen lässt, erschließt sich dem Betrachter die strategische Bedeutung des Standortes.

Barbarossaweg, Franzosenstraße, Sälzerpfad, Premiumweg

Die historischen Wege, die sich hier kreuzen heißen Barbarossaweg, Franzosenstraße oder Sälzerpfad. Auf den Wanderungen in der Region des Meißner und Kaufunger Waldes befindet man sich fast immer auf irgendeinem regionalen oder überregionalen Handelsweg, der vermutlich bereits seit der Bronzezeit genutzt wurde und an der einen oder anderen Stelle möglicherweise sogar den Römern gedient hatte. Das lässt erahnen, was in der Gegend auch um Reichenbach noch alles zu entdecken ist, sei es touristisch, sei es archäologisch oder kulturgeschichtlich.

Der Premiumweg 10, der den Wanderer durch das Naturschutzgebiet Reichenbacher Kalkberge leitet, bietet einen schönen Wechsel von Wald mit Feld- und Wiesenlandschaften. Die halten viele Besonderheiten an Flora und Fauna bereit. Im Frühling verwandelt Bärlauch den Waldboden in ein aromatisch duftendes Blütenmeer. Auf einem Kilometer begleiten die Kunstwerke des ARS NA TURA den Pfad, der ebenfalls zu den hier vorgestellten kulturhistorischen Denkmalen des Ortes führt.

Ein Faltblatt mit der Karte des Wanderweges und weiteren Informationen kann hier als PDF heruntergeladen werden.

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