Die Odyssee, Rezension eines Pop-Up Buches

Eine der bekanntesten Abenteuergeschichten der Antike ist zweifellos die Odyssee, jene sagenhafte Reise des listenreichen Fürsten des griechischen Ithaka, Odysseus. Erstmals wurde die Geschichte der Irrfahrt von Homer erzählt später unzählige male übersetzt, sprachlich modernisiert und nacherzählt. Mit Sam Itas Pop-Up Buch ist 2011 eine ganz eigene Darstellung der legendären Fahrt auf dem Buchmarkt erschienen.

Bereits das Cover verrät: hier handelt es sich nicht um Ehrfurcht heischende „Hochliteratur“, sondern um einen Comic, etwas für junge Menschen und Junggebliebene. Beim Aufschlagen des Buches merkt der Leser sofort: Das ist auch nicht einfach ein Comic, sondern ein Buch, in dem auch die eigene Phantasie in allen Dimensionen auf Reisen gehen darf.

Es beginnt in Ithaka bei Penelope und den Freiern

Inhaltlich beginnt Sam Itas Odyssee bei Penelope. Des Odysseus Frau wird von den Freiern bedrängt, einen der Ihren zum Gemahl zu wählen. Immerhin, so das Argument, Odysseus ist zehn Jahre nach Ende des trojanischen Krieges immer noch nicht zurückgekehrt und das kleine Königreich braucht schließlich – so die landläufige Meinung jener Zeit – einen König. Bereits auf der ersten Doppelseite hat Ito die parallelen Handlungsstränge der Geschichte geschickt dargestellt. Da ist der Sänger, der an Penelopes Hofe über den trojanischen Krieg berichtet, die Reise von Penelopes Sohn Telemachos zu Menelaos, dem König von Sparte, der von Odysseus List mit dem trojanischen Pferd erzählt.

Opulente Szenarien aus Papier

Während der Betrachter über den aufklappbaren Webstuhl noch einmal einen Blick auf die wildgewordene und mordlüsterne Freiergemeinde an Penelopes Hof werfen kann und seine Finger forschend nach weiteren Türen zu „Geheiminformationen“ tasten, entpuppt sich der rechte Teil der ersten Doppelseite selbst als Doppelseite, deren Aufschlagen ein opulentes Szenario emporwachsen lässt. In der Mitte entfaltet sich das trojanische Pferd, während die Tempel Trojas im Hintergrund in Flammen aufgehen. Mission erledigt, Odysseus könnte also nach Ithaka zu seinem geliebten Penelope zurückkehren, wenn nicht die Götter wegen der Troja-Geschichte sauer auf ihn wären, und ihm ständig Steine in Form von Zyklopen, Zauberinnen, Sirenen oder diversen Ungeheuern in den Weg legen würden. Ein Höhepunkt ganz ohne Zweifel die Mittelseite, auf der sich das Schiff des Odysseus entfaltet und – auf der einen Seite bedrängt von Sirenen, zwischen Scylla und Charybdis hindurchsteuert. Dabei, kann der Betrachter sogar ein wenig mithelfen, denn wenn er die dafür vorgesehene Lasche zieht, dann werden auch noch die Ruder ausgefahren und eifrig hin und her bewegt.

Kein Kinderspielzeug sondern ein unterhaltsames Kunstwerk

Keine Frage, die Pop-Ups (also die Aufstellbilder) sind Papierkunst vom Feinsten, hochkomplizierte Klappmechansimen, die allerdings mit Sorgfalt zu behandeln und nicht immer ganz leichtgängig sind. Wenn er sich hier auf Entdeckungsreise begibt, erlebt der Betrachter so manche Überraschung und geradezu geniale Lösung. Etwa wenn sich der tapfere Odysseus unter dem Zauber Circes in ein Schwein verwandelt oder Zeus seine Blitze vom Himmel schleudert. Nicht alle Abenteuer haben in dem kunstvollen Buch Platz gefunden und am Schluss hat die Geschichte bekanntlich ein Happy-End. Trotz der entsprechenden grafischen Anmutung und der zum Teil recht saloppen Formulierungen ist Itos Odyssee allein wegen der notwendigerweise sorgfältigen Handhabung nicht unbedingt ein Buch für Kinder oder grobmotorische Jugendliche. Und ganz einfach erschließt sich die Geschichte für den ungeübten (und erst recht dem ungeduldigen) Leser ohne Vorkenntnis ebenfalls nicht. Aber beispielsweise für eine gemeinsame Reise durch die griechische Sagenwelt im Kreise der Familie ist Itos Pop-Up Kunst eine interessante Alternative zu DVD oder Play-Station.

Verlagsinformationen zu Künstler und Buch

Sam Ita ist Autor, Buchgestalter und Papierkünstler aus New York. Er studierte Grafikdesign und lernte danach bei Robert Sabuda, dem renommierten Kinderbuchillustrator und Pop-up-Buch-Gestalter. Seither ist er mit seinen eigenen unverwechselbaren Pop-up-Kreationen  weltbekannt geworden. Bei Knesebeck erschienen von ihm bereits die Pop-up-Bücher Moby Dick, 20.000 Meilen unter dem Meer und Frankenstein.

Sam Ita: Die Odyssee, Ein Pop-Up-Buch. Knesebeck 2011. Gebunden, 16 Seiten mit zahlreichen Aufklappelementen. Durchgehend farbig illustriert, € 29,95

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