Rezension: Erich Raspe, Gelehrter und Münchhausenautor

Es war der aufgedeckte Griff in die Münzsammlung des hessischen Landgrafen, der den Universalgelehrten Rudolf Erich Raspe 1775 zur überstürzten Flucht nach England veranlasst hatte. Mit diesem Fehlgriff war es nicht nur mit Raspes vielversprechender Karriere zu seinen Lebzeiten vorbei.

Bis heute findet man den rührigen Wissenschaftler, der seiner Zeit immerhin zu den Großen Europas gehört hatte, kaum irgendwo erwähnt. Mit dem Buch „Der Münchhausen-Autor Rudolf Erich Raspe“ hat sich die Herausgeberin Dr. Andrea Linnebach nun des totgeschwiegenen Gelehrten, der auch in Kassel nachhaltig gewirkt hatte, angenommen. Dabei wird deutlich, wie prägend Raspes Arbeiten auf die Wissenschafts- und Ideengeschichte der Kasseler Region gewirkt hatten.

Raspe und die Vulkanologie

Raspes Karriere hatte bereits 1760 im Alter von 25 Jahren begonnen. Er hatte gerade sein juristisches Examen an der Uni Göttingen absolviert, da fand er seine erste Anstellung als Sekretär an der Königlichen Bibliothek in Hannover. Bereits dort verschaffte er sich durch zahlreiche Publikationen über ganz unterschiedliche Sachgebiete einen Namen in der Gelehrtenwelt. In diese Zeit der 1760er Jahre gehörte Raspes Edition bislang unbekannter Leibnitz-Schriften, wie den „Nouveaux Essays“ aus dem unter Verschluss gehaltenen Nachlass des großen Philosophen und Universalgelehrten. Mit seinem geologischen Werk Specimen historiae naturalis globi terraquei begründete Raspe unter anderem die moderne Vulkanologie, in einer Zeit, als Vulkane noch als Tore zur Hölle galten. Und die literarische Seite Raspes wird unter anderem an seinen Übersetzungen der Ossian-Gedichte und der Percyschen Volkslieder aus dem Englischen ins Deutsche deutlich.

Raspe am Collegium Carolinum

Schon in seiner Zeit in Hannover hatte Raspe sehr ausgiebig mit Wissenschaftlern im In- und Ausland korrespondiert. Und die Namen, die in diesem Zusammenhang fallen, lesen sich wie ein who is who der damaligen Wissenschaftswelt. So war er nicht nur mit Georg Forster befreundet, sondern konnte auch Benjamin Franklin bei dessen Besuch in Deutschland beeindrucken. Als Raspe schließlich 1769 zum Mitglied der Royal Society in London berufen wurde, da stand er bereits seit zwei Jahren im Dienst des hessischen Landgrafen in Kassel. Als Professor für Altertumskunde am Collegium Carolinum, 2. Bibliothekar an der fürstlichen Bibliothek, Kustos an den landgräflichen Sammlungen mit dem Titel eines „Raths“, gehörte Raspe zu den am besten dotierten Kasseler Professoren seiner Zeit. Bis zu seiner Flucht nach England wo das anglophile Universalgenie wissenschaftlich und literarisch weiterhin wirkte, zeigte Raspe einen geradezu unbändigen Schaffensdrang, der sich nicht nur in Publikations- und Archivarbeiten erschöpfte. Raspe entwickelte für die landgräflichen Sammlungen ein innovatives Museumskonzept und legte den Grundstein zu einer modernen Kunst- und Kulturgeschichte. Er befasste sich mit der damals noch nicht etablierten Assyriologie oder natürlich mit der nordhessischen Geologie. Und ganz nebenbei war Raspe auch noch in diplomatischer Mission unterwegs.

Raspe und die Welt des Münchhausen

Mit dem Buch „Der Münchhausen-Autor Rudolf Erich Raspe“ erhält der Leser nicht nur einen Überblick über Raspes Schaffen, das die Autoren in ihren jeweiligen auf bestimmte Felder konzentrierten Essays beleuchten. Über Raspes Lebenswerk, das noch längst nicht abschließend erforscht ist, vermittelt sich auch ein Aspekt der Persönlichkeit des rastlosen Wissenschaftlers. Raspe war mit seinen wissenschaftlichen Ansätzen und Konzepten nicht nur seiner Zeit voraus, er war auch ein durch und durch politischer Mensch und Freidenker. Das drückt sich nicht nur in den Münchhausen-Geschichten, die Raspe inzwischen sicher zugeordnet werden können, aus. Denn die Abenteuer des Münchhausen sind nicht nur merkwürdige Lügenmärchen, sondern es handelt sich, wie Bernhard Wiebel in seinem Aufsatz darstellt, um vielschichtige politisch-gesellschaftskritische Weltliteratur, deren Zusammenhänge zu den weltpolitischen Ereignissen seiner Zeit durch die sehr informative Zeittafel am Anfang des Buches vermittelt werden.

Raspe zwischen Wissenschaft, Kunst und Abenteuer

Zehn Autoren haben sich im Buch über den Münchhausen-Autor mit Werk und Person des Rudolf Erich Raspe auseinandergesetzt, ein jeder aus einer sehr speziellen fachlichen Sicht. Dabei entfaltet sich vor dem geistigen Auge des Lesers auch ein spannendes Bild der internationalen Wissenschaftslandschaft des 18. Jahrhunderts, eines Aufbruchs aus an Bibel und Absolutismus gebundener Weltsicht in die naturwissenschaftlich orientierte Aufklärung. Vielseitig und spannend ist das Buch, allerdings nicht immer leicht zu lesen. Gelegentlich verlieren die Autoren in ihrer unzweifelhaften Sachkompetenz auch stilistisch den interessierten aber laienhaften Leser aus dem Auge. Trotzdem ist das Buch sehr empfehlenswert, wird hier doch das wissenschaftlich wegweisende Werk eines Menschen abgehandelt, dessen Andenken aufgrund seines Fehlgriffes aus dem öffentlichen und wissenschaftlichen Bewusstsein zumindest in Deutschland nahezu getilgt worden ist.

Andrea Linnebach (Hg.): Der Münchhausen-Autor Rudolf Erich Raspe. euregioverlag 2005. Hardcover, 163 Seiten.

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