62. Bad Hersfelder Festspiele – DER UNTERGANG DER TITANIC

Die letzte Premiere der 62. Bad Hersfelder Festspiele ist laut Autor Enzensberger die einer  Komödie. Man kann also mit Ironie und bitterbösem Humor rechnen.

100 Jahre sind seit dem Untergang des Luxusliners RMS Titanic vergangen. Das Schiff, das als absolut sicher galt, kollidierte 12 Tage nach Indienststellung und nach nur 4 Tagen auf See am Abend des 14. April 1912 (Sonntag) mit einem Eisberg im Nordatlantik. Sie sank zwei Stunden und 40 Minuten später.

Die Zahl der Toten ist bis heute nicht gesichert, aber wenigstens 1500 der rund 2200 Menschen an Bord kamen ums Leben – wegen der Unerfahrenheit der Besatzung, dem Mangel an Rettungsbooten und einer bespiellosen Verquickung anderer unglücklicher Umstände.

Bis heute fasziniert die Geschichte dieses Schiffes die Menschen – und auch Hans-Magnus Enzensberger hat sie lange nicht los gelassen. Er hat das Gedicht vom Untergang der Titanic 1969 auf Kuba begonnen und neun Jahre später in Berlin beendet. Es wurde als Metapher auf das Ende eines Fortschrittsglaubens gelesen, der sich weder im Kapitalismus noch im Sozialismus erfüllte.

Auf der Bühne in der Schilde-Halle in Bad Hersfeld treten sechs Darsteller auf, die in die Rollen von Menschen schlüpfen, deren Namen tatsächlich auf der Passagierliste des Ozeanriesen standen. Sie betrachten das Unglück und die damit verbundenen Schicksale aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und fragen nach Ursachen und Folgen und besonders nach der Hybris der Menschen, die immer wieder die Natur herausfordern.

Ismay, der Reeder glaubt bis zuletzt, dass dieses Schiff nicht sinken kann. Und als er beginnt, das Ausmaß der Katastrophe zu begreifen, meint er, dass jede Innovation auf eine Katastrophe zurück geht. Das nenne man Evolution.

Salzwasser auf dem Tennisplatz beschäftigt ihn zunächst mehr, als der Riss, den der Eisberg verursacht hat. Überhaupt der Eisberg: „Kann ich etwas Eis vom Eisberg für meinen Drink haben?“ ist eine der Fragen, die das Problem mit dem Eisberg aufwirft.

Zumindest für Passagiere in der ersten Klasse. Die anderen haben eine ganz andere Sicht:

„Wir sitzen alle in einem Boot, doch: Wer arm ist, geht schneller unter.“

In Enzensbergers Text wird der Untergang des Schiffes nicht nur aus verschiedenen Perspektiven, sondern auch aus unterschiedlichen Zeiten heraus beleuchtet. Auch der Schriftsteller selbst erscheint in der Bad Hersfelder Inszenierung. Enzi hat einen Platz seitlich vor der Bühne, den er von Zeit zu Zeit verlässt, um in das Geschehen einzugreifen.

„Morgen wird es besser sein, und wenn nicht morgen, dann übermorgen. Naja – vielleicht nicht besser, aber doch anders, vollkommen anders, auf jeden Fall. Alles wird anders sein.“ Was ist anders geworden seit dem Untergang der TITANIC? Die Inszenierung geht auch auf diese Frage ein – aber am Ende müssen wir, die Zuschauer sie beantworten. Oder wurde sie bereits beantwortet: mit der Havarie der Costa Concordia, mit jedem Flugzeugabsturz, mit jeder sozialen Ungerechtigkeit, … ?

Fotos : Iko Freese

 

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