Anna und Egon – Interview mit den Buchautoren

NHR im Gespräch mit Anna Janas und Egon dem Kater

Mit Tagebuch eines frustrierten Katers hat die Autorin Anna Janas die Niederschriften des edlen Waldkaters Egon transkribiert und als Buch veröffentlicht (Siehe die Rezension vom 13.07.2012).  Heute möchte Wolfgang Schwerdt im Rahmen eines Gesprächs mit Frau Janas und Kater Egon für die NHR ein wenig mehr über die Persönlichkeiten erfahren, die sich hinter dem kleinen aber feinen roten Büchlein mit dem vielversprechenden Titel verbergen.

NHR: Anna, Dein vollständiger Name Janaszkiewicz lässt bereits auf einen Migrationshintergrund schließen, Deine aktuelle Tätigkeit als freiberufliche Übersetzerin Deutsch/Polnisch, Polnisch/Deutsch verrät Deine Herkunft und Dein gekonnter Umgang mit der deutschen Sprache, nicht nur im Tagebuch eines frustrierten Katers, legt die Vermutung nahe, dass Du hart an Dir gearbeitet hast. Liegt das in der Familie?

Egon der Kater: Ich … äh, bitteschön, Anna.

Anna Janas: Ja, die Sache mit dem Nachnamen… Meinen Nachnamen habe ich bereits vor einigen Jahren in „Janas“ amtlich ändern lassen. Ich hatte keine Lust, von all den Leuten, die sich bei den Versuchen, ihn auszusprechen, die Zungen gebrochen haben, wegen Körperverletzung verklagt zu werden. J
Ob die harte Arbeit in der Familie liegt, weiß ich nicht so genau. Aber auf jeden Fall liegt es an der Familie, dass ich schon immer habe hart arbeiten müssen. Da mein Vater Berufspianist ist, bin auch ich mit ca. 5 Jahren von meinen Eltern dazu bestimmt worden, ein kleines musikalisches Genie zu sein und besuchte jahrelang eine polnische staatliche Musikschule – eine Art Anstalt für begabte Kinder, in dem fürs Kindsein keine Zeit mehr blieb. Ich habe das Arbeiten erst lernen müssen, denn ich hatte es nicht im Blut. Es gefiel mir anfangs nicht. Ich wollte mit anderen Kindern spielen, ich wollte lesen, ich wollte basteln und mit meinem Hund im Park herumtollen. Aber mit  5 war dann eben Schluss mit Lustig, ich  hatte ich im Grunde keine freie Minute für mich oder für Freunde. Wenn ich so zurückdenke: ich hatte nicht einmal Freunde. Das Klavier bestimmte mein Leben, der große schwarze Flügel meines Vaters, ein Blüthner, Baujahr 1910. Ein wahres Schmuckstück.  Es war eine Hassliebe, die allerdings vermutlich  – ähnlich wie bei meinem Vater – trotzdem zu meinem Beruf geworden wäre, wenn da nicht 1988  der Umzug nach Deutschland gewesen wäre. Mein Vater hat hier ein Engagement als Musiker am Kasseler Staatstheater bekommen.

Meine musikalische Karriere hat sich somit erledigt, weil es hier keine Musikschule mit adäquatem Militärregime gab. Es wurde stattdessen beschlossen, dass ich mein Geniedasein nun anderweitig fortsetzen soll: ich sollte die deutsche Sprache einwandfrei lernen und Übersetzerin werden. Doch selbst meine Lehrer haben damals gesagt, dass ich mit bereits 14 Jahren und ohne Vorkenntnisse keine Chance mehr habe, die Sprache halbwegs anständig zu lernen und dass mein Vokabular vermutlich nie mehr als 2000 Wörter umfassen wird. Mein damaliger Deutschlahrer war damals so nett, mir das zu sagen, das weiß ich noch. Aber gerade das war für mich der  Ansporn gewesen  und ich habe so lange gelernt, bis ich eines Tages akzentfrei sprechen konnte. Das war nach etwa 3 Jahren der Fall. Und über die Sache mit dem Wortschatz kann ich mittlerweile nur noch schmunzeln. Daher: danke, mein lieber Deutschlehrer.

Seit 2002 arbeite ich  nun erfolgreich als freiberufliche Übersetzerin, wobei ich nebenbei zwischendurch noch zwei andere Magisterabschlüsse schaffte – in Soziologie und in Kunstwissenschaft. Aktuell verspüre ich wieder den akuten Drang, die Schulbank zu drücken, aber vielleicht erzähle ich davon später.
Zusammenfassend kann man sagen: ja, ich arbeite hart, viel und mittlerweile auch gern, aber nur weil ich die Art meiner Arbeit mittlerweile selbst bestimme.

NHR: Die musikalische Zwangsgeniekarriere hat sich also erledigt, stattdessen also Anna, das Sprachgenie mit Magister in Soziologie und Kunstwissenschaft. Das alles passt auf den ersten Blick nur bedingt zu dem phantasievollen, lockeren und gelassen-humorigen Buch, das Du im Auftrag des Katers Egon niedergeschrieben hast. Wie ist es eigentlich dazu gekommen?

Schattenballett im Park
mit Anna Janas

Anna Janas: Ich denke, mit Genialität hat die ganze Sprachgeschichte weniger zu tun. Ich meine, seien wir ehrlich, es gibt Menschen, die vier oder fünf Sprachen auf Muttersprachlerniveau sprechen.  Dafür bin ich viel zu faul. Ich denke, das ganze Geheimnis meines Spracherfolges liegt nur daran, dass ich stur wie ein Esel bin und wenn mir jemand sagt, ich kann etwas nicht schaffen, dann bekomme ich sofort Lust, ihm und vor allem mir selbst das Gegenteil zu beweisen 😉 . Damals war es halt mein Deutschlehrer, der mir den entscheidenden Tritt in den Allerwertesten verpasst hat.
Dass dieser Perfektionszwang nur bedingt zu dem Egon-Buch passt, das ist mir klar. Aber ich denke, durch meinen Schreibstil hole ich endlich  – zumindest teilweise  – meine Kindheit nach. Als Kind bin ich zwar schon immer etwas verrückt gewesen, habe ständig verstohlen (z.B. nachts mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke) Geschichten gekritzelt, Sachen gebastelt, mich als Ballerina verkleidet und „Schwanensee“ nachgetanzt… aber das waren halt verbotene Aktivitäten, die mich von meiner Arbeit und meiner künstlerischen Entwicklung ablenkten.
Erst jetzt habe ich endlich die Zeit, all das offiziell zu machen. Ich schreibe Kurzgeschichten und kleine Bücher, wie eben das über Egon, ich bastle verschiedene Phantasiefiguren und lerne klassisches Ballett an der „Akademie des Tanzes“ in Kassel – einer Ballettschule, die auch Erwachsene kompetent unterrichtet, ohne sie zu belächeln. Ich nehme dort sogar Privatunterricht. Und: ja, es geht problemlos auch mit 37, ohne sich zur Lachnummer zu machen.
Wenn ich also gesagt habe, ich hole etwas nach, ist es nicht so, dass ich meiner Kindheit nachtrauere und krampfhaft versuche, ein Stück Kindheit zurück zu gewinnen. Es ist denke ich viel mehr so, dass ich erkannt habe, dass alles zur richtigen Zeit im Leben kommt. Die richtige Zeit für all das ist für mich anscheinend erst jetzt. Das ist vollkommen ok.
Die Welt durch die Augen eines Tieres zu sehen war eine meiner  frühesten Kindheitsmacken, die ich erst als Erwachsene richtig wahrnehmen konnte und umsetzen durfte.

NHR: Wo es Anna gerade anspricht: Egon, du bist ist ja kein Phantasieprodukt, dich gibt es ja real. Ich gehe davon aus, dass du aufgrund deiner außergewöhnlichen Persönlichkeit eine Inspiration für Anna bist. Ich darf also vermuten, dass auch du bereits einen interessanten Lebenslauf hinter dir hast. Kannst Du uns noch ein wenig mehr über Dich und Deine Vergangenheit verraten?

Egon der Kater im Gespräch mit der NHR

Egon der Kater: Nun, mein Werdegang verdankt sich meiner eigenen Kraft und eisernen Disziplin: vom einsamen, unglücklichen Stromer im Wald zum renommierten Autor, Kurator, Schauspieler und Denker. Ich danke dem Tierheim Wau-Mau-Insel in Kassel für Unterbringung, Beratung und Vermittlung. Ich danke Frau Anna Janas, meiner Lieblingstante, für die kompetente Niederschrift meines Tagebuchs und dafür, dass sie in Kooperation mit meiner Mama die Facebook-Seite „Egon der Kater“ nach meinen Wünschen betreut. Ich danke schließlich meiner Mama für Kost und Logis und meinem Mitkater Max dafür, dass er sich im Haushalt und der Sockenverräumung einbringt, sodass ich von Beutefang und anderen Verpflichtungen weitestgehend entbunden bin. Daraus erwachsen natürlich neue Freiräume, ohne die es mir nicht möglich wäre, zu sein, was ich bin.

Aber alles Übrige, und ich glauben, das kann ich bei aller Bescheidenheit von mir behaupten, habe ich mir selbst erarbeitet.

NHR: Wer Anna, Egon und Max beispielsweise auf Facebook beobachtet – immerhin hat dort jeder sein eigenes Profil -, darf sich immer wieder von originellen und kreativen Aktionen überraschen lassen. Man denke da nur an die EGONALIA2012. Aber du, Anna, hast ja wie du einmal sagtest, immer wieder schüchterne Abstecher in die Welt, die dich wirklich reizte: die Welt der Phantasie, der Kunst, der freien Gedanken, gemacht. Kannst du uns darüber ein wenig mehr verraten?

Anna Janas: Als Kind war ich sehr zurückhaltend, unsicher und davon überzeugt, dass der Weg, den die Erwachsenen für mich wählten, einfach der richtige sein muss. Weil es eben so ist, und es wird nicht diskutiert, Punkt. Und trotzdem, wie das halt so ist, man spürt instinktiv, da ist noch was anderes, irgendwo, was auf einen geduldig wartet, bis man bereit ist. Deshalb habe ich mir immer wieder kleine Expeditionen in diese Welt erlaubt. Einfach mal um sicher zu gehen, dass  es sie immer noch gibt, dass sie nicht plötzlich verschwindet, wenn die Uhr jene Stunde schlägt, in der ich zu einer Erwachsenen werde. Doch diese Welt ist nicht verschwunden. Sie war immer noch da und wartete geduldig mit all ihrer Pracht und ihrem Reichtum auf mich, bis ich soweit war, mich zu ihr zu bekennen.
Seit einigen Jahren tue ich es, indem ich kleine Sachen veröffentliche und  verschiedene verrückte Internetaktionen  mache, wie zuletzt die EGONALIA. Die Begeisterung, mit der diese Aktionen angenommen werden, ist für mich wieder ein Beweis dafür, dass mein aktueller Weg richtig ist.
Der Mut, mich endlich zu mir selbst zu bekennen führte auch dazu, dass ich beschlossen habe, wieder in die Schule zu gehen. Bzw. eine weitere Ausbildung zu machen. Denn die Arbeit als Übersetzerin ist zwar ok – aber nicht mehr als das. Ich bin in diesem Job an einem Punkt angekommen, an der ich mich nicht weiter entwickeln kann. Oder: nicht entwickeln möchte.  Ich bin mittlerweile in der Lage, den Menschen viel mehr von mir zu geben, als nur übersetzte Texte.  Überhaupt wünsche ich mir jetzt, mein Berufsleben als eine Art Baukasten zu gestalten: viele verschiedene Tätigkeiten, die einander ergänzen und mich erfüllen.

NHR: Soweit sich das von außen beurteilen lässt, kommt das Tagebuch eines frustrierten Katers bei den Lesern sehr gut an und wahrscheinlich drückt sich das auch in den Verkaufszahlen aus. Ist eigentlich schon etwas Neues geplant, etwa Tagebuch II, Mäxchens Weisheiten oder ein Katalog zur EGONALIA?

Anna Janas: Oh, ja, die Verkaufszahlen für das „Tagebuch…“  sind wirklich erstaunlich gut. Hätte nie gedacht, dass man mit einem Selbstverlag (BoD) so viel Erfolg haben kann.  Und da das erste Egon-Buch so erfolgreich war, ist natürlich so einiges geplant.  Ein zweites Egon-Buch mit dem Arbeitstitel „Egons Couchgeflüster“ und dann noch ein Kinderbuch mit modernen Märchen über Kassel, Märchen, die alle an bekannten und beliebten Schauplätzen meiner Wahlheimatstadt Kassel spielen. Das Märchenbuch ist im Grunde schon fertig, das „Couchgeflüster“ ist ein solider Entwurf. Das Problem ist nur, dass ein Selbstverlag nur eine halbe Lösung ist, ich empfinde es nicht als seriöse, professionelle Art, sein Buch an den Mann/Frau/Katze zu bringen, deshalb möchte ich nicht mehr auf diese Weise verlegen. Neulich hat mir jemand berichtet, dass er ein „Tagebuch…“ gekauft und ein totales Mangelexemplar erhalten hat. Mit einem richtigen Verlag wäre das nicht passiert.
Wenn also ein neues Buch, dann in einem „richtigen“ Verlag.  Mit dem Egon-Buch hatte ich kein Glück. Kein Verlag wollte es haben. Es hieß, Katzenbücher würden sich nicht gut verkaufen. Da kann ich heute nur sagen: ha, ha, ha! Aber damals war mir eher nach Weinen zumute – doch dann hat mir jemand über die Selbstverlage erzählt und ich konnte das Buch dort problemlos veröffentlichen. Ich halte es trotzdem nach wie vor für eine Notlösung.
Aber wer weiß, möglicherweise funktioniert das so einfach wie in Michaels Ende „Unendlichen Geschichte“:  vielleicht liest just in diesem Moment ein interessierter Verleger mit, der mich gleich begeistert anruft? Wie die kindliche Kaiserin hole ich ihn in meine Welt *lach* . . .

NHR: Dafür und auch für die anderen Aktivitäten wünsche ich dir viel Erfolg, schon allein aus Neugier, was da noch so alles aus deiner kreativen Quelle sprudeln mag. Wie geht denn ein norwegischer Waldkater mit dem Thema Kreativität und Erfolg um? Möchtest du noch etwas dazu sagen, Egon?

. . . auch Max praktiziert diese Technik mittlerweile . . .

Egon der Kater: Ja. Ich möchte noch etwas sagen.

Äh . . . (putzt sich erst einmal ausgiebig) . . . , also, seid ihr soweit?  . . . das Geheimnis meines Erfolgs liegt in der Ruhe. Auch wenn es oft nicht leicht ist – ich setze mich in keinster Weise unter Druck. Wenn ich keine Einfälle habe, dann schlafe ich. Auch Max praktiziert diese Technik mittlerweile. Manchmal muss man öfter schlafen, bis die Muse wieder kommt. Nur so geht es. Viele Menschen in unserer Gesellschaft wissen das nicht. Sie sind erschöpft und wollen dennoch gute Ideen, Leistungen und Lösungen von sich erzwingen und verzweifeln, wenn es nicht klappt. Auf genau diese Wunde lege ich meine Pfote: Das Neue, Gute und Richtige kommt einfach und alles, was man dafür tun muss, ist, sich zu öffnen. Und dafür braucht man Ruhe, immer wieder. Ich glaube, letztlich bin ich  auf diesem Planeten, um den Menschen diese Wahrheit zu bringen.

NHR: Liebe Anna, lieber Egon, ich danke euch für das aufschlussreiche Gespräch.

Copyright Fotos: Anna Janas und Egon der Kater

Ein Kommentar

  • Trixi Geng

    Danke – wunderschön geschrieben! Ich freue mich schon sehr auf „Egons Couchgeflüster“ und drücke alle Daumen und Pfoten der Kater, dass sich ein Verleger findet!Und natürlich bin ich auch auf das Märchenbuch sehr gespannt!
    Danke Anna und Egon für das aufschlußreiche Interview!

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