Expedition Grimm – eine ungewöhnliche Ausstellung

Mitmachlandschaft

Die Mitmachlandschaft zum Werk und Wirken der Grimms

Wenn vom 27. April bis zum 8. September 2013 die Besucher in die documenta-Halle Kassel strömen, um anlässlich des Grimm Jahres die Landesausstellung „Expedition Grimm“ zu besuchen, werden sie buchstäblich mit neuen Perspektiven zum Werk der berühmten Märchensammler konfrontiert.

Dabei beginnt alles ganz konventionell. Den ersten Ausstellungsbereich zieren die klassischen Vitrinen, mit rund 150 Exponaten, die Leben und Werk der Brüder Grimm in den politisch-gesellschaftlichen Zusammenhang ihrer Zeit stellen. Für viele Besucher wahrscheinlich erstaunlich: Märchen spielen dabei nur am Rande eine Rolle. Stattdessen ein Überblick über das Gesamtwerk der Begründer der Germanistik, angefangen beim Hildebrandlied, natürlich die Kinder- und Hausmärchen, über die Deutsche Grammatik, die Deutschen Rechtsalterthümer, Reinhard Fuchs bis zu Die Deutsche Mythologie und das Deutsche Wörterbuch, die durch ihre wertvollen Erstausgaben präsentiert werden.

Jacob Grimm ein bürgerlicher Revoluzzer?

EntlassungWilhelm

Entlassungsschreiben für den Bibliothekssekretär Wilhelm Grimm

Auch die Erstausgabe von Jacob Grimms Stellungnahme zu seiner Entlassung gehört zu den acht Hauptwerken. Hier zeigt sich die auch politische Dimension des grimmschen Wirkens. Als König Ernst August von Hannover 1837 die Verfassung aufhob, protestierten er und sechs weitere Göttinger Professoren gegen diesen Schritt und betonten, sich weiterhin der Verfassung und ihrem Gewissen verpflichtet zu fühlen. Die „Göttinger Sieben“ wurden daraufhin aus dem Staatsdienst entlassen und neben zwei weiteren Kollegen wurde Jacob Grimm des Landes verwiesen. Jacob gehörte übrigens auch zu den Vorbereitern und den Abgeordneten der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848, darf also durchaus zum weiten Kreis der bürgerlichen Revolutionäre und Aktivisten des Vormärz gezählt werden.

Das Grimm-Account bei Gesichtsbuch

Während der erste Ausstellungsbereich mit seinen historischen, wissenschaftlichen und politischen Dokumenten und Ausstellungsstücken aus dem Leben der vielseitigen Brüder, den Blick in die Geschichte wirft, ist der zweite Teil unter dem Titel „Werk und Wirkung“ in die Gegenwart und Zukunft gerichtet. So sind beispielsweise die Ereignisse um die Göttinger Sieben mit dem „Gesichtsbuch-Profil“ der Grimms in die heutige Zeit übertragen worden. Am Bildschirm kann der Besucher hier in der grimmschen Timeline stöbern und überrascht feststellen, dass soziale Netzwerke offensichtlich keine Erfindung des Internetzeitalters sind. Aufgearbeitet als News, Posts, Pins, „gefällt mir“ oder Kommentare haben die Ausstellungsmacher die damaligen Originalreaktionen und Korrespondenzen, ja den „shit-storm“ gegen den König von Hannover in die heutige social-network Technologie umgesetzt. Immerhin 356 Freunde, darunter so namhafte wie Carl Friedrich Gauß oder Friedrich Christoph Dahlmann, kann Jacob Grimm auf seinem Profil verzeichnen.

Lernen mit mächtigem Spaßfaktor

GesichtsbuchDass hinter Grimms Face- respektive Gesichtsbuch-Account mehr steckt, als eine wohlfeile plakativ-moderne Aufarbeitung vergangener Ereignisse erschließt sich dem „user“ schnell. Und auch die anderen sieben Stationen der Expedition durch die vielseitige Welt der Sprache, die uns die Grimms erschlossen haben, sind erheblich mehr als lediglich Darstellungen feststehender Forschungsergebnisse. Interaktiv sind die Stationen im spannendem, unterhaltsamem und durchaus auch anspruchsvollem Sinn, eine kreative Abenteuerreise durch die Welt der Wörter und Worte, der Sprache und dem, wozu sie letztendlich da ist: dem Gestalten und Begreifen aller Dimensionen unserer Welt. Und wem das zu abgehoben klingt: Die Ausstellung macht einfach Spaß und zwar der ganzen Familie.

Besucher als Teil der Cloud

InteraktiveWortwolkeUnd wenn  der Besucher die Ausstellung schließlich verlässt, dann hat er mit Sicherheit etwas gelernt, wahrscheinlich sogar ohne es  zu merken. Etwa wenn er sich in einer bundesrepublikanischen Amtsstube vereidigen lässt. Immerhin hat der Amtseid eine Tradition, die in die Zeit der Aufklärung zurückreicht, in den grimmschen „Rechtsalterthümern“ ausführlich beschrieben und mit den Vorschriften der heutigen Beamtenvereidigung auf unsere gesellschaftlichen Verhältnisse angepasst wurde. Oder in der Mitmachstation zum Deutschen Wörterbuch mit ihrer Wortwolke (Neudeutsch „Cloud“). Hier können die Besucher den mehr als 320.000 Einträgen in das Deutsche Wörterbuch, selbst Begriffe hinzufügen, die dann zeitglich zum Teil der an die Wand projizierten Wortwolke werden und anschaulich vermitteln, wie sich die Sprache ständig weiterentwickelt.

Was selbst Harry Potter nicht bieten kann – ein lebendiges Buch zum Anfassen

LebendesBuchNHREs sind immer wieder neue Perspektiven, durch die sich die Präsentation von scheinbar Bekanntem zieht. Ob das Hildebrandlied, die Kinder- und Hausmärchen oder die Deutsche Mythologie, alles bietet im Lichte der Gegenwart und ihrer kulturellen Quellen Überraschungen. Und als eines der Highlights des „Werk und Wirkung“ Teiles darf sicherlich das überdimensionale „Lebende Buch“ à la Harry Potter gesehen werden. Wer das aufschlägt, erlebt die Brüder Grimm beispielsweise bei der Arbeit an der Edition des Märchens „Hänsel und Gretel“ in Text, Film, Bild und Ton. Da kritzeln die Hände Jacobs die mit seinem Bruder besprochenen Änderungen nicht jugendfreier Passagen mit spitzer Feder in das Dokument oder es eröffnet sich das Familienalbum der Grimms. Jacob erinnert sich an den gemeinsamen Lebensweg mit seinem verstorbenen Bruder Wilhelm, während sich passend dazu die politische Landkarte ständig verändert. Ein lebendiges Buch eben, wie man es aus Harry Potter- oder anderen Verfilmungen kennt, nur zum Anfassen.

IT im Dienste der Kultur

GrimmWohnungDie Ausstellung glänzt durch einen wirklich gelungenen und kreativen Einsatz der neuen Medien und technologischen Möglichkeiten, bei der diese selbst erfreulicherweise nicht im Vordergrund stehen, sondern genau die Rolle spielen, die ihnen im Rahmen der Präsentation geisteswissenschaftlicher Inhalte zukommt sollte. Das gilt auch für die eindrucksvolle Leistungsschau zur Informationstechnologie, die vom Fraunhofer-Institut für Grafische Datenverarbeitung präsentiert wird. Das hat nämlich im Rahmen eines aufwändigen Projektes die Kasseler Wohnung der Grimms virtuell rekonstruiert. Im Kino-Saal der documenta-Halle  kann hier vollständig berührungslos jeweils ein Besucher allein durch seine Körperbewegungen den Kameraflug durch die extrem detaillierten Räume steuern, während die anderen Gäste das Stöbern beispielsweise im Arbeitszimmer oder in Lottes Stube auf der Leinwand mitverfolgen können.

Ein umfangreiches Begleitprogramm rundet das Ausstellungsprojekt ab, das sowohl jene Menschen begeistern kann, die sich Nächte um die Ohren schlagen, um eines der neuen und teuren Smartphones einschlägiger Hersteller zu ergattern, als auch jene, die Twitter für eine biologische Besonderheit halten.

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