Interview mit Cora Friedrichs, eine Kasseler Autorin, die meint, keine zu sein

Gespräche mit nordhessischen Kulturschaffenden

Vergessen Sie nicht, sich hin und wieder zu wälzen. Mit dieser Aufforderung enden die extrem spärlichen Angaben zur eigenen Person in Cora Friedrichs Der Sohn der Roten Wölfin (siehe Rezension vom 14.07.2012). Ein bisschen wenig für ein Buch, das durchaus aus dem Rahmen fällt. Und der Verdacht liegt nahe, dass das mit dem Rahmen auch für die, nennen wir sie der Einfachheit halber nun doch Autorin, gilt. Das ausführliche Gespräch, das Wolfgang Schwerdt – selbst Buchautor – für die NHR mit seiner Kollegin, der Verfasserin der fantastischen Erzählungen aus dem Nordhessischen Bergland und anderer Publikationen führt, soll dem Leser die literarische Mutter der nordhessischen Werwölfe ein wenig näher bringen.

Cora, warum musste Nordhessen eigentlich eine Parallelwelt bekommen?

Durch die zwei Literaturpreise, die ich dereinst gewann, geriet ich für Jahre in Kreise, die ich lieber nicht näher kennengelernt hätte. Ich fands abstoßend, wie dort gearbeitet wurde: Trocken, freudlos, voll kränklicher Freude am Hässlichen. Heute weiß ich, im Vordergrund muss immer Lesefreude stehen. – Egal, wie wichtig die zu vermittelnden Inhalte sind.

Wer weder fesselnd noch mitreißend schreibt, kann nicht auf zufriedene Leser hoffen. Die Menschen arbeiten hart, sie haben ihre Probleme. Wer also zum Buch greift, möchte andere Welten sehen. Und dabei unterhalten werden. Darum zeichne ich das, was ich zu sagen hab, in fantastischen Bildern. Wobei für mich dazugehört, dass man sich mit Hilfe gut dosierter Selbstironie von gängiger Fantastik distanziert.

Deine fantastische Welt der Nordhessischen Berge unterscheidet sich mehr als deutlich von der touristisch vermarkteten Grimm-Heimat mit stereotypischer Märchenwelt.

Neue Mythen für Nordhessen! Aber echt: Natürlich wollt ich vor allem eins, nämlich die tausendmal gehörten Dinger durch Brandneues ergänzen. Denn obwohl so Sachen wie der animierte Rapunzel-Film oft grandios sind, braucht doch keiner die 89. Version eines NullAchtFuffzehn-Märchens. Weder im Kino, noch auf dem Papier. Trotzdem sollen die Erzählungen auch eine Hommage an die Welt der Nordhessischen Märchen sein: Ich liebe meine Heimat, weil sie wunderschön ist. Freude am Schönen muss auch dann drin sein, wenn man sich naturgemäß von Elfengesäusel distanziert, nich wahr? Vermehrte “touristische Vermarktung” ist übrigens gut, sollen ruhig alle erfahren, dass die weltbekannten Märchen vor unserer Haustür entstanden sind. Und dafür klarerweise ihren kleinen Obulus hierlassen 🙂 …

– Diese “Hommage” ist aber weitergedacht: Meine Geschichte spielt heute, nicht in der Grimm-Zeit. Gute Gelegenheit, lebensecht zeitgemäß zu schreiben (und mit Lebensecht meine ich, dass ich beim Schreiben stets dem Hier und Jetzt auf die Schnauze schaue, und nicht nur so tue). – Wahrscheinlich kommts dir deswegen so vor, als wär der Unterschied zu den von den Grimms notierten Märchen so groß: Die, von denen die alten Märchen einst stammten, waren Kinder ihrer Zeit, und meine Leser und ich sind Kinder unserer Zeit.

Tatsächlich hat sich die Nordhessische Parallelwelt, in der vor hunderten von Jahren die Grimms Märchen stattfanden, und wo heutzutage meins stattfindet, bloß weiterentwickelt, genauso wie unser Teil des Universums ja auch. Sie ist mittlerweile eine Art Steampunk-Universum, also ohne Benzinmotoren, aber voll moderner Technik… Auf Einzelheiten davon gehe ich übrigens ganz bewusst kaum ein, das wär nicht nur aufdringlich modernisierend und un-märchenhaft, sondern vor allem zu flach. – Sowas kann nur Hayao Mijazaki :).

– Ich meine, diese Parallelwelt ist schließlich für ihre Bewohner völlig alltäglich, und das soll auch der Leser spüren: Wenn ein Dampfroller um die Ecke kommt oder einer eine Tollwutimpfung kriegt, ist das was ganz Banales.

Keine große Sache, ja? – Ähnlich halte ich´s übrigens auch mit einigen Vorteilen, die die Parallelwelt so hat; Rassismus oder religiöse Intoleranz etwa sind unbekannt, dies wird jedoch nicht herausgestellt, sondern mit Hilfe Nordhessisch maulfauler Beiläufigkeit als selbstverständlich dargestellt. Du siehst, das Lakonische hat da, wo ich lakonisch bin, durchaus seinen Sinn.

Böse Einhörner, die man verrollen muss, heimtückische Irrlichter und Werwölfe, wie man sie bisher aus keiner Fantasy kennt. Wo ist hier die Quelle deiner Phantasie?

Erst nochmal zu den “Stereotypen”, da kann ich dir nur mit Southpark sagen: `Stereotypen sind schlimm, ´käy?!´ – Dämliche Klischees kriegen also ungebremst ihr Fett weg – sowohl Figuren als auch für Kitsch-Fantasy typische Szenen. Allerdings achte ich drauf, dass ich das, was ich persifliere, nicht damit zerstöre; Fantasypersiflagen, die keinen Respekt vor der Freude am Fantastischen haben, hasse ich mindestens genauso. Na jedenfalls, darum das Fantasyuntypische…

Das Irrlicht hingegen ist mal ein echtes Fantasy-Horrorelement. – Es ist aber gleichzeitig eine Metapher: Liebe ist ein Monster. Oder so! – Deswegen ist es auch nicht heimtückisch, sondern eher wie eine schlimme Naturgewalt. Und dadurch hatte ich auch mal wieder beides: Ein spannendes Element, und zugleich das richtige Gewand für eine präzise Aussage. (Ähnlich wie das entsetzliche Ding im zweiten Teil der Geschichte, aber lassen wir das mit dem ´Rumspoilern, hier…!)

Ja, und Werwölfe … der einzige echte Unterschied zwischen der Grimm-Welt und “meiner” sind die Regeln und Gesetze, die ich erfunden hab. Die waren nötig, um den Wolf aus seiner bösen Rolle zu befreien. Eine Rolle, die er nie verdient hatte, und an der die Grimms leider in hohem Maße mitschuldig sind.

Übrigens mein wichtigstes Parallel-Ziel: Ich versuche, genau das gerade zu rücken. – Dass ich dafür Wölfe mythisieren und vermenschlichen musste, tut mir ja auch leid. Aber das Bild des Werwolfs gibt mir schließlich auch die Gelegenheit, die Story gehörig menscheln zu lassen. Ich meine, was stellt den typischen Durchschnittsnordhessen besser dar als ein knurriger, hinreißend süßpuscheliger Wolf?

Und, wo die Quelle meiner Fantasie ist? Mein Alltag. Nichts weiter. – Ich liebe die Nordhessen (- ja, Lieben; da ist es schon wieder, dieses schauderhafte Wort, das einer derart gefährlichen Sache eine so weichgespüle Bezeichnung gibt) – die geborenen und die eingebürgerten. Und lebe das auch. – Hoff ich.

Meistens, mein ich! Nee, mal im Ernst: Ich möchte den Leser befähigen, diese grandiosen Mistbiester genauso liebgewinnen zu können. Wenn man ihnen nämlich so als Nichtnordhesse allzu plötzlich persönlich begegnet, dann ist das nämmich meistens erstma nix, mit der Zuneigung…!

Aber eigentlich, so hast du geschrieben, bist du gar keine Autorin.

Gibt so viele, die auf handwerklich gut gemachte Literatur pfeifen, sich Künstler nennen, ihre Schwächen für Individualität halten, und dann nennen sie sich auch noch Autoren. Da verliert man durchaus den Drang, sich auch so zu bezeichnen.

Für mich ist Schreiben einer Dienstleistung nicht unähnlich: Das, was ich dem Leser gebe, soll qualitativ in Ordnung sein. Das heißt für mich zum Beispiel auch, dass ich mich an ein oder zwei kleine Erzählungen halte und keine Tausend-Seiten-Wälzer runterschreibe, bloß weils geil ist, Wort an Wort zu reihen, nee nee. Überflüssiges oder Störendes wird konsequent entfernt, da wird optimiert, geschnitten, geschoben, zusammengesetzt, und last but not least wird jeder einzelne Satz wochenlang geschliffen und poliert, bis der Rhythmus stimmt.

Erst dann gefällts mir auch selber. Da bin ich Perfektionist. Und dann flutschts auch beim Lesen, ohne dass es holpert im Lesefluss. Was sich dann oft so liest wie locker dahergeplaudert, ist das Ergebnis von wochenlangem Stylen, eben damit es wie lockeres Plausern klingt… (Ach, ich seh schon, wie sich wieder welche andauernd über die Anglizismen uffrejen.)

Bei Kunst ist vieles Geschmackssache, aber einiges lässt sich klar auf den Punkt bringen… Wer seine Leser mit schier endlos tiefen, in der strahlenden Sonne gelb funkelnden, märchenhaft flaschengrünen Waldsee-Adjektiven überfüttert, arbeitet auf dem Qualitätsniveau des Kochs, der die Suppe serviert, nachdem ihm der Salzstreuer reingefallen ist. Um nur ein Beispiel zu nennen. Oder, wer Bandwurmsätze à  la Thomas Mann abliefert, erfreut seine Leser ungefähr so sehr wie ein Wirt, der Tinte statt Bier verkauft, nur weil sie so schön blau ist.

Und tatsächlich kennt man dich in Kassel wohl vor allem aus deinem Tattoo-Studio. Welchen Teil deiner vielseitigen Persönlichkeit lebst du denn dort aus und muss man damit rechnen, dem einen oder anderen Werwolf auch dort zu begegnen?

Mit meinem Studio – wo ich natürlich davon absehe, mit Tinte zu arbeiten 🙂 – verdiene ich mein Geld, weil es mit der Anstellung als Lehrerin leider nicht geklappt hat. Das heißt, dort lebe ich keinen einzigen Teil von mir aus.

Der Vorteil ist, dass ich dadurch seit fast zwanzig Jahren in engem Kontakt mit dem realen Volk bin, mit dem viele Ex-Studierte ja sozusagen nie in Berührung kommen. – In manchen Stadtteilen nicht mal beim Einkaufen 🙂 . Ich bin sogar ein Teil davon; mein Leben hat mir keine Gelegenheit gelassen hat, mich in Intellektuellenelfenbeintürmen zu verkriechen. Und dadurch schreib ich, was ich erlebe und lebe, und nicht über Sachen, die ich vom Hörensagen oder aus anderleuts Büchern kenne.

Und ob du in meinem Studio Werwölfe findest?! Das ist die geilste Frage ever, echt. Aber horch ma. Die Werwölfe meiner Geschichte sind einfache Leute, einfach im schönsten Sinne des Wortes; ich bin froh, eine von ihnen zu sein, auch wenn der Preis dafür ist, nicht als Lehrerin arbeiten zu können. Es sind Arbeiter, Bauern, Handwerker, Leute, die sagen, was los ist, ihre Aufgaben ohne Murren erfüllen, dir keine Explosionszeichnungen machen, bevor sie Fragen beantworten, sich eben nicht einfach mal ein Burnoutsyndrom nehmen können, die sich ihren Schicksalen stellen müssen, ohne auf Schonung oder Vergünstigung hoffen zu dürfen … also: Mit Fug und Recht kann ich sagen, ja. Denen begegnest du hier.

Kaum hat man dich als Tattookünstlerin erkannt, stößt man in deinem Studio auf eine Vitrine mit Rosenlikör und Rosenmarmelade. Und sucht man im online-Buchhandel nach weiterer Fantastik von Cora Friedrichs, so springen einen nicht nur nordhessische Werwölfe, sondern auch Sachbücher über Rosen an. Sieht ganz nach echter Leidenschaft aus, diese Rosengeschichte.

Rosenspeisen kommen gut an, denn sie sind nicht nur was Besonderes, sondern schmecken auch. Und das Thema Duftrosen, die auch ohne Chemie gesund bleiben, bot sich ganz einfach an, zum dem Thema gab es noch kein Rosenbuch. Interessant finde ich dabei auch stachellose Rosen, da gibt es so viele, wissen viele gar nicht. Googelt das mal, bevor ihr drauflospflanzt. Aber Leidenschaft, liebe Zeit; ich mag halt Düfte, ansonsten baue ich Gemüse an, sammele Stauden, Historische Obstsorten wie Körler Edelapfel und Gute Graue Butterbirne, Dufttaglilien, Alte Rosen und Fetthennen… Aber da die meisten meiner Freunde männlich sind, habe ich gelernt, lieber nicht drüber zu reden. Grünzeug, halt…! Da quatsch ich lieber ma deine Frau mit voll, ok?

Natürlich packe ich die eine oder andere Pflanze in die Erzählungen ein, ok. Mit Tolkien etwa, der das als Englischer Gärtner ja auch getan hat, befinde ich mich damit ja auch in bester Gesellschaft. – Der Bauer zum Beispiel verkriecht sich ja als Running Gag immer in Wolfsgestalt im Essigrosenstrauch, wenn was mit ihm ist … schönes Bild, nicht?

Wie sehen eigentlich deine Zukunftspläne aus. Wird es neue Bücher von dir geben, oder werden die Rosen und ihre Produkte zum Mittelpunkt deines Lebens werden oder gibt es da noch ganz andere Sachen, mit dem du dein Publikum zu überraschen beabsichtigst?

Publikum? Überraschen? Was? Oh, Mann… Wie die Werwölfe will ich nit überraschen, sondern nur überleben, wenn´s irgendwie möglich ist, und unsere Aufgaben erfüllen. Unsereins plant nicht für die Zukunft. Unsereins hofft.

Und, Rosen? Was?! Mittelpunkt? Grünzeug als Lebensmittelpunkt, das wär schon ein bisschen gruselich. Jaa, weiß nicht; vielleicht sowas wie bis ins hohe Alter Motorradfahren und Rumgärtnern können.

Was das Schreiben angeht, ich werde vor allem weiter an den leserfreundlichen Aufbau denken.

Ich meine: Das Geheimnis der Kasseler Berge kommt mir heuer etwas zu manieristisch vor. Beim Sohn der Roten Wölfin hab ich deswegen den Aufbau einer klassischen Aventurie gewählt, das heißt: X kommt nach A und erlebt A, X kommt nach B und erlebt B, X kommt nach C und erlebt C… und so weiter. Nur direkt vor Fengurs Aufbruch musste ich eine Sequenz nutzen, um den Background des Bauern zu beleuchten, dessen Vater ein in die Parallelwelt geflüchteter Jude war, und später dann wird da, wo es nötig ist, zurückgeguckt ins Dorf. Weil der Leser ja wissen muss, wie sich die Dinge dort entwickeln, bevor am Ende alles zusammenläuft – na jedenfalls, schön übersichtlich. Kein Geschisse. – Und so sollten auch nächste Erzählungen sein.

Aber vielleicht fällt mir auch nie wieder was ein, wer weiß. Wär mir aber auch recht. Mein bester Freund hat gesagt, und das werd ich nie vergessen, weil´s grad um was Wichtiges ging, Schreiben ist nicht wichtig, wichtig ist nur das Leben. Also: Ich hoffe für meine Zukunft, dass ich weiterhin gut für meine Leute bin und umgekehrt, das ist alles.

Cora, ich danke dir für das Gespräch

Fotos Cora Friedrichs

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