Vier Tage im Herzen Europas: Die Nordhessen Rundschau im Europäischen Parlament in Straßburg

Vier Tage im Herzen Europas: Die Nordhessen Rundschau im Europäischen Parlament in Straßburg

Europa ist ein politischer Raum, dessen Entscheidungen unseren Alltag in weit größerem Maße prägen, als es im täglichen Bewusstsein häufig wahrgenommen wird. Brüssel und Straßburg sind zu Chiffren europäischer Politik geworden, zu Orten, die man aus Nachrichtensendungen kennt und die dennoch eigentümlich weit entfernt erscheinen. Wie diese Politik tatsächlich entsteht, wie parlamentarische Debatten geführt werden, wie unterschiedliche nationale Interessen miteinander ausgehandelt werden und wie Menschen aus 27 Mitgliedstaaten und mit 24 Amtssprachen miteinander kommunizieren können, erschließt sich jedoch erst vollständig, wenn man das Europäische Parlament selbst erlebt.

Die Nordhessen Rundschau schickte deshalb ihre langjährige Reporterin Yasmin Schwarze nach Straßburg. Auf Einladung des DJV Hessen begleitete sie vom 14. bis 17. September 2026 eine außergewöhnlich ereignisreiche Plenarwoche des Europäischen Parlaments. Vier Tage lang öffnete sich ein politischer Kosmos, in dem Gesetzgebung und Diplomatie, internationale Beziehungen und parlamentarische Detailarbeit, Medienöffentlichkeit und Protokoll ineinandergreifen.

Es waren Tage von ungewöhnlicher politischer Dichte. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, hielt ihre Rede zur Lage der Union. Kanadas Premierminister Mark Carney war zu Gast in Straßburg, nahm an dieser Debatte teil und sprach am folgenden Tag selbst vor dem Europäischen Parlament. Parlamentspräsidentin Roberta Metsola empfing ihn zu politischen Gesprächen und repräsentierte das Parlament während dieses hochrangigen Besuchs.

Doch die Bedeutung dieser Tage erschloss sich keineswegs allein durch die prominenten Namen. Mindestens ebenso beeindruckend war der Blick hinter die Kulissen einer Institution, die täglich etwas leisten muss, das in seiner politischen, organisatorischen und sprachlichen Komplexität außergewöhnlich ist.

Dem Europäischen Parlament gehören in der gegenwärtigen Legislaturperiode 720 Abgeordnete aus 27 Mitgliedstaaten an. Die Abgeordneten organisieren sich im Parlament überwiegend nach ihrer politischen Orientierung und nicht nach ihrer Staatsangehörigkeit. Das Parlament wirkt gemeinsam mit dem Rat an der europäischen Gesetzgebung mit, verfügt über Haushaltsrechte und übt politische Kontrollfunktionen aus.

Was in Straßburg und Brüssel beraten und beschlossen wird, bleibt deshalb keineswegs abstrakt. Verbraucherrechte, Energie, Landwirtschaft, Datenschutz, Verkehr, künstliche Intelligenz, Klimapolitik, Handel, Migration, Medien, Bildung und wirtschaftliche Rahmenbedingungen sind nur einige jener Bereiche, in denen europäische Entscheidungen bis in den Alltag der Bürgerinnen und Bürger hineinreichen.

Und doch beginnt das eigentliche Verständnis dieses Parlaments vielleicht nicht bei Verträgen, Zuständigkeiten oder Abstimmungsverfahren, sondern bei einer seiner faszinierendsten alltäglichen Leistungen.

Wer auf der Pressetribüne im Plenarsaal sitzt, die Kopfhörer aufsetzt und einer Debatte folgt, erlebt ein Europa, das buchstäblich hörbar wird. Eine Abgeordnete spricht vielleicht Finnisch, der nächste Redner Spanisch, danach folgen Polnisch, Französisch, Deutsch, Maltesisch oder Griechisch. Unterschiedliche Sprachräume, politische Kulturen und historische Erfahrungen treffen innerhalb weniger Minuten aufeinander, ohne dass von den Abgeordneten verlangt wird, ihre politische Argumentation in einer gemeinsamen europäischen Einheitssprache vorzutragen.

Das Europäische Parlament arbeitet mit 24 Amtssprachen. Jede dieser Sprachen kann in 23 andere übertragen werden. Rechnerisch ergeben sich daraus 552 mögliche Sprachkombinationen. Um diese enorme sprachliche Vielfalt zu bewältigen, arbeitet das Parlament mit einem hoch entwickelten System der Simultanverdolmetschung. Nicht jede Sprache muss dabei unmittelbar in jede andere übertragen werden. Teilweise kommen sogenannte Relaissprachen zum Einsatz. Eine Rede kann zunächst beispielsweise ins Deutsche, Englische oder Französische verdolmetscht werden und diese Fassung wiederum als Grundlage für weitere Verdolmetschungen dienen.

Was zunächst wie eine technische Dienstleistung erscheinen mag, erweist sich bei genauerem Hinsehen als intellektuelle Höchstleistung. Dolmetscherinnen und Dolmetscher müssen politische Zusammenhänge, Fachterminologie, Redewendungen, rhetorische Feinheiten und unterschiedliche Sprechgeschwindigkeiten innerhalb weniger Sekunden erfassen. Während der Redner seinen nächsten Gedanken bereits formuliert, muss der vorausgegangene nicht nur sprachlich korrekt, sondern möglichst präzise in seiner Bedeutung in einer anderen Sprache wiedergegeben werden.

Für uns gehörte diese Simultanverdolmetschung zu den faszinierendsten Erfahrungen der Reise. Denn die Mehrsprachigkeit des Europäischen Parlaments ist weit mehr als eine organisatorische Notwendigkeit. Sie ist Ausdruck eines demokratischen Prinzips. Politische Gleichberechtigung soll nicht davon abhängen, ob jemand eine der großen europäischen Verkehrssprachen beherrscht.

Sprache wird damit zu einer Voraussetzung politischer Teilhabe. Vielleicht lässt sich die europäische Idee selten so unmittelbar beobachten wie hier: Menschen aus 27 Staaten müssen nicht dieselbe Sprache sprechen, um miteinander Politik machen zu können. Sie müssen aber in der Lage sein, einander zu verstehen.

Für Yasmin Schwarze begann die journalistische Arbeit am Montag, dem 14. September, mit Akkreditierung und Sicherheitskontrolle am Europäischen Parlament. Anschließend folgte ein Medienbriefing zu den Themen der Plenarwoche. Die Pressereferenten Philipp Bauer und Thilo Kunzemann erläuterten die Arbeitsweise des Europäischen Parlaments und insbesondere die Informations und Recherchemöglichkeiten für Journalistinnen und Journalisten.

Was später in einer Nachrichtensendung vielleicht auf wenige Minuten verdichtet erscheint, ist in Wirklichkeit das Ergebnis eines hochkomplexen Zusammenspiels. Abgeordnete und ihre Mitarbeiter, Pressesprecher, Dolmetscher, Protokollmitarbeiter, Sicherheitskräfte, Techniker, internationale Delegationen, Kamerateams und Journalisten bewegen sich gleichzeitig durch das Louise Weiss Gebäude. Für Medienvertreter stehen Arbeitsplätze, Pressekonferenzräume, audiovisuelle Einrichtungen und die Pressetribüne zur Verfügung.

Eine besondere Bedeutung kam bei dieser Reise dem DJV Hessen zu. Ohne seine Organisation und Einladung wären diese intensiven journalistischen Einblicke für uns in dieser Form nicht möglich gewesen. Der DJV öffnete Türen, schuf Kontakte und ermöglichte seinen teilnehmenden Journalistinnen und Journalisten einen unmittelbaren Zugang zur europäischen Politik und zur Medienarbeit des Parlaments.

Auf Seiten des DJV Hessen wurde die Reise von Michael Schwab, Vorsitzender des Fachausschusses Europa und Internationales, begleitet. Ansprechpartner des Europäischen Parlaments war Pressereferent Thilo Kunzemann. Gerade diese journalistische Begleitung ermöglichte etwas, das bei einem gewöhnlichen Besuch kaum möglich wäre: nicht nur ein politisches Gebäude zu besichtigen, sondern seine Arbeitsabläufe, Kommunikationsstrukturen und Entscheidungsprozesse kennenzulernen.

Bereits der Dienstag führte mitten hinein in eine der grundlegenden Fragen moderner Demokratien: Wie können offene Gesellschaften ihre Offenheit bewahren und sich zugleich gegen Desinformation und gezielte Einflussnahme schützen? Auf dem Programm standen unter anderem die Arbeit des Sonderausschusses zum Europäischen Schutzschild für die Demokratie, ein Einblick in die Infrastruktur für Radio und Fernsehen sowie politische Hintergrundgespräche. Auch der Mehrjährige Finanzrahmen der Europäischen Union war Gegenstand eines Pressebriefings.

Weitere Gespräche beschäftigten sich mit Verteidigung und Sicherheit, ausländischer Einflussnahme, digitaler Souveränität, Wettbewerbsfähigkeit, Energiewende und Klimawandel. Innerhalb kurzer Zeit wurde deutlich, wie umfassend sich das Aufgabenprofil europäischer Politik entwickelt hat. Die Europäische Union beschäftigt sich längst nicht mehr allein mit Binnenmarkt, Landwirtschaft und Handel. Ihre politische Agenda reicht von Fragen der Verteidigung bis zur künstlichen Intelligenz, von Desinformation bis zur Energieversorgung und von der Sicherung kritischer Rohstoffe bis zur Frage, wie demokratische Gesellschaften ihre politische und technologische Handlungsfähigkeit bewahren können.

Zu den persönlichen journalistischen Begegnungen der Reise gehörte für Yasmin Schwarze das Interview mit der deutschen Europaabgeordneten Nela Riehl. Sie gehört Volt Deutschland an, sitzt für die Fraktion der Grünen und Freien Europäischen Allianz im Parlament und steht dem Ausschuss für Kultur und Bildung vor. Gerade dieser Ausschuss zeigt beispielhaft, wie unmittelbar europäische Politik in gesellschaftliche Bereiche hineinreicht. Bildung, Jugend, Kultur, Sport und audiovisuelle Medien gehören zu seinem politischen Arbeitsfeld.

Für eine regionale Redaktion ist ein solches Gespräch von besonderem Interesse. Europäische Politik erschöpft sich nicht in Gipfeltreffen und Begegnungen von Regierungschefs. Ein erheblicher Teil ihrer tatsächlichen Arbeit geschieht in Ausschüssen, Berichterstattungen, Änderungsanträgen und politischen Verhandlungen, die außerhalb der großen Fernsehbilder stattfinden. Unser Gespräch mit Nela Riehl eröffnete deshalb einen anderen Blick auf Europa: den Blick auf die parlamentarische Arbeit hinter den Schlagzeilen.

Eine ganz andere Atmosphäre entwickelte sich bei einem abendlichen Medienempfang im Churchill Gebäude. Dort begegneten sich Journalisten, Mitarbeiter des Parlaments und politische Vertreter außerhalb des strengen Rhythmus von Plenardebatten und Pressekonferenzen.

Auch Ursula von der Leyen war anwesend. Wir erlebten, wie sie sich unter die Gäste mischte und sich angeregt mit ihnen unterhielt. Für Journalisten, die hochrangige politische Persönlichkeiten ansonsten vor allem von Pressekonferenzen, Fernsehbildern oder aus dem Plenarsaal kennen, verändert eine solche Situation für einen Moment die Perspektive. Die institutionelle Distanz wird kleiner.

Von der Leyen erlebten wir an diesem Abend im persönlichen Austausch als offen und zugewandt. Gerade solche Begegnungen gehören zu den besonderen Erfahrungen einer Pressereise. Sie zeigen, dass Politik nicht ausschließlich aus vorbereiteten Reden und offiziellen Stellungnahmen besteht. Hinter den Ämtern stehen Menschen und politische Kommunikation findet auch dort statt, wo kein Rednerpult zwischen Politik und Öffentlichkeit steht.

Am Mittwochmorgen verdichtete sich die politische Atmosphäre noch einmal. Kanadas Premierminister Mark Carney wurde von Parlamentspräsidentin Roberta Metsola und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen empfangen. Wenig später nahm er im Plenarsaal an der Debatte zur Lage der Europäischen Union teil. Metsola eröffnete die Debatte und übergab anschließend das Wort an Ursula von der Leyen.

Die Rede zur Lage der Union ist mehr als eine politische Bestandsaufnahme. Die Präsidentin der Europäischen Kommission legt darin politische Prioritäten dar und stellt diese der Debatte im unmittelbar gewählten Europäischen Parlament. Im Mittelpunkt stand 2026 insbesondere die Frage, wie Europa seine Handlungsfähigkeit in einer sich wandelnden Welt stärken kann. Wettbewerbsfähigkeit, die Verringerung strategischer Abhängigkeiten, Verteidigung, globale Partnerschaften sowie der Schutz von Demokratie und Bürgerinnen und Bürgern gehörten zu den zentralen Themen.

Dass Kanadas Premierminister an diesem Morgen im Plenarsaal saß, verlieh der Debatte eine zusätzliche internationale Dimension. Europa diskutierte nicht nur darüber, wie es seine eigene Handlungsfähigkeit stärken kann, sondern zugleich darüber, mit welchen demokratischen Partnern es seine Zukunft enger verbinden möchte.

In diesen Tagen rückte auch Roberta Metsola immer wieder in den Mittelpunkt. Als Präsidentin des Europäischen Parlaments repräsentiert sie eine Institution, in der politische Positionen, gesellschaftliche Vorstellungen und nationale Erfahrungen teilweise weit auseinanderliegen. Während des Besuchs von Mark Carney ließ sich diese repräsentative und diplomatische Funktion unmittelbar beobachten.

Am Donnerstag, dem 17. September, trat Mark Carney schließlich selbst an das Rednerpult des Europäischen Parlaments. Seine Rede war auch deshalb bemerkenswert, weil sie das Verhältnis zwischen Kanada und Europa nicht auf wirtschaftliche Interessen reduzierte.

Carney begann mit Geschichte.

Er sprach über den Ettersberg bei Weimar, über Goethe und schließlich über Buchenwald. Damit verband er einen Ort europäischer Kulturgeschichte mit einem der dunkelsten Kapitel des 20. Jahrhunderts. Von dort entwickelte er seine Gedanken über Demokratie, Freiheit und die Widerstandsfähigkeit demokratischer Gesellschaften in einer geopolitisch veränderten Welt.

Gerade dieser Einstieg verlieh der Rede eine ungewöhnliche historische und politische Dimension. Nicht Handelszahlen oder wirtschaftliche Interessen standen am Beginn, sondern Geschichte und die Frage, welche Verantwortung demokratische Gesellschaften aus ihr ableiten.

Für uns war jedoch nicht nur die Rede selbst von Interesse. Nach Carneys Ansprache verfolgten wir selbstverständlich auch die anschließende Pressekonferenz mit Roberta Metsola. Damit schien der öffentlichkeitswirksame Teil dieses hochrangigen politischen Besuchs zunächst seinen Abschluss gefunden zu haben.

Doch für die Nordhessen Rundschau sollte wenig später noch einer der persönlichsten und zugleich eindrucksvollsten Momente der gesamten Reise folgen.

Nach der Rede im Parlament und der anschließenden Pressekonferenz bereitete sich die kanadische Delegation auf ihre Abreise vor. Das Geschehen verlagerte sich aus dem Plenarsaal und den Räumen der politischen Gespräche in den Eingangsbereich des Louise Weiss Gebäudes. Die Reden waren gehalten, die Fragen der Presse beantwortet und die offiziellen Gespräche geführt. Nun konnten wir aus unmittelbarer Nähe miterleben, wie ein solcher hochrangiger internationaler Besuch tatsächlich zu Ende geht.

Wir hatten das Glück, einen der wenigen Plätze bei der offiziellen Verabschiedung des kanadischen Premierministers Mark Carney zu bekommen und seine Abreise unmittelbar mit der Kamera dokumentieren zu können.

Auf dem roten Teppich im Eingangsbereich des Louise Weiss Gebäudes liefen die letzten Abläufe zusammen. Mitglieder der Delegation, Mitarbeiter des Protokolls und Sicherheitskräfte begleiteten die Verabschiedung, während vor dem Gebäude die Fahrzeuge bereitstanden.

Für die Nordhessen Rundschau war dies ein besonderer journalistischer Moment. Nach mehreren Tagen, in denen wir europäische Politik in Reden, Debatten, Hintergrundgesprächen und Pressekonferenzen erlebt hatten, befanden wir uns plötzlich unmittelbar dort, wo dieser internationale Besuch seinen Abschluss fand. Aus der großen politischen Bühne wurden für einige Minuten persönliche Begegnungen, letzte Gespräche und Abschiede.

Und gerade hier blieb uns Roberta Metsola besonders in Erinnerung.

Die Präsidentin des Europäischen Parlaments begleitete die offizielle Verabschiedung der kanadischen Delegation. Aus unmittelbarer Nähe erlebten wir sie dabei als ausgesprochen freundlich, offen und charismatisch. Und dann entstand einer jener Augenblicke, die sich nicht planen lassen: Roberta Metsola blickte direkt in die Kamera unserer Reporterin Yasmin Schwarze und lächelte.

Darüber haben wir uns natürlich sehr gefreut.

Es war nur ein kurzer Moment und doch sind es gerade solche Augenblicke, die nach einer intensiven journalistischen Reise im Gedächtnis bleiben. Für einen Moment sieht man nicht nur die Institution und das Amt, sondern auch den Menschen dahinter.

Für uns war dieser Abschluss zugleich beispielhaft für die Offenheit, die wir während unserer Tage im Europäischen Parlament erleben durften. Journalistische Arbeit besteht nicht allein aus Pressemitteilungen, Tagesordnungen und vorbereiteten Stellungnahmen. Sie lebt vom Beobachten, vom Nachfragen und davon, politische Abläufe aus unmittelbarer Nähe verfolgen zu können, ohne die notwendige journalistische Distanz aufzugeben.

Es war faszinierend mitzuerleben, welches präzise Zusammenspiel erforderlich ist, um einen internationalen Besuch dieser Größenordnung zu organisieren. Politik, Protokoll, Pressearbeit und Sicherheit greifen ineinander. Ein Regierungschef wird empfangen, führt Gespräche, nimmt an parlamentarischen Debatten teil, hält eine Rede, beantwortet die Fragen der Presse und wird schließlich offiziell verabschiedet. Für die Öffentlichkeit erscheinen diese Stationen später häufig als voneinander getrennte Bilder. Vor Ort erlebt man sie als zusammenhängenden Ablauf.

Gerade darin lag für uns ein besonderer Wert dieser Reise. Das Europäische Parlament ermöglichte uns nicht nur, politische Debatten aus nächster Nähe zu verfolgen. Wir erhielten zugleich Einblicke in jene Mechanismen, die politische Öffentlichkeit überhaupt erst möglich machen. Für eine regionale Redaktion wie die Nordhessen Rundschau bedeutete diese Offenheit, Eindrücke nach Nordhessen vermitteln zu können, die weit über die Bilder einer gewöhnlichen Pressekonferenz hinausreichen.

Nach vier Tagen in Straßburg blieb deshalb nicht nur umfangreiches journalistisches Material zurück. Es blieb vor allem ein veränderter Blick auf Europa.

Aus der Entfernung erscheint die Europäische Union häufig wie ein schwer durchschaubares Geflecht aus Institutionen, Verordnungen und Abkürzungen. Vor Ort wird sichtbar, dass sich hinter diesem Geflecht ein permanenter politischer Aushandlungsprozess verbirgt.

720 Abgeordnete aus 27 Staaten, 24 Amtssprachen, unterschiedliche politische Überzeugungen, historische Erfahrungen und nationale Perspektiven. Und dennoch muss am Ende entschieden werden.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche intellektuelle Herausforderung des europäischen Projekts: Einheit bedeutet hier nicht Gleichheit.

Europa funktioniert nicht dadurch, dass Unterschiede verschwinden. Es kann nur funktionieren, wenn unterschiedliche Gesellschaften Verfahren schaffen, mit denen ihre Differenzen politisch ausgehandelt werden können.

Selbst die Simultanverdolmetschung erhält aus dieser Perspektive eine tiefere Bedeutung. Die 24 Amtssprachen des Parlaments sind keine organisatorische Unbequemlichkeit, die überwunden werden muss. Sie sind Ausdruck dessen, was Europa ist.

Ein polnischer Abgeordneter muss nicht zum Franzosen werden, ein Finne nicht zum Spanier und eine Deutsche nicht zur Italienerin, damit sie gemeinsam europäische Politik gestalten können. Sie dürfen ihre Sprache, ihre politische Tradition und ihre nationale Perspektive behalten.

Das Parlament muss dafür sorgen, dass sie einander trotzdem verstehen.

Vielleicht ist das eine der schönsten Metaphern, die man aus Straßburg mit nach Hause nehmen kann.

Auch Journalismus hat letztlich eine ähnliche Aufgabe. Er muss politische Sprache in verständliche Zusammenhänge übersetzen. Er muss erklären, was hinter institutionellen Begriffen steckt. Er muss beobachten, nachfragen und einordnen, ohne den Bürgerinnen und Bürgern ihre eigene politische Bewertung abzunehmen.

Für eine regionale Redaktion stellt sich dabei zwangsläufig die Frage: Was hat all das mit Kassel, Nordhessen und dem Alltag unserer Leserinnen und Leser zu tun?Sehr viel.

Wenn Europa über Energie, Verbraucherschutz, künstliche Intelligenz, Bildung, Austauschprogramme, Medien, Klimaschutz, Handel oder wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit entscheidet, endet die Wirkung dieser Entscheidungen nicht an den Türen des Europäischen Parlaments.

Sie erreicht Unternehmen, Schulen, Kommunen und Familien auch in Nordhessen.

Genau deshalb lohnt es sich, hinzusehen.

Für die Nordhessen Rundschau waren diese vier Tage im Europäischen Parlament weit mehr als eine gewöhnliche Pressereise. Wir konnten Plenardebatten verfolgen, politische Hintergrundgespräche führen, die europäische Medieninfrastruktur kennenlernen und mit Abgeordneten sprechen. Yasmin Schwarze interviewte Nela Riehl und Michael Schwab und erlebte gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen des DJV Hessen eine Plenarwoche, in der einige der großen Fragen europäischer Politik unmittelbar aufeinandertrafen.

Wir hörten Ursula von der Leyens Rede zur Lage der Union von der Pressetribüne aus. Wir erlebten Mark Carneys Ansprache vor dem Europäischen Parlament und verfolgten die anschließende Pressekonferenz. Und schließlich hatten wir das Glück, auch seine offizielle Verabschiedung und Abreise mit der Kamera dokumentieren zu können.

Besonders in Erinnerung bleiben dabei nicht nur die großen politischen Ereignisse, sondern auch die menschlichen Begegnungen: Ursula von der Leyen im angeregten Gespräch mit den Gästen des Medienempfangs. Roberta Metsola bei der Verabschiedung der kanadischen Delegation, von uns als freundlich, offen und charismatisch erlebt, und schließlich ihr Lächeln direkt in unsere Kamera. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Europäischen Parlaments, die journalistische Arbeit ermöglichten und unterstützten.

Politische Institutionen leben nicht nur von Verträgen und Geschäftsordnungen. Sie leben auch davon, Öffentlichkeit zuzulassen.

Und Demokratie wiederum lebt davon, dass jemand hinsieht.

Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle noch einmal dem DJV Hessen. Erst durch die Organisation und Einladung des DJV wurde diese Pressereise für uns in dieser Form möglich. Der Verband ermöglichte seinen Mitgliedern einen außergewöhnlich unmittelbaren Zugang zu europäischer Politik, zu politischen Gesprächspartnern und zu den Arbeitsstrukturen des Europäischen Parlaments. Solche Reisen zeigen eindrucksvoll, welchen Wert ein journalistischer Berufsverband für die konkrete Arbeit seiner Mitglieder haben kann. Er schafft Begegnungen, ermöglicht fachlichen Austausch und öffnet Zugänge, die im redaktionellen Alltag nicht selbstverständlich sind.

Unser Dank gilt insbesondere Michael Schwab und Thilo Kunzemann sowie allen Beteiligten, die diese Tage vorbereitet, organisiert und begleitet haben. Ebenso bedanken wir uns bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Europäischen Parlaments, die uns während unseres Aufenthalts unterstützt und unsere journalistische Arbeit ermöglicht haben.

Zu einer solchen Reise gehört jedoch nicht nur die Arbeit. Nach langen und intensiven Tagen im Parlament blieb am Abend auch ein wenig Zeit, Straßburg selbst kennenzulernen. Unser Aufenthalt im Hotel Beaucour mitten in der historischen Altstadt bot dafür einen besonders schönen Ausgangspunkt.

Wenn nach einem langen Tag im Europäischen Parlament die Akkreditierung abgelegt, Kamera und Notizblock für einige Stunden zur Seite gelegt waren, zeigte Straßburg noch einmal ein ganz anderes Gesicht. Die historische Altstadt mit ihren Gassen, Plätzen, Fachwerkhäusern und Kirchen entwickelt gerade am Abend, wenn Straßen und Gebäude beleuchtet sind, eine besondere Atmosphäre. Über allem erhebt sich das imposante Straßburger Münster, das die Silhouette der Stadt seit Jahrhunderten prägt.

Der Kontrast hätte kaum größer sein können: tagsüber die politische Gegenwart Europas mit Plenardebatten, Pressekonferenzen und internationalen Delegationen, am Abend eine Stadt, in deren Architektur und Geschichte sich Jahrhunderte europäischer Kultur spiegeln.

Gerade diese Verbindung macht Straßburg so besonders. Die Stadt ist nicht nur einer der politischen Orte Europas, sondern zugleich eine Stadt mit außergewöhnlicher Geschichte, Architektur und Atmosphäre. Wer durch die abendlich beleuchtete Altstadt geht, versteht schnell, weshalb Straßburg weit mehr verdient als einen kurzen Blick zwischen zwei politischen Terminen.

Auch unser angenehmer Aufenthalt im Hotel Beaucour trug dazu bei, dass wir uns in Straßburg sehr wohlgefühlt haben. Nach den langen Arbeitstagen war es schön, mitten in der Altstadt anzukommen und den Abend in dieser besonderen Umgebung ausklingen lassen zu können.

So wurde aus der Pressereise nicht nur eine intensive journalistische Erfahrung, sondern zugleich die Begegnung mit einer Stadt, die uns nachhaltig beeindruckt hat. Straßburg ist politisch, kulturell und architektonisch eine außergewöhnliche europäische Stadt und aus unserer Sicht immer einen Besuch und auch eine eigene Reise wert.

Es waren vier intensive, ereignisreiche und in vielerlei Hinsicht bewegende Tage im Herzen europäischer Politik. Wir haben beobachtet, interviewt, gefilmt und hinter die Kulissen einer der wichtigsten politischen Institutionen Europas geblickt. Wir haben Menschen erlebt, die man sonst meist nur aus den Nachrichten kennt, und politische Abläufe kennengelernt, die von außen kaum sichtbar sind.

Und wir haben viel aus Straßburg mit nach Nordhessen gebracht.

Weiterführende Informationen finden Sie unter: Europäisches Parlament.

Und nun wünschen wir Ihnen viel Vergnügen mit unserem Videobeitrag aus dem Europäischen Parlament in Straßburg.

Foto & Video: © Yasmin Schwarze & Marjan Strucl | Nordhessen Rundschau

Yasmin Schwarze

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