Eine Nacht, in der Kassel leuchtete: Kunst, Klang und kulturelle Begegnungen bei der Museumsnacht 2026

Eine Nacht, in der Kassel leuchtete: Kunst, Klang und kulturelle Begegnungen bei der Museumsnacht 2026

14.550 Besucherinnen und Besucher, 51 Kulturorte und rund 200 Programmpunkte machten die 21. Kasseler Museumsnacht zu einem eindrucksvollen Bekenntnis zur kulturellen Vielfalt der Stadt. Zwischen internationaler Gegenwartskunst, gesellschaftlicher Utopie, Wissenschaft, Klangexperimenten und Lichtkunst wurde das diesjährige Motto „Verbinden“ auf ganz unterschiedliche Weise erfahrbar.

Als sich am Samstagabend Tausende Menschen durch Kassel bewegten, von Museen in Galerien wechselten, freie Kulturorte entdeckten und sich auf Kunst, Klang, Wissenschaft und Begegnung einließen, wurde schnell deutlich, welche besondere Dynamik diese Museumsnacht entwickelte. Mit 14.550 Besucherinnen und Besuchern, 51 beteiligten Museen, Galerien und Kulturorten sowie rund 200 Programmpunkten wurde die 21. Kasseler Museumsnacht zu einem der großen kulturellen Ereignisse dieses Spätsommers.

Das diesjährige Motto „Verbinden“ hätte dabei kaum passender gewählt sein können, denn Kunst verband an diesem Abend Generationen, Milieus, Wissenschaft und Gesellschaft. Große internationale Positionen trafen auf freie Kasseler Kunstorte, etablierte Häuser auf experimentelle Formate und stille Betrachtung auf unmittelbare Beteiligung.

Offiziell eröffnet wurde die 21. Kasseler Museumsnacht vor dem Hauptbahnhof durch Oberbürgermeister Dr. Sven Schoeller. In seiner Ansprache hob er insbesondere den verbindenden Charakter des Abends hervor und stellte die Bedeutung von Museen und Kulturorten als Räume der Begegnung und des gesellschaftlichen Austauschs heraus. Musikalisch begleitet wurde die Eröffnung vom Stadtorchester Kunnan Pojat aus Kassels finnischer Partnerstadt Rovaniemi.

Bei 51 teilnehmenden Orten war es selbstverständlich unmöglich, alle Stationen an einem einzigen Abend zu besuchen. Deshalb haben wir einige sehr unterschiedliche Höhepunkte ausgewählt, die in ihrer Gesamtheit eindrucksvoll zeigten, wie weit der Begriff von Kunst und Kultur in Kassel reicht und wie selbstverständlich sich klassische Ausstellungsformen, freie Kunstszene, gesellschaftliche Fragestellungen, Wissenschaft und experimentelle Installationen miteinander verbinden lassen.

Unsere persönliche Museumsnacht begann bereits einen Tag früher.

Am Freitagabend waren wir bei der Eröffnung der Ausstellung „… Die Sehnsucht stirbt zuletzt …“ des international renommierten Schweizer Künstlers Urs Lüthi im Kunsttempel. Die Ausstellung wird gemeinsam mit der Galerie Coucou präsentiert und umfasst Arbeiten aus mehreren Jahrzehnten seines Schaffens.

Urs Lüthi gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Schweizer Gegenwartskunst und ist eng mit Kassel verbunden. Er nahm 1977 an der documenta 6 teil, vertrat 2001 die Schweiz auf der Biennale in Venedig und lehrte zwanzig Jahre an der Kunsthochschule Kassel. 2009 wurde er mit dem Arnold Bode Preis der Stadt Kassel ausgezeichnet.

Sein Werk beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Identität, Selbstbild, Körperlichkeit, Vergänglichkeit, Zweifel und Sehnsucht. Dabei geht es nie allein um das sichtbare Abbild eines Menschen, sondern immer auch um die Frage, wie sehr Wahrnehmung von Distanz, Perspektive und Medium abhängig ist.

Besonders eindrucksvoll waren für uns Arbeiten, die zunächst beinahe abstrakt erschienen. Aus unmittelbarer Nähe wirkten sie wie gemalte Pixel, Raster und Farbfelder. Erst durch die Kamera des Smartphones verwandelte sich das vermeintlich abstrakte Gefüge plötzlich in erkennbare Porträts.

Dieser Moment war weit mehr als ein visueller Effekt, denn er führte unmittelbar zu einer der zentralen Fragen von Lüthis Kunst. Was sehen wir tatsächlich, was glauben wir zu sehen und wie verändert sich ein Bild, sobald ein anderes Medium zwischen uns und die Wirklichkeit tritt?

Zur Ausstellungseröffnung waren zahlreiche Persönlichkeiten der Kasseler Kunst und Kulturszene gekommen. Dort trafen wir auch Helmut Plate, Jan Hendrik Neumann und Ignaz Wilka, die sich seit Jahrzehnten auf unterschiedliche Weise für die kulturelle Entwicklung Kassels engagieren und zu jenen Persönlichkeiten gehören, die Kunst nicht nur rezipieren, sondern kulturelle Räume mitgestalten, Diskurse ermöglichen und kontinuierlich dazu beitragen, dass künstlerische Arbeit in der Stadt sichtbar bleibt.

Aus diesem Zusammentreffen entstand spontan die Idee, mit ihnen ausführlicher darüber zu sprechen, welche Bedeutung ein langfristiges persönliches und gesellschaftliches Engagement für die kulturelle Identität einer Stadt besitzt.

Bereits am Morgen der Museumsnacht haben wir diese Idee umgesetzt und Helmut Plate, Jan Hendrik Neumann und Ignaz Wilka in der Kasseler Markthalle zu einem gemeinsamen Interview getroffen.

Im Mittelpunkt stand dabei nicht allein ihr persönlicher Bezug zur Kunst, sondern vielmehr die Frage, wie kulturelles Leben über Jahrzehnte hinweg getragen, begleitet und weiterentwickelt wird, welche Verantwortung engagierte Persönlichkeiten dabei übernehmen und warum eine lebendige Kulturlandschaft immer Menschen braucht, die bereit sind, ihre Zeit, Aufmerksamkeit, Erfahrung und Stimme zu geben. Das Interview ist morgen ebenfalls auf der Nordhessen Rundschau zu sehen.

Nur wenige Schritte vom Kunsttempel entfernt begegnete uns während der Museumsnacht eine vollkommen andere Form von Kunst.

In der Werkstatt Kassel lud der Künstler Michael Lampe mit seinem „Manifest der utopischen Forderungen“ dazu ein, Kunst nicht nur zu betrachten, sondern aktiv weiterzuführen.

Ausgangspunkt des Projektes war die erste Kasseler Armutskonferenz. Lampe beschäftigt sich mit der Frage, was geschieht, wenn Gesellschaften aufhören, groß zu denken und Forderungen nur noch danach beurteilen, ob sie unmittelbar realisierbar erscheinen.

Seitdem sammelt er Wünsche, Visionen und gesellschaftliche Utopien von Kasseler Bürgerinnen und Bürgern. Während der Museumsnacht konnten Besucherinnen und Besucher das Manifest selbst ergänzen, wodurch aus einem Kunstwerk ein fortlaufender gesellschaftlicher Prozess wurde.

Gerade im Zusammenhang mit dem Motto „Verbinden“ entwickelte diese Arbeit eine besondere Kraft, weil Menschen, die einander nicht kannten, ihre Gedanken nebeneinander hinterließen und damit Wünsche, Hoffnungen und gesellschaftliche Vorstellungen sichtbar machten. Kunst wurde hier zum Raum öffentlicher Verständigung und zur Einladung, Zukunft nicht nur zu erwarten, sondern gedanklich mitzugestalten.

Von gesellschaftlichen Zukunftsentwürfen führte unser Weg weiter zu einem Ort, der sich auf ganz andere Weise mit Zukunft beschäftigt.

Im Future Space in der Wilhelmsstraße wurde die Museumsnacht zur „Nacht der Experimente“. Wissenschaft wurde dort nicht aus der Distanz erklärt, sondern unmittelbar erlebbar gemacht.

Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik begegneten kreativen Prozessen, während Besucherinnen und Besucher selbst ausprobieren, entdecken und Zusammenhänge erfahren konnten. Damit zeigte der Future Space exemplarisch, dass sich Kunst und Wissenschaft keineswegs gegenüberstehen, sondern beide aus Neugier, Vorstellungskraft und dem Wunsch entstehen, unsere Welt besser zu verstehen.

Einen vollkommen anderen Erfahrungsraum fanden wir anschließend in der Karlskirche.

Dort präsentierte die niederländische Designgruppe Fillip Studios aus Arnhem die Installation „HEAR HERE“, die für uns zu den eindrucksvollsten Stationen der gesamten Museumsnacht gehörte.

Schon nach wenigen Augenblicken wurde deutlich, dass hier keine Kunst gezeigt wurde, die lediglich betrachtet werden sollte, denn die Werke reagierten unmittelbar auf die Menschen.

Bei „ECHO“ antworteten orgelpfeifenähnliche Klangkörper auf menschliche Stimmen. Wer sprach oder sang, erzeugte Töne und Melodien, sodass jeder Laut den akustischen Raum veränderte und jede Stimme ein anderes Ergebnis hervorbrachte.

Bei „RESONANCE“ wurden Geräusche in sichtbare Bewegung übersetzt. Wasserbecken begannen zu schwingen und zu vibrieren, wodurch Schall plötzlich nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar wurde.

Bei „LINEA FRANCA“ verwandelte eine geschwungene Metalllinie Berührung in Klang und machte damit erneut deutlich, dass diese Kunst erst durch die Beteiligung der Besucherinnen und Besucher vollständig wurde.

Gerade in der Karlskirche entfalteten diese Arbeiten eine besondere Wirkung, denn Kirchenräume sind seit Jahrhunderten Orte von Stimme, Musik, Resonanz und Stille. Fillip Studios übertrugen diese Erfahrung in eine zeitgenössische Form und schufen eine Atmosphäre, in der die Grenze zwischen Kunstwerk und Publikum zunehmend verschwand.

Ein weiterer Weg führte uns zu Zaki Al Maboren, einem Künstler, der seit fast vier Jahrzehnten zur Kasseler Kunstlandschaft gehört.

Der 1959 im Sudan geborene Künstler lebt und arbeitet seit 1987 in Kassel. Sein künstlerisches Spektrum reicht von Malerei und Zeichnung über Druck und Fotografie bis zu Installation, Performance und Collage.

In seinen Arbeiten begegnen sich unterschiedliche kulturelle Erfahrungen, wobei Einflüsse seiner sudanesischen und nubischen Herkunft mit seinem jahrzehntelangen Leben und Arbeiten in Deutschland verbunden werden.

Zaki Al Maboren ist zugleich seit vielen Jahren als Kunstvermittler tätig. Auch während der Museumsnacht führte er im Fridericianum durch Kerstin Brätschs Installation „MIMIKRY“. Gerade darin liegt eine besondere Qualität seiner Arbeit, denn Kunst wird bei ihm nicht ausschließlich produziert, sondern zugleich vermittelt, erklärt und in Beziehung zum Publikum gesetzt.

 

Und schließlich führte an diesem Abend kaum ein Weg am Friedrichsplatz vorbei.

Dort wurde das Fridericianum selbst zum Kunstwerk.

Der britische Künstler Matt Copson hatte eigens für die Kasseler Museumsnacht die Arbeit „Flowers“ geschaffen. Acht farbige Laserzeichnungen verwandelten die Fassade des Fridericianums in eine monumentale Projektionsfläche.

Blumen erschienen im Licht, veränderten sich, verschwanden und gingen in abstrakte Formen über. Die historische Architektur des Gebäudes wurde für einige Stunden zu einer bewegten Lichtlandschaft.

Begleitet wurde die Projektion von einem Ambient Sound des britisch polnischen Künstlers felicita.

Gerade der Kontrast zwischen der historischen Architektur des Fridericianums und der zeitgenössischen Lichttechnik verlieh der Installation ihre besondere Wirkung. Eines der ältesten öffentlichen Museumsgebäude Europas wurde für einige Stunden in eine bewegte, fast immaterielle Erscheinung verwandelt, in der Geschichte und Gegenwart, Architektur und digitale Kunst unmittelbar aufeinandertrafen.

Vielleicht war gerade dieses Bild besonders geeignet, um den Charakter der Museumsnacht zusammenzufassen.

Denn Kassel zeigte an diesem Abend eindrucksvoll, dass Kultur dann besonders lebendig wird, wenn sie Grenzen öffnet und unterschiedliche künstlerische, gesellschaftliche und wissenschaftliche Perspektiven miteinander verbindet.

Zwischen Urs Lüthis jahrzehntelanger Auseinandersetzung mit Identität und Sehnsucht, Michael Lampes gesellschaftlichen Utopien, den Experimenten im Future Space, den reagierenden Klang und Wasserwelten der Karlskirche, dem kontinuierlichen kulturellen Engagement von Helmut Plate, Jan Hendrik Neumann und Ignaz Wilka, der Kunst Zaki Al Maborens und Matt Copsons leuchtenden Blumen auf dem Fridericianum lagen künstlerisch Welten, die an diesem Abend dennoch zu einem gemeinsamen kulturellen Erlebnis zusammenfanden.

14.550 Menschen machten sich durch Kassel auf den Weg, besuchten bekannte Museen, entdeckten kleinere Galerien und freie Kulturorte, experimentierten, hörten Musik, begegneten Kunstschaffenden und ließen sich auf Formen von Kunst ein, die ihnen vielleicht zuvor noch fremd gewesen waren.

Genau darin liegt die besondere Qualität der Kasseler Museumsnacht, denn sie bringt Kunst aus der Distanz hinein in die Stadtgesellschaft und schafft Begegnungen zwischen Menschen, Werken und Ideen. Sie macht neugierig auf bislang Unbekanntes und erinnert zugleich daran, dass kulturelles Leben niemals allein aus Institutionen besteht, sondern von Menschen getragen wird, die Kunst schaffen, ermöglichen, vermitteln, fördern und über Jahrzehnte hinweg dafür sorgen, dass sie Bestandteil einer lebendigen Stadtgesellschaft bleibt.

Die Kasseler Museumsnacht 2026 war deshalb weit mehr als ein hervorragend besuchtes Kulturereignis. Sie zeigte, wie vielfältig, offen und verbindend Kunst sein kann, und wurde damit zu einem eindrucksvollen Erfolg für die Kasseler Kulturland.

Fotos © NHR und Mia Reinhold

Yasmin Schwarze

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner