Ein Tag der deutschen Einheit

Ein Witz wie der über die Geisterfahrer. „Einer? Hunderte!“

Heute ist der 17. Juni, aber inzwischen muss man „ehemaliger Tag der deutschen Einheit“ schreiben. Denn dieser Feiertag wurde 1990 vom 17. Juni auf den 3. Oktober verlegt. Dennoch kommen mir die 100 Tage documenta nun zum zweiten mal so vor, als seien dies „100 Tage der deutschen Einheit“, vielleicht sogar „100 Tage der Welt-Einheit“. Kaum eine Großveranstaltung, in der so viel Volk in der Stadt unterwegs ist und auf der es dennoch so friedlich zugeht.

Es mag sonst Stress zwischen Spaziergängern und rasenden Radfahrern in der Aue geben, jetzt ist es dort friedlich und rücksichtsvoll. Nur die Gänse zetern gelegentlich, wenn Passanten ihnen zu nahe kommen. Dennoch sind auch sie zahlreich auf dem Festland vertreten, gleichsam als ob sie die besondere Gelegenheit wahrnehmen wollten, so viele Besucher in ihrem Freiluftmuseum betrachten zu können. Die Kunstwerke interessieren dabei eher am Rande.

Die documenta ist eine Kunstausstellung, doch sie ist zugleich auch Chance und Herausforderung für Nordhessen, für die Nordhessen. 100 Tage lang dürfen wir Sturköppe uns weltmännisch geben, dürfen unsere mehr oder weniger guten Englischkenntnisse hervorkramen und stolz sein, wenn die ausländischen Besucher wohlwollend lächelnd so tun, als ob sie unser hessisches Gebabbel verstehen würden.

Oder es lästert ein Besucher bei Kunstwerk Nr. 83 — Unkultiviert: „tjo, so ’ne Baustelle hab ich auch zu Hause“. Ich grinse ihn an und antworte mit Bedauern, „aber die ist nicht Kunst“. Unkultiviert mag der Name des Kunstwerkes sein, aber der Nordhesse ist alles andere als das. So wird es nicht verwundern, wenn ich meine These immer wieder bestätigt sehe: Die Besucher sind die wahren Kunstwerke auf der documenta. (Sf)

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