Wilhelm Tell lebt!

Was fällt Ihnen zur „Schweiz“ ein? „Wilhelm Tell“ ist sicher der am meisten mit der Schweiz assoziierte Name, wenn man diese Frage gestellt bekommt. Diese von Friedrich Schiller weiten Kreisen bekanntgemachte Figur geht auf eine Legende zurück, die im Laufe der Zeit sicher so manche Veränderung erfahren hat. Dennoch scheint sein „Tell“ sich gut in die Historie der Schweizer einzufügen.

Überall in der Stadt werden seit dem 31. Juli Fahnen aufgehängt, die Bundesfeier wird vorbereitet. Vereinzelt sind schon Feuerwerkskörper zu hören, dem ersten Verkaufsstand bin ich direkt am Bahnhof begegnet. Ich bin über den Nationalfeiertag zu Besuch bei einem Freund in Aarau, der Hauptstadt des Kantons Aargau.

Uri, Schwyz und Unterwalden, das waren die drei ersten Kantone, die sich 1291 zur „Alten Eidgenossenschaft“ zusammenschlossen, dem Vorläufer der heutigen Schweiz. Zu diesen gesellten sich im Laufe der Zeit noch weitere hinzu (zuletzt 1979 „Jura“), heute sind es 26 an der Zahl. Auch wenn das genaue Gründungsdatum und die damit verbundenen Dokumente nicht unumstritten sind, gilt der 1. August seit etwa 120 Jahren als offizieller Nationalfeiertag.

Der 1. August ist den Schweizern heilig, feiern ist anscheinend Ehrensache. Ganz anders in Deutschland, wo der 3. Oktober und auch früher der 17. Juni in der Bundesrepublik mehr als bezahlte Freizeit angesehen wurde als ein Tag zum Feiern oder zum Gedenken. In gewisser Weise scheint mir das auch verständlich. Im Gegensatz zur relativ jungen Geschichte von BRD und DDR und dem erst vor 20 Jahren wiedervereinten Deutschland blicken die Schweizer inzwischen auf über 700 Jahre Geschichte seit ihrer Gründung zurück. Entsprechend haben sich ganz andere Gewohnheiten entwickelt. Bedenkt man, dass Deutschland allein in den letzten 100 Jahren quasi mehrfach neu „gegründet“ wurde, wundert es nicht, dass die hiesigen Feiertage von weiten Bereichen der Bevölkerung nicht so wirklich ernst genommen werden.

Eiger, Mönch und Jungfrau

Die Bundesfeier wird in der Schweiz aber nicht als ein einziges großes Ereignis gefeiert. Vielmehr finden sich im ganzen Land viele kleine Gruppen zusammen und man hat den Eindruck, dass doch irgendwie jeder Schweizer an einer solchen teilnimmt, sofern er/sie nicht arbeiten muss. Polizei, Feuerwehr, Gastronomie, Verkehrsbetriebe … alle diese sind kaum zu beneiden, aber viele werden versuchen, in der Woche um den 1. August herum Urlaub zu nehmen.

Wir sitzen in einer Strandbar flussabwärts der Kraftwerksinsel von Aarau, dem Summertime. Hier trifft sich der Freundeskreis, um gemütlich zu trinken, essen und natürlich zu schwatzen. Sogar aus Zürich sind Leute angereist. Gegen 23 Uhr versammelt sich die Menge am Ufer der Aare, um das von einem professionellen Unternehmen vorbereitete Feuerwerk zu genießen. Das überwiegend jugendliche Publikum benimmt sich gar nicht anders, nur weil es die Bundesfeier ist. Ganz anders war da eine ältere Gruppe im Kanton Thurgau, mit der ich vor einigen Jahren gefeiert habe. Dort wurde feierlich und im Stehen die Nationalhymne intoniert! Mag dies auch nur eine Kleinigkeit sein, und das Alter spielt vielleicht wirklich eine Rolle, aber es zeigt sehr deutlich, dass man niemals ein ganzes Volk nur nach den Gewohnheiten einer relativ kleinen Gruppe beurteilen sollte. Es sind die Menschen und unzweifelhaft auch die Gruppendynamik, die solche Unterschiede bestimmen. So war diese Reise auch ein guter Anlass, einige Vorurteile abzubauen und über weitere intensiv nachzudenken. (Sf)

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