Der Mensch ist als Schnäppchen wieder im Angebot
Erst sollte künstliche Intelligenz ganze Berufe ersetzen. Nun wird ihr eigener Fleiß zum Kostenproblem und ausgerechnet der Mensch kehrt als Sparmaßnahme zurück.
Ein Satz. Zwei Zeilen. Ich hielt ihn für Satire.
„Wir haben einen jungen Programmierer eingestellt, damit wir für die einfachen Aufgaben nicht so viel Geld für künstliche Intelligenz ausgeben müssen.“
Bitte was?
Man muss ihn zweimal lesen.
Ich habe ihn dreimal gelesen.
Noch vor Kurzem gehörten Programmierer zu den ersten Berufen, die durch künstliche Intelligenz bedroht schienen. Die Maschine schrieb plötzlich selbst Programme, fand Fehler, baute Internetseiten. Schneller als der Mensch, rund um die Uhr und ohne den Wunsch nach einem höhenverstellbaren Schreibtisch.
Nun stellt man einen Menschen ein, damit die Maschine nicht so teuer wird.
Der Programmierer ist zurück.
Nicht als unersetzlicher Schöpfer der digitalen Zukunft.
Als Sonderangebot neben der Kasse.
Ob der Satz je so gefallen ist? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist er nur eine gute Pointe. Aber ich arbeite seit Jahren täglich mit diesen Maschinen. Ich lasse sie schreiben, rechnen, recherchieren. Ich dachte, ich wüsste, was sie können.
Ich wusste nur nicht genau, was sie kosten.
Also habe ich nachgerechnet. Und je länger ich rechnete, desto weniger musste ich lachen.
Aber der Reihe nach.
Die KI-Helfer der Programmierer waren anfangs Einflüsterer. Der Mensch begann eine Zeile, die Maschine schlug vor, wie sie weitergehen könnte. Eine Wortergänzung mit Universitätsabschluss.
Inzwischen flüstert sie nicht mehr. Man gibt ihr einen Auftrag, und sie öffnet Dateien, ändert, testet, liest Fehlermeldungen und versucht es erneut. So lange, bis es klappt oder die Buchhaltung anruft.
Sie schreibt nicht mehr mit. Sie arbeitet.
Und genau das kostet. Denn eine solche KI hat die Antwort nicht fertig in der Schublade. Sie hat nicht einmal eine Schublade. Für jeden Auftrag liest, vergleicht, rechnet und schreibt sie von vorn, und bezahlt wird nach der Menge, die dabei durch die Maschine läuft. Die großen Anbieter haben ihre Preise längst umgestellt: von der Pauschale zum Verbrauch.
Die künstliche Arbeitskraft zum Festpreis war eine schöne Illusion. Sie teilte das Schicksal jedes Buffets.
Irgendwann rechnet der Wirt nach.
Rechnen Sie kurz mit. Nehmen wir an, eine kleine Anfrage kostet vier Cent. Ein selbständig arbeitender Auftrag liest und schreibt leicht das Hundert- oder Tausendfache. Aus vier Cent werden vier Euro, werden vierzig Euro. Vierzig Euro sind noch kein Monatsgehalt. Aber bei 25 solchen Aufträgen am Tag und 20 Arbeitstagen liegen am Monatsende zwischen 2.000 und 20.000 Euro auf dem Tisch.
Autsch.
Die vier Cent sind eine Annahme, kein Tarif. Die Richtung stimmt trotzdem.
Der künstliche Mitarbeiter verlangt weiterhin kein Gehalt, keinen Obstkorb, keinen Betriebsausflug.
Er hat nur einen sehr hungrigen Taxameter.
Richtig absurd wird es bei Aufgaben, die jeden Tag gleich ablaufen. Ein Unternehmen muss täglich 5.000 Dateien nach festen Regeln sortieren und umbenennen. Man kann jeden Morgen eine KI beauftragen. Sie liest, prüft, denkt, staunt und beginnt am nächsten Morgen von vorn. Oder ein Mensch schreibt einmal ein kleines, gewöhnliches Programm.
Danach läuft es.
Ein solches Programm denkt nicht. Genau das ist sein größtes Talent. Die KI glänzt, wenn eine Aufgabe neu ist, unklar, wechselhaft. Für die immer gleiche Tätigkeit aber ist sie ein Architekt, der jeden Morgen ein Garagentor neu baut, statt das vorhandene einfach zu öffnen und wieder zu schließen, wenn das Auto rausgefahren ist.
Er wird also eine prima Lösung finden.
Er wird sie sogar blumenreich und sehr überzeugend darstellen.
Die Frage ist nur, warum man ihn erneut bestellt hat.
Der entscheidende Vergleich lautet deshalb nicht: Mensch oder Maschine? Er lautet: Soll die Maschine jedes Mal neu nachdenken – oder baut ein Mensch einmal eine feste Lösung?
Dann fiel der Groschen.
Seitdem sehe ich das Muster überall.
Sie kennen die Frage nach den Öffnungszeiten. Im Kundendienst beantwortet die KI genau diese Frage jedes Mal, als wäre sie ihr noch nie gestellt worden. Diese Frische muss man ihr lassen. Bezahlen muss man sie auch. Ein Mitarbeiter baut in einer Woche einen Antwortkatalog, der danach praktisch kostenlos läuft.
Die Übersetzer hatten ihre feste Lösung sogar längst erfunden: den Übersetzungsspeicher. Einmal übersetzt, für immer gemerkt. Wer heute die KI jeden Morgen dieselben Vertragsklauseln neu übersetzen lässt, hat den Architekten ans Garagentor zurückbestellt.
Diesmal mit Fremdsprachenzuschlag.
In der Buchhaltung überlegt die Maschine bei jedem Beleg aufs Neue, was ein Tankbeleg ist. Sie kommt zuverlässig zum selben Ergebnis. Bezahlt wird trotzdem die ganze Denkphase immer wieder neu.
Und in der Amtsstube kostet der Standardbescheid aus dem Textbaustein Bruchteile eines Cents. Das Sprachmodell formuliert ihn für ein Vielfaches jedes Mal neu, und jedes Mal ein bisschen anders.
Kreativität ist im Bescheidswesen eben auch keine Tugend.
Überall dieselbe Frage: Braucht diese Aufgabe einen Denker? Oder nur eine Lösung?
Bis hierhin ist es eine Geschichte über Geld. Aber dabei bleibt es nicht.
Und genau hier beginnt die eigentliche Lehre.
KI-Arbeit ist nämlich – noch – nie von allein fertig. Am Ende muss ein Mensch prüfen und abnehmen: ob der Text stimmt, der Vertrag hält, der Code nicht an einer Stelle ein Problem löst und an drei anderen neue erzeugt. Prüfen kann nur, wer Erfahrung hat. Die Stunde des Erfahrenen ist die teuerste im Haus. Und je fleißiger die Maschine, desto höher stapeln sich die Vorgänge zur Freigabe auf dem Schreibtisch.
Der wahre Preis der KI ist ihr Verbrauch plus der Mensch, der ihr hinterherprüft.
Gespart aber wurde zuerst bei den Anfängern. Ihre Einstiegsaufgaben galten als leicht ersetzbar: kleine Fehler beheben, Standardfälle bearbeiten, Routinen erledigen. Arbeiten, an denen man Geld verdient und vor allem Erfahrung sammelt.
Nur: Der Kanzlei-Partner, der heute den KI-Vertragsentwurf prüft, war einmal der Anwalt im ersten Jahr, der Verträge sortierte. Der Oberarzt, der die KI-Diagnose gegenzeichnet, hat als Assistenzarzt tausend Routinebilder gesehen. Der Redakteur, der den Maschinentext glattzieht, hat als Volontär Meldungen getippt.
Niemand wird als Prüfer geboren.
Man durfte einer werden.
Wenn niemand mehr unten anfängt, fehlen später genau die Leute, die oben abnehmen sollen. Eine Branche, die ihre Lehrlinge abschafft, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann nur noch Meister und Maschinen in der Werkstatt stehen.
Und die Meister werden irgendwann in Rente gehen.
Vielleicht kehrt der Anfänger deshalb zurück.
Nicht, weil die KI zu wenig kann.
Sondern weil sie zu viel übernimmt. Sie erledigt die Anfängerarbeit und die Lehrjahre gleich mit.
Ohne Lehrjahre aber wächst niemand nach, der ihre Arbeit beurteilen kann.
Der junge Programmierer aus dem Eingangssatz ist darum ein doppeltes Schnäppchen: Er macht aus einfachen Aufgaben feste, billige Programme. Und er sammelt dabei die Erfahrung, die man später braucht, um die Maschine zu kontrollieren.
Zwei Fliegen, ein Gehalt.
Der Mensch ist deshalb nicht grundsätzlich billiger als künstliche Intelligenz. Eine KI entwirft in Minuten, wofür ein Mensch Tage braucht, und das bleibt ihr Verdienst. Aber nicht jede Aufgabe braucht einen künstlichen Denker.
Und keine KI haftet für sich selbst.
Bisher lautete die Frage: Was können wir noch von der KI erledigen lassen?
Künftig fragt die Buchhaltung häufiger: Muss sie das wirklich erledigen?
So schließt sich der Kreis.
Zuerst schrieb der Mensch Programme.
Dann schrieb die künstliche Intelligenz Programme, um den Menschen zu ersetzen.
Nun schreibt der Mensch wieder Programme, damit die künstliche Intelligenz nicht bei jeder Kleinigkeit von vorn beginnt.
Der Mensch ist deshalb noch nicht wieder unersetzlich.
Nur überraschend günstig.
Man sollte zugreifen.
Solange der Vorrat reicht.